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Technoide Seifenblasen

Angesichts des Todes sucht man etwas Unvergängliches, Bleibendes. Gott selbst als sich offenbarender Gott ließ die Menschen noch daran teilhaben-wir allerdings suchen ihn nicht mehr. Wir glauben an die Kunst! Wenn man an die Kunst glaubt, dann kann das kein Spaß sein, also nichts was man so nebenbei betreibt, kein Hobby und keine Nebensache! Deshalb geht auch nicht der flapsige Ton von Oben herab bei Poetry Slams, Lesebühnen und sonstigen Veranstaltungen. Diese drohen immer mehr zu einem noch schwächerem Kabarett zu verkommen, es ist das kleine und billige Theater, die Komödie, welche das Volk bei Laune zu halten hatte, Jahrmarktsspektakel. Dessen sind sich vielleicht viele der Lesebühnentreibenden nicht bewußt? Manche versuchen gar noch politisch rüberzukommen, dabei haben sie nur systemergänzende und erhaltende Funktionen, wirklich zersetzend und subversiv wäre nur, die Verhältnisse, welche nicht mehr zum aushalten sind in ihrer Unterdrückung jeder wirklich freien Wahl bloßzustellen. Etwas zu tun um Still zu sein, nichts zu tun. Um zu schlafen…um Kunst zu treiben- nicht um zu verdienen, oder einen Markt zu erobern oder sich einen Namen zu machen – um Kunst zu machen. Ein Stück der Ewigkeit anzugraben, Selbstzweckhaft dahingestellt. Das Vorwort zum „Bildnis des Dorian Gray“ spricht davon, Carlos Monsiváis sprach davon in einem Interview mit einer unsäglich dummen Fernsehmoderatorin. Als ob es darum gehe, seinen Namen irgendwo in die geschichtsvergessenen Köpfe der Mitmenschen einzuritzen, nein ins Allerheiligste, in die Bibliothek soll nicht der Name, sondern das Werk! Literaturwissenschaft ist keine Namensshow, es geht um die Texte ganz allein. Deshalb ist es mir auch ein wenig schleierhaft, wenn man sich in der Wissenschaft mit dem Flüchtigen, dem Einfachen, vergänglich auseinandersetzt. Das einzige worum es gehen kann, ist das was bleibt. Nach dem Sturm der Zivilisationen, nach den Wirren der Alltäglichkeit, des sich selbst zu wichtig nehmenden Betriebes. Für mehr Unvergängliches, hohes, alleinstehendes, elitäres! Das Wahre ist einzig! Der Arielismus beflügelt uns aufs neue…es geht um die einzige Kunst, die Kunst die uns vom Dasein erlöst, Filme reden nur über das Dasein, es selbst auszudrücken vermag nur die Literatur, der Text. Sich selbst sein, ganz ich, dass ist man vor allem und nur im Text. Während des Schreibens in sich selbst, auf sich selbst zurückfallen, ohne Quellenangabe zitierend ohne aus dem Schreibfluss zu kommen und von sich selbst zu entfernen. Deshalb genügt ein Essay den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht- er ist der Versuch das Denken im Text zu sich kommen zu lassen. Die methodisch unmethodische Antwort auf eine Welt des Betriebes, in der es nicht darum geht, zu sich zu kommen, sondern nur darum sich in den Betrieb einzupassen. Die richtige Form zu wählen um anzukommen, um Reputation zu gewinnen. Der Essay ist nichts von alledem, er steht im Hier und Jetzt des Denkens, verankert in der Situation. Er ist eine Antwort auf die Uhr. Da im Zeitalter des Internets und des Films, des Modernen Romans, die Synchronizität aufgehoben ist und wir überall zu gleich immerfort sein können, könnte der Essay eine formale Antwort darstellen. Jedoch ist im Internet, die Lesefähigkeit auf Aphorismen zusammengekürzt, das „Fasse dich kurz!“ des Essayisten ist zum „Spuck auf den Leser!“ des billigsten Bild-Journalismus verkommen. Bewirf ihn mit Informationen, lass ihn nicht durchatmen, nicht etwa eigene Gedanken finden… das wäre die Katastrophe. Beschäftigtes hinterherrennen ist die Erscheinung heute. Man läuft im Kreis und in der Stadt dem Ort der rastlosen Bewegungslosigkeit, den Ereignissen auf der Spur, die nichts Bedeutendes mehr haben weil die Bedeutung mit dem Publikum abhanden gekommen ist. Nur die Spur selbst ist das Bedeutende. Das Publikum sind heute zwanzig Betrunkene auf einer Wiese im Stadtpark, die dem betrunkenem Bass zugrölen, der unter Ihnen tobt. Es ist der Rhythmus, jenes nie schweigende ruhelose Pulsieren, ein Herzschlag, die Lebenszeit die auf dem Spiel steht, die verschwendet wird. Verschwende deine Jugend wie dich selbst und hoffe nicht auf Morgen wenn du jetzt der Rhythmus sein kannst. All das sind nur Versuche hinter die Bedeutung eines elektrischen Basses zu kommen, Näherungen an die Präsenz eines Signals. Einen Klick weiter wartet schon ein anderes Störgeräusch, mit dem mobilen Rechner geht es zum nächsten Stadtpark auf die nächste Weide der Bedeutungslosigkeit. Was sind schon die Namen der dort auftretenden, die Gruppen welche das notwendigste Organisieren, alles Chiffren die nur die Theoretiker interessieren, das Flüchtige und wandelbare Fluide ist schon mindestens fünf Parks weitergezogen, bevor diese am Ort des Geschehens ankommen und immer schon weg. Die Kommunikationsmethode ist der Inhalt selbst, das Internet kristallisiert sich zu Farbtupfern und Menschentrauben, die sich auflösen und neu sammeln, kleine Blasen des Glücks, der Verderbnis all des menschlichen und allzu menschlichen. Der Seifenblasenmann im Mauerpark ist das auf Dauer stellen dieser Metapher eines fragilen Nichts mit Großbuchstaben.

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