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Warum zögern sie Frau Dr. Merkel?

Der Grund warum Merkel sich nicht für Sanktionen stark macht und mit ihrer Verzögerungs- und Hinhaltetaktik meint Erfolg zu haben, ist, dass sie  genau ein  Teil jener selbstreferentiellen Politikerkaste ist, die sie mit Janukowytsch dabei kritisieren würde. Das Problem dieser Kaste ist, dass sie sich keine wirklich politischen Fragen mehr stellt- sondern Spiegelfechterei betreibt, die  sie als alternativlos darstellt, dabei immer in der Gegenwart und den Forderungen  des Tages verharrt – ein Sich-Durchwursteln als große Kategorie.

In der Ukraine sehen wir, wie Menschen eine echte Demokratie und Mitbestimmung fordern, und nicht jenes Marionettentheater,  was von Russland kontrolliert wird, und dabei nichts anderes  ist als das, was Putin uns vorführt. Das war auch der Ausgangspunkt der Proteste im November und Dezember, nicht die reine Frage pro- oder kontra-EU.  Die  Frage nach echter  Demokratie  ist eine Frage der nächsten Generationen und vor allem in einem globalen Kontext zu stellen. Ich zweifle, ob Merkel mit ihrem Begriff einer „Marktkonformen Demokratie“ dafür die Richtige ist. Das Primat des Politischen zurückzugewinnen, traue ich ihr nicht zu. Und genauso ist das handeln der Bundesregierung in dieser Frage. Wir können eben nicht zuschauen, wie um die europäische Insel herum  die Demokratie immer weiter ausgehölt wird und sich allein auf Wahlen beschränkt.

Echte Demokratie fordert ein breites zivilgesellschaftliches Engagement in allen Bereichen- nicht das Abgeben der Stimme ins Ungewisse einer kurzen Zukunft, Legislaturperiode genannt, die jedes  weitere Einmischen politisch bewusster und engagierter Staatsbürger rigoros und vor allem polizeistaatlich ausschließt. Deshalb ist es problematisch, wenn wir in Deutschland und  in Frankfurt und Hamburg dabei zusehen, wie genehmigte Demonstrationen polizeitaktisch eskaliert werden. Sanktionen zu fordern bedeutet auch nicht, sich den neuen rechten Strömungen, die es in der Ukraine gibt an den Hals zu werfen und gemein mit ihren antidemokratischen Plänen zu machen.  Eine funktionierende Zivilgesellschaft und echte Mitbestimmung, die es braucht, um dieser Gefahr entschlossen und solidarisch entgegenzutreten entsteht jedenfalls nicht, wenn man als Demokrat mit den Händen in den Taschen  dabei zusieht, wie rückwärtsgewandte Strömungen in einem Kampf jeder gegen jeden. die Oberhand gewinnen um dann immer dem jeweilig neuen Gewinner zur Wahl zu gratulieren.

Sanktionen gegen ukrainische Politiker würden bedeuten, dass man sich auf Basis eine Grundlage darüber entscheiden muss, was echte und was falsche Demokratie ist. Da Merkel Entscheidungen umgeht, wie der Teufel das Weihwasser wird ihre nicht-Durchsetzung nur ein Beweis für ihre Haltung sein, an der Seite Obamas weiter Demokratie nur vorzutäuschen-  wie sie damit durch die nächsten 20 Jahre kommen will, bleibt dabei  ihr Geheimnis und auch das all derer die behaupten, man könne sich ohne Entscheidungen durchs Leben mogeln.

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Kleiner Lagebericht aus dem Krimiwunderland- von verschwundenen Politikern, Knastansprachen und wieder zurück zur Bibliothek, in der ich sitze.

Die Tagespresse hier ist voll vom Falle Diego Fernández de Cevallo. Jeden Tag neue Artikel. Proceso, das wohl am stärksten vertretene Politmagazin auf dem mexikanischen Print-Sektor hat gleich mehrere Seiten jener Persönlichkeit gewidmet, die genau am Tage meiner Ankunft hier als verschwunden galt. Fast pittoresk, was in der mexikanischen Politik so alles vor sich geht, ging und gehen darf.
Jener illustre Herr Cevallo ist aus deutscher Sicht ein Musterbeispiel für den mexikanischen Korruptionsfilz. Ich warte noch auf den(!) Gangsterfilm mit ihm im Mittelpunkt. Nicht nur dass er seine Hände als Sprecher für eine Klinik im Spiel hatte, in der Narcobosse Gesichtsoperationen bekamen, nein hauptsächlich verdiente er sein Geld als Anwalt und machte es sich zur Aufgabe, den Staat, im Auftrag von ehemals enteigneten reichen Großgrundbesitzerfamilien um größere Millionenbeträge zu erleichtern. An diesen Beträgen verdiente er als Anwalt soviel mit, dass er sich gleich mehrere Ranches im ganzen Staatsgebiet von Mexiko kaufen konnte. Einen Interessenkonflikt zwischen seiner Tätigkeit als Anwalt und gleichzeitiger Staatsdiener sah er dabei nicht. Diese Einstellung teilt er übrigens mit den Vertretern des alten PRI-Apparates.
Solch eine Ranch darf man sich ungefähr so vorstellen, dass dazu neben ausgedehntem Grundbesitz auch eines oder mehrere Dörfer gehören, in welchem er die Straßen reparierte und für welches er als „Patron“ galt. Die Menschen dort bewunderten ihn, beten jetzt auch für ihn Rosenkränze, denn damals baten sie ihn ja auch um Arbeit und alles was sonst noch dazugehörte. Proceso beschreibt diesen Habitus des Politikers zu Recht als Neofeudal. Auf einer von diesen Latifundien wurde er denn nun auch entführt. Das Entführerfoto wurde über Twitter und Facebook verbreitet, mehrere mexikanische Behörden haben mittlerweile auch die Echtheit zertifiziert.
Was man allerdings nicht zugeben möchte ist, dass es sich um ein organisiertes Kartell oder Profis handelt. Das Hauptproblem für die mexikanischen Behörden ist, das jener Diego de Cevallo einer der wichtigsten Vertrauten des amtierenden Präsidenten ist. Man munkelt sogar, das Kabinett gehorchte bis dahin mehr ihm, als Calderón selbst. Dies ist zumindest ein Zeichen, ein Zeichen für Calderón und den „Krieg gegen die Drogen“, der jetzt schon mehr als zwei Jahre andauert. Das Zeichen jedenfalls sagt: „Es kann jedem passieren, wir kriegen euch alle!“
Deshalb wird es auch halboffiziell als Versuch eines erzwungenen Friedens der Narcomafia interpretiert. Hoch im Kurs stehen jedenfalls das Juarez-Kartell, dessen Anführer „El Chapo“ Gúzman seit seiner spektakulären Flucht aus einem Gefängnis in Jalisco nationale Berühmtheit erlangte und auch erst kürzlich seine Frau befreite. Aber auch die „Zetas“, eine übergelaufene Spezialeinheit der Polizei, die durch Enthauptungen ihrer Gegner vor laufender Kamera und Gewalt gegen Migranten auf sich aufmerksam machte, werden gehandelt.
Nichts genaues weiß man nicht, nur dass die Familie von Diego jetzt um Ruhe bittet. Hat sich natürlich keiner dran gehalten, die PGR (Generalstaatsanwaltschaft Mexikos, Ironie der Geschichte: den Generalstaatsanwalt hat Diego noch selbst ernannt…) fuhr erst mal vor den Pressefotografen alles auf, was sie so zu bieten hatten. Viele Hunde, schwerbewaffnete Polizisten und sogar Aufklärungsdrohnen wie im Irak erkundeten die weitläufigen Gebiete der Ranch von Cevallo.
Unterdessen wird der PRD Kandidat von Quintana Roo wegen Drogenhandels ins Gefängnis geworfen und hält dort lustige Ansprachen, die mich vom Pathos her ein bisschen an die legendäre Rede von Allende im Präsidentenpalast erinnerten, nur mit einer viel hässlicheren bösen Narcostimme, die man nun wirklich keineswegs ernst nehmen kann. Auch möchte ich mich hier ausdrücklich davon distanzieren, Allende und diesen Typen gleichzusetzen.
In Jalisco diskutiert man derweil, als gäbe es sonst nichts zu tun über die „Pille danach“ für Frauen die vergewaltigt worden sind (Aus meiner Sicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber ich bin ja auch kein Katholik!). Derweil wurde ein Gefängnis gleich hier um die Ecke vom Militär gestürmt und dabei wurden nicht nur Gefängnisse in den Gefängnissen aufgedeckt, sondern Waffen, Drogen und weitere offen zu Tage liegenden dunkle Geheimnisse des mexikanischen Strafvollzuges sichtbar. Der PRD Mann dürfte jedenfalls keine großen Probleme im Knast haben, gehört er doch zu den einflussreichen Herren, die in solchen Anstalten einsitzen werden.
Die Wahlallianzen in den einzelnen Bundesländern zwischen PAN und PRD dürften durch all diese Enthüllungen und Anschuldigungen noch weiter in ihrer substanzlosen Wackligkeit entlarvt werden. Unterdessen gewinnt bei alldem Chaos die PRI wieder an Fahrt und wird sich wohl Staat um Staat zurückholen. Dann ist alles wieder beim alten, der Drogenkrieg wird wohl beigelegt werden und der nächste Präsident wird wieder ein Vertreter der alten PRI-Doppelzüngigkeit sein. Das wird für alle Politikwissenschaftler ein historisch einzigartiges Beispiel für eine Transition des Staates von der Scheindemokratie in eine Scheindemokratie mit fast-Bürgerkrieg zurück zum alten Autoritarismus des PRI Systems.
Für eine Äußerung zum erst kürzlich geschehenem Doppelmord an den Menschenrechtsaktivisten aus Mexiko und Finnland, die in Oaxaca von einer bewaffneten Organisation mit PRI Verbindungen verübt worden (MULT), hat Calderón dann doch endlich ein paar Worte gefunden, es hat auch nur 21 Tage gedauert! Er versicherte der Botschafterin Finnlands jedenfalls gerechte Strafen und Ermittlungen. Wie er diese Versprechen umsetzen will ist ihm wahrscheinlich selbst noch ein Rätsel.
Der US- Kongress und darunter besonders die Republikaner, straften ihn mit Missachtung und applaudierten auch nicht, als er bei seinem Besuch neulich die Forderung vortrug, die großen Brüder sollten doch mal über ihre Waffenexporte nachdenken und vielleicht auch doch noch ein zweites Mal über die Verschärfung des Migrationsgesetzes von Arizona. Obama kündigt derweil ganz gewitzt an, er könne den armen Calderón durchaus verstehen und sei an seiner Seite, schickt aber im selben Atemzug 1200 Nationalgardisten an die Grenze.
Unterdessen gefällt mir 2666 immer mehr und irgendwie werde ich den alten Dichterfürst Octavio Paz und seinen mit einem Seufzen verbundenen Ausspruch nicht los: „El problema de México no es el PRI, el problema de México es, si el méxicano se deja gobernar sin el PRI.“
Der CIA hat es schon lange gewusst und war deshalb auch schon vor reichlich sechs Wochen durch seinen Chef, der zu Einzelgesprächen einlud vor Ort. Der Weg für die Transition zum PRI- System der Friedhofsruhe ist also bereitet…wenn, ja wenn da nicht auch noch ein anderes, schmutziges und von der Sonne gegerbtes, lederhäutiges Mexiko der Habenichtse irgendwo am Boden der Geschichte schlafen würde. Ob dies aber aus seinem Jahrhundertschlaf erwacht, erwachen kann und worauf sich seine Wut dann richtet, wird sich zeigen, wenn die erste große Revolution des vorigen Jahrhunderts ihr Hundertstes feiert.

Guadalajara, Jalisco, Mexiko

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Veranstaltungshinweis, Politik und Käse

Anlässlich einer Veranstaltung an der ich als Übersetzer mitwirken möchte hier auch noch einen Informationstext zur aktuellen Lage und die Bedeutung politischer Konflikte in Mexiko. Der Text ist eine Übersetzung eines Artikels aus El País, die ich heute angefertigt habe. Der Artikel ist meiner Meinung nach ein sehr guter Kommentar zu den aktuellen Problemen der Politik in Mexiko. Ich teile die Meinung des Autoren nicht in jedem Sinne (zum Beispiel würde ich in Frage stellen dass jene Kampagne AMLO’s wirklich alle erreicht hat). Die grundlegende Analyse des offenen unbewältigten Konfliktes in Mexiko teile ich allerdings. Außerdem gehört der Käse aus Oaxaca zu meinen Lieblingsspeisen und ich mochte die Metapher sehr.

Nun möchte ich aber den Artikel für sich sprechen lassen.

[Für alle die „Oaxaca“ zum ersten mal lesen und etwas schwierig finden, es wird „Oachaka“ gesprochen, dann wird es einfacher…]

Raymundo Riva Palacio

Die politische Klasse Mexikos ist ein Knoten. Man weiß es, aber man tut nichts dafür ihn zu entwirren.

Im Bundesstaat Oaxaca gibt es eine spezielle Käsesorte, die den Namen des Bundeslandes trägt. Dieser Käse ist weiß, rund und wie ein Knoten geformt. Es ist vielleicht seltsam, aber so wie der Käse sind in etwa auch oaxacanischen Politiker: verwickelt und kompliziert. Genau um die Einwohner Oaxacas gibt es in den letzten Tagen in Mexiko eine große Debatte, die nicht nur mit diesen zu tun hat, die aber dadurch diesen verlogenen Beigeschmack bekommt. Es geht um eine Allianz zwischen der PAN, der Partei an der Macht, und anderen Parteien des linken Spektrums, weil es in den Wahlen im Juli um ganze zwöf Gouverneursposten gehen wird – das ist immerhin die Hälfte der nationalen politischen Gewalt – könnten zumindest fast die Hälfte davon sich zu einer Allianz zusammenschließen, um der PRI die Stirn zu bieten. Diese Allianzen haben ein politisches Trommelfeuer zwischen den einzelnen Parteien und in diesen selbst entfacht. Die Argumente sind immer dieselben: „Wie kann man eine Allianz schließen, wenn es der Ex-Kandidat der Linken, Andrés Manuel Lopez Obrador, nicht unterlässt, den amtierenden Präsidenten Felipe Calderón noch immer als „illegitim“ und „Strohpuppe“ zu bezeichnen?“.

Diese Anekdote, und mehr ist das schließlich auch nicht, hat dazu geführt, dass sowohl die Politiker als auch die Parteien Wahlallianzen aus unterschiedlichen Gründen ablehnen. Die PRIisten aus dem Grund, daß sie bei einem generellem Block gegen ihre Kandidaten in einigen der wichtigen Staaten diese Provinzen verlieren könnten. Die PANisten und die PRDisten zögern deshalb, weil sie der Dynamik ihres eingeschlossenen internen Auseinandersetzungen noch immer folgen. Aber die zur Schau gestellte Ablehnung der Allianzen haben keinen Sinn. Sie gehören bereits seit längerem zum Bühnenspiel mexikanischer Politik und sind laut der bundesstaatlichen Wahlgesetze für Oaxaca und auch in allen anderen 32 Bundesstaaten Mexikos erlaubt, welche die Abgeordneten aller Parteien selbst verabschiedet haben.

Die Intrige ist nicht, daß jetzt alle die „bastardische Natur“ einer solchen Allianz hervorkehren, extreme Stimmen nennen sie gar „undemokratisch“, sondern dass sich die öffentliche Meinung fesseln lässt von der Faszination an einer solchen politischen Pyrotechnik. Wenn es zwölf Governeursplätze gibt um die gerungen wird, für mindestens sechs davon eine Allianz von PAN und PRD im Gespräch war, warum ist es ausgerechnet der oaxacenische Gouverneur auf den rhetorisch geschossen wird?

Aus dem einfachen Grund, weil genau diesem eventuellen Kandidaten, dem Senator Gabino Cué, bedingungslos von Seiten López Obradors geholfen wurde. Beide betreiben über Monate hinweg eine Basiskampagne von Dorf zu Dorf bis in die marginalsten Gemeinden Oaxacas. Es gibt keine andere Allianz, in der die Beziehung zwischen dem Kandidaten und López Obrador so organisch und eng ist, wie in der Oaxacas, was den Kern der Debatte deutlich macht, der nicht diskutiert wird. Was noch immer ohne Lösung ist, das ist der Konflikt um die Wahlstreitigkeiten zur Präsidentschaftswahl von 2006, als Calderón die Wahl gewann und López Obrador um die 250.000 Stimmen verlor, die nie anerkannt wurden. Das ist das Problem im Hintergrund. Heute nennt man es Wahlallianzen, aber man könnte es auch anders nennen. Die Kategorisierung ist nur ein Vorwand für das echte ungelöste Problem der Auseinandersetzung um die Wahl, die Mexiko seit 2006 fest im Griff hat. Dieser Streit zieht sich auch durch den Wahlkalender hindurch, obwohl López Obrador weiterhin an Popularität verliert und seine Umfragewerte sinken, repräsentiert sein Wort doch noch immer das einer moralischen Autorität und eines politischen und sozialen Führers, dem ein bedeutender Teil der Mexikaner folgt, egal wohin und egal für was. López Obrador ist der einzige Politiker, dessen politisches Gewicht sich direkt in Stimmen messen lässt, wie er es in den Wahlen im letzten Sommer eindrucksvoll gezeigt hat, als sich die Zusammensetzung des Kongreßes erneuerte, und bei dem er aus Gründen der Uneinigkeit mit seiner Partei PRD eine Kampagne für die Partei der Arbeit (PT) fuhr. Die Verwirrung die López Obrador unter den linken Wählern stiftete war eine schmerzende Teilung für die PRD. Deren Stimmen fielen noch unter das Niveau von 1997 und sie wurden als dritte Kraft im Abgeordnetenhaus abgelöst. In zehn Wahlbezirken wurden sie sogar nur viertstärkste Kraft hinter den mexikanischen Grünen (Partido Verde), die eine Allianz mit der PRI eingegangen war. Sie verloren die meisten ihrer vorherigen Bastionen im Bundesland Mexiko City an die PRI und mußten zusehen wie sie mehr als fünfzig Prozent ihrer Kräfte in der Hauptstadt gegenüber der PAN einbüßten. Die Arbeiterpartei (PT) hingegen, die vorher immer Mühe hatte wenigstens zwei Prozent der Stimmen zu erreichen um gezählt zu werden, wurde auf sechs Prozent katapultiert und konnte die Mandate für Iztapalapa erobern, einer der sechzehn Wahlkreise in welche die Hauptstadt aufgeteilt ist. Dieser hat ungefähr zwei Millionen Einwohner und einen Jahresetat von ungefähr 3500 Millionen mexikanischer Pesos (269 Millionen Dollar).

Die Verwirrung die López Obrador also unter der gewählten Linken ausgelöst hat, führte also zu einer Teilung, deren Kosten immens waren. Dieses ganz spezielle politische Gewicht macht Obrador zu einem vorsichtigen Gegner. Aber er ist ein komplexer und schwieriger Rivale. Komplex weil seine fundamentalistische Natur ihm jede Form von Pragmatismus verbietet. Schwierig weil seine Welt nur Schwarz und Weiß kennt. Es ist ein Politiker der seine Kraft aus der sozialen Agitation gewinnt und den Protest bishin zu den Grenzen der Legalität treibt, immer darauf bedacht nicht das Gesetz zu verletzen. Seine Charakteristiken führten bisher immer zur Polarisierung, wie zum Beispiel in Tabasco, ein Staat im Südosten des Landes wo er um das Gouverneursamt kämpfte. Er hat das Ergebnis der Ablehnung nie akzeptiert und bereits seit mehr als einem Jahrzehnt den Protest injeziert, der diese Gemeinschaft spaltet. 2006 gelang ihm etwas ähnliches auf nationalem Niveau, als er eine politische Revolte anführte, die das Land bis heute spaltet. Man kann ihm aber diese Polarisierung die seit 2006 anhält nicht allein vorwerfen. Der damalige Präsident Vicente Fox hatte eine Kampagne losgetreten, die gerade gegen López Obrador gerichtet war und mit dem er ihn für eine kleine administrative Verfehlung als Governeur von Mexiko City ins Gefängniß werfen wollte. Das war auch nicht viel mehr als die negative Kampagne des Kandidaten Calderón, der sie nach dem rhethorischen Dreh gebaut hatte: „Lopez Obrador ist eine Gefahr für Mexiko!“. Die Gesellschaft Mexikos war bereits infiziert von jener politischen Klasse, die sich nur noch nach der aktuellen Konjunktur und nicht nach dem Morgen richtet. Die kürzlich entfachte Debatte um die Allianzen hat genau dies alles zu Grunde liegen. Der Konflikt von 2006 bleibt ohne Lösung, so vermitteln es jedenfalls die kommunizierenden Röhren die zur mexikanischen Politik gehören und einige verkümmerte Leitungskanäle zur Voraussetzung haben. Der unordentliche politische Zustand schadet Calderón und nützt López Obrador, der den Konflikt so drigend braucht wie der an Lungenentzündung Erkrankte seinen Sauerstofftank um zu überleben. Calderón hat Eile ein Stützgerüst zu bauen um zu zeigen, daß sein Vorpreschen in die Regierung die Mühe wert war. López Obrador hat alle Zeit der Welt, um sein Projekt zu konstruieren. Bei den politischen Erschütterungen die man heute in Mexiko lebt kann alles passieren, weil die Ungewißheit über irgendeine institutionelle Übereinkunft groß ist. Es kann keine wirklichen verändernden politischen Reformen geben, weil es dieser Konflikt verhindert. Es kann auch keine Neuordnung geben, auf die alle so drängen weil ein signifikanter Teil der Gesellschaft diese boykottieren würde. Es gibt auch keine Kompromiße die man auf lange Sicht schließen könnte, weil die menschlichen Faktoren die nun einmal interagieren immer 2006 als Basis der Verhandlung und des Mißgunstes haben. Die Wahlallianzen zeigen nur die wahre Größe des ganzen Problems im Hintergrund, zu dessen endgültiger Lösung die Politik bis jetzt nichts beitragen wollte. Ohne Zweifel kann man proklamieren, daß heutzutage die politische Klasse Mexikos oaxacenisch ist: verwickelt und verworren. Man weiß es, aber man tut nichts um sie zu entwirren und es scheint auch niemanden zu interessieren.

Raymundo Riva Palacio ist der Chef des Netzwerkes http://www.ejecentral.com.mx/

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Sächsische Verhältnisse im Jahre 2009 n. Chr.

Die allgegenwärtige Beredtheit zeugt nur von Vergessenheit. Über die Gründe des Schreibens hält man sich in der Regel bedeckt. Man versucht Seiten zu füllen ohne auf den aktuellen Anlaß des Sprechens zu verweisen. Die Medien sind interessanter, wenn man versucht von dem zu reden, was sie verschweigen.
So werden beispielsweise in der Sächsischen Zeitung lieber Straßenbauproblematiken in den Mittelpunkt [„Aufreger“] gestellt, als an wirkliche soziale Defizite erinnert. Migration ist nur einer davon. Migrant_innen kommen als wirkliche Menschen bei uns genausowenig zur Sprache wie überall sonst. Die echten Menschen werden ersetzt durch Schablonen, welche die Medien liefern und an welchen sich die professionellen Abschreibern lieber laben, anstatt sich der Arbeit auszusetzen, Neue zu erfinden.
In der „realistischsten“ Erzählform der Reportage von heute, wird das hundert Jahre alte Problem des Naturalismus am wenigsten bedacht. Die Welt abzubilden ist nicht möglich, das Vorhandene weiter zu zementieren jedoch wird allerorten weiter vorangetrieben. Der Migrant mit Kopftuch ist das Problem sagen sie uns, welches als Chimäre erkannt zu haben und kritisch anzusprechen die wenigsten Stimmen im herrschenden Diskurs mächtig sind. Wir haben uns an den Doppelsprech in Politik und Medien schon lange gewöhnt. Eigentlichkeit findet, wenn überhaupt nur noch in der Literatur und vielleicht noch in Kunstkinos oder auf dem Theater statt. Sich dieser Redeweise überhaupt auszusetzen haben die wenigsten den Mut und die Kraft. Die Seinsvergessenheit geht soweit, dass man sich in den Erzählungen des kleinen Glücks lieber zu Hause fühlt als in den Geschichten der großen Misere. Der neospiessige Biedermeier mit selbtgefü(h/l/r)lter Koksnase der Technokratenrepublik ist allgegenwärtig. Das und nur das ist der Sinn und die Aufgabe der Banalität und den Klischees entgegenzutreten, vielleicht kann man ja noch Hilfe von der Berliner Schnauze erwarten. Dies ist kein Gutmenschentum, sondern vitales Interesse [Achtung: pastorales Pathos!] eines jeden, der in einer Welt leben möchte, welche sich nicht selbst verwaltet, sondern Platz eröffnet, um zum Glück erst einmal den Weg zu suchen.
Bei einem Gespräch in der Arge (nicht Arche!) wurde dies zum wiederholtem Male deutlich. Denn es handelt sich ja schliesslich um eine „Einigung“ um die es geht, wenn man sich selbst unter Aufsicht der Bearbeiterin zu weiteren Bemühungen auf dem ersten Arbeitsmarkt verpflichtet. In die Pflicht genommen gibt man sich dann auch hin und signiert jenen nichtswürdigen Text, der zum wichtigsten Instrument geworden ist. Unser Credo in dürftigen Zeiten. Ich glaube an den Erfolg der fünfzehn Bewerbungen pro Gewährungszeitraum! Unnötig linguistische Einwände zu zitieren, in den Angestelltenköpfen der Gegenüber gibt es schlicht und einfach keinen Platz für solche Gedanken. Und so lässt man sich wie in Jugendjahren dazu hinab, sein Zimmer aufzuräumen, wenn die Mutti sagt: „laß UNS doch bitte Ordnung machen.“ Genau nach diesem Schema sagt die Mehrheitsgesellschaft integrieren. Wir wollen nichts wissen von euch, wir wollen keine echten Worte sprechen, wir wollen handeln in unserer hektischen Bewegtheit, die ihren Grund im Fortbestehen des Status Quo hat. Nichts soll sich ändern, deshalb interessieren wir uns nicht einmal mehr.
Wir stehen nicht zwischen den Dingen, sondern auf unserem bis an die Zähne bewaffnetem Standpunkt. Dass dieser der Beste ist, dazu dient uns in den gebildeten Köpfen noch Hegel. In den Ungebildeten ist es schlicht und ergreifend die Macht des Faktischen. Wir sind nun einmal hier und im Besseren zu Hause. Genau deshalb ist der Deutsche im Ausland auch blind, denn er versucht nur die Unterentwicklung, die vorher schon ausgemachte Sache ist, zu finden. Auch der kleinste Hartz 4ler wird dann noch anfangen von den Errungenschaften der deutschen Autoindustrie zu schwärmen, von denen er zu Hause bei N24 träumt.
Jener Standpunkt und die Angst vor dem Ungewissen einer offenen Zukunft ist auch der Grund, weshalb sich der Wahlbürger lieber zu einer sophistischen Märchenerzählerpartei hinreissen lässt, die ihm Bilder vom marktradikalem Schlaraffenland vorhält, ungefähr so, wie es auf den Marktplätzen der Frührenaissance jene Buchvorleser mit den Holzschnittabbildungen machten, die jedes Kapitel eröffneten. Der Märchenerzähler ist nicht jene freundliche Oma, die ihren Fensterladen öffnet und sich herabneigt, auch nicht der Sandmann, sondern der parlamentarisch verlängerte Arm derer, die uns dahin gebracht haben, wo wir jetzt sind und das Ganze auch noch als etwas Gutes bezeichnen, obwohl sie auf die Gefahren des „Außen“ verweisen, wenns kritisch wird. Dann streuen sie sofort Sand in die Augen oder Salz in die Wunden und dann geht’s eben auch ohne Abendgruss ins Bett, aber sofort: „Keine Faxen für Sachsen.“
Dass die Migrant_innen nicht von Außen zu uns, sondern aus uns selbst geboren sind, klingt metaphysisch und ist doch die einzige Wahrheit zu der wir fähig sein sollten. Wir (Europa) haben die Welt schliesslich historisch zwangsglobalisiert und wehren uns jetzt, die Suppe auszulöffeln. Wir können uns nicht einmal mehr dazu hinreissen lassen, still zu warten, bis uns die Geschichte überholt, sondern sind schon wieder dabei unsere „Meinungen“, auf die der Vulgärindividualismus sehr stolz ist, am Hindukusch und überall sonst in der Welt zu verteidigen. Dass dies Niemandem auffällt, liegt an der geschickten Tarnung als bewaffnetem Ratschlag zur Selbsthilfe. Als solche verpackten ihn noch die Conquistadorenseelenretter, über deren Verbrechen wir uns heute aufgeklärt zutiefst entrüsten können. Denn bei uns geht’s um Freiheit und Demokratie und für diese beiden geschundenen und durch unsere Gassen geschleiften, abgehalfterten Wesenheiten (denn nur als solches kennt man sie hier, über deren Doppeldeutigkeiten und Janusköpfe sprechen höchstens Philosophen oder linke Spinner), empfinden wir immer noch irgendwie Sympathie, obwohl sie allerorten dahinschmilzt unter dem Druck der mangelnden Handlungsoptionen und der „lauernden Gutmenschen“, die nur darauf warten jene alten Vetteln aufs neue auf ihre Fahnen zu spiessen und rumzutragen. Wir wissen nicht, wer mehr Angst macht: Leute die von Gutmenschen sprechen, oder echte hypothetische Gutmenschen.
Die Gleichheit und Brüderlichkeit, die lassen wir besser in der Ecke liegen. Ich glaube die haben Aids oder zumindest Schweinegrippe, um die kümmern sich bei uns jetzt die kirchlichen Einrichtungen.

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