Logbucheintrag

Im beschwingten Tangosound von Carlos Libendinsky in den Morgen hinein. Ein kalter und sonniger Morgen, heute wird die Demonstration der wall street Okkupanten stattfinden. Internationale Solidarität, die Zeitungen haben bereits ihr Artikel vorgeschrieben, in der Welt und dem Freitag lassen sich bereits erste Texte dazu lesen, dann noch schnell ein youtube video angeschaut, was deren Lautsprecherfunktion zeigt. Da Megaphone verboten sind, verstärken sich die Leute mit einer Masse aus Leuten, welche alles wiederholt, was die Sprecher vorsagen. Auch ganz interressant sind die verschiedenene Handzeichen, die Zustimmung, Wiederholung oder gar Ablehnung anzeigen sollen. Sehr interessant diese Ausgeburten aus den Köpfen einiger Sozialpädagogen. Dies kann sicher innerhalb einer grösseren Gruppe die Entscheidungsfindung verbessern, allerdings habe ich doch meine vielleicht kleinbürgerlichen Zweifel, ob genau dies wirklich den Entscheidungsstrukturen einer globalisierten Welt etwas entgegensetzen kann. Ich nehme an, dass es dort wie bei anderen Besetzungen (Hochschulen der letzten Jahre) einen harten Kern von Leuten gibt, welche auch auf der Strasse dort übernachten, wohingegen ein großer Teil Abends oder jedenfalls später wieder nach Hause geht. Irgendwie kennt man die Geschichte. Und die kalten Tage kommen erst noch.
Zumindest hat sich der New Yorker Bürgermeister erst mal gegen eine Räumung entschieden, was ja schon mal wirklich viel ist. Ich glaube trotzdem nicht daran, dass die Berliner heute lange auf dem Pariser Platz verweilen wollen, dass man sich ernsthaft zu etwas größerem zusammenschliessen will. Schon die Sprache der Zeitungen deutet es an, es wird von „Demonstrationen“ geredet. Wahrscheinlich ist die Strategie dahinter, die Menschen die zu dieser Veranstaltung komen auf eine langweilige Latschdemo festzulegen, von denen es in Berlin ja nun gerade eine Menge gab (Freiheit statt Angst, Anti-Pabst Demo). Alle waren einfach nur ein Zug von Menschen, mit Plakaten, welche brav die Straßen abmarschierten. Unter den Linden entlang, ein kleiner Herbstspaziergang, das hat ja noch nie geschadet, ich glaube niemand fühlt sich davon gestört und alle die dabei waren, können nachher vom guten Gewissen zehren, doch etwas getan zu haben. Nicht dass ich denke, man solle lieber Autos anzünden oder Brandbeschleuniger an Bahngleise legen, allerdings ist ein Plakat zu basteln irgendwie eine hoffnungslos romantische oder verzweifelte Tat. Was generell fehlt sind Kanäle auf denen sich diese Bürger mit ihrem Unbehagen auch einbringen können, was dann über die bloß symbolische Unmutsbekundung hinausgeht. Zivilgesellschaft die wirklich miteinbezogen wird in die Enstscheidungsfindung. Aber wahrscheinlich werden die ganzen Politiker sie erst mal alle in die Konzertierungszange nehmen, alle werden vorgespielt bekommen, etwas sagen zu dürfen und dann hinterrücks doch wieder über den Tisch gezogen zu werden. Energie in verlorene Sachen zu stecken, diese Erfahrung wird politischen newbies auf jeglicher Demo noch zu Teil werden. Ich bin gespannt und werde es mir doch nicht nehmen lassen, der Ratlosigkeit aller in die Augen zu starren und Teil davon zu sein. Unsere Generation ist vor die große Herausforderung gestellt hier wirklich etwas Grundlegendes zu ändern. Wirtschaft muss ja sicher nicht schlecht sein, in ihrem angemessenem Rahmen. Der freie Wettbewerb muss wieder in seine Grenzen in der Gesellschaft, nicht die Gesellschaft in allen Lebensbereichen diesem untergeordnet. Aber diese Phrasen kann eigentlich schon niemand mehr hören, das lese ich doch lieber weiter etwas Karl Mannheim, der mich gerade in den Ausführungen über Denkstile sehr fesselt.

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Einladung…

http://www.euroethno.hu-berlin.de/einblicke/aktuelles/veranstaltungen_content/workshop_decolonial

[17:46:20] siegfried schuster: ja cool ne
[17:46:30] siegfried schuster: komm doch mit
[17:44:01] siegfried schuster: texte haste auch dazu
[17:44:04] siegfried schuster: die les ich grade, on the edge of revolutionary academic thinking today würd ich sagen, akademistenrevoluzzer

[17:50:44] siegfried schuster: was auch das problem von post/dekolonialismus is irgendwie

[17:51:44] siegfried schuster: hat praktisch keinerlei auswirkungen oder umsetzung…außer in kleinen und kleinsten antira-initiativen wie der unseren oder dem antidiskreminierungsbüro…

[17:52:15] siegfried schuster: aber ne soziale bewegung oder sowas damit seh ick nich am horizont
[17:54:01] siegfried schuster: was mich betrübt…nur die aufsteigenden pseudo verwalter, junge leute die später mal in irgendwelchen büros zur entwicklungszusammenarbeit enden beschäftigen sich damit und zermartern sich die birne…während niebel mit der landserkappe durch afrika pöbelt…

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Technoide Seifenblasen

Angesichts des Todes sucht man etwas Unvergängliches, Bleibendes. Gott selbst als sich offenbarender Gott ließ die Menschen noch daran teilhaben-wir allerdings suchen ihn nicht mehr. Wir glauben an die Kunst! Wenn man an die Kunst glaubt, dann kann das kein Spaß sein, also nichts was man so nebenbei betreibt, kein Hobby und keine Nebensache! Deshalb geht auch nicht der flapsige Ton von Oben herab bei Poetry Slams, Lesebühnen und sonstigen Veranstaltungen. Diese drohen immer mehr zu einem noch schwächerem Kabarett zu verkommen, es ist das kleine und billige Theater, die Komödie, welche das Volk bei Laune zu halten hatte, Jahrmarktsspektakel. Dessen sind sich vielleicht viele der Lesebühnentreibenden nicht bewußt? Manche versuchen gar noch politisch rüberzukommen, dabei haben sie nur systemergänzende und erhaltende Funktionen, wirklich zersetzend und subversiv wäre nur, die Verhältnisse, welche nicht mehr zum aushalten sind in ihrer Unterdrückung jeder wirklich freien Wahl bloßzustellen. Etwas zu tun um Still zu sein, nichts zu tun. Um zu schlafen…um Kunst zu treiben- nicht um zu verdienen, oder einen Markt zu erobern oder sich einen Namen zu machen – um Kunst zu machen. Ein Stück der Ewigkeit anzugraben, Selbstzweckhaft dahingestellt. Das Vorwort zum „Bildnis des Dorian Gray“ spricht davon, Carlos Monsiváis sprach davon in einem Interview mit einer unsäglich dummen Fernsehmoderatorin. Als ob es darum gehe, seinen Namen irgendwo in die geschichtsvergessenen Köpfe der Mitmenschen einzuritzen, nein ins Allerheiligste, in die Bibliothek soll nicht der Name, sondern das Werk! Literaturwissenschaft ist keine Namensshow, es geht um die Texte ganz allein. Deshalb ist es mir auch ein wenig schleierhaft, wenn man sich in der Wissenschaft mit dem Flüchtigen, dem Einfachen, vergänglich auseinandersetzt. Das einzige worum es gehen kann, ist das was bleibt. Nach dem Sturm der Zivilisationen, nach den Wirren der Alltäglichkeit, des sich selbst zu wichtig nehmenden Betriebes. Für mehr Unvergängliches, hohes, alleinstehendes, elitäres! Das Wahre ist einzig! Der Arielismus beflügelt uns aufs neue…es geht um die einzige Kunst, die Kunst die uns vom Dasein erlöst, Filme reden nur über das Dasein, es selbst auszudrücken vermag nur die Literatur, der Text. Sich selbst sein, ganz ich, dass ist man vor allem und nur im Text. Während des Schreibens in sich selbst, auf sich selbst zurückfallen, ohne Quellenangabe zitierend ohne aus dem Schreibfluss zu kommen und von sich selbst zu entfernen. Deshalb genügt ein Essay den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht- er ist der Versuch das Denken im Text zu sich kommen zu lassen. Die methodisch unmethodische Antwort auf eine Welt des Betriebes, in der es nicht darum geht, zu sich zu kommen, sondern nur darum sich in den Betrieb einzupassen. Die richtige Form zu wählen um anzukommen, um Reputation zu gewinnen. Der Essay ist nichts von alledem, er steht im Hier und Jetzt des Denkens, verankert in der Situation. Er ist eine Antwort auf die Uhr. Da im Zeitalter des Internets und des Films, des Modernen Romans, die Synchronizität aufgehoben ist und wir überall zu gleich immerfort sein können, könnte der Essay eine formale Antwort darstellen. Jedoch ist im Internet, die Lesefähigkeit auf Aphorismen zusammengekürzt, das „Fasse dich kurz!“ des Essayisten ist zum „Spuck auf den Leser!“ des billigsten Bild-Journalismus verkommen. Bewirf ihn mit Informationen, lass ihn nicht durchatmen, nicht etwa eigene Gedanken finden… das wäre die Katastrophe. Beschäftigtes hinterherrennen ist die Erscheinung heute. Man läuft im Kreis und in der Stadt dem Ort der rastlosen Bewegungslosigkeit, den Ereignissen auf der Spur, die nichts Bedeutendes mehr haben weil die Bedeutung mit dem Publikum abhanden gekommen ist. Nur die Spur selbst ist das Bedeutende. Das Publikum sind heute zwanzig Betrunkene auf einer Wiese im Stadtpark, die dem betrunkenem Bass zugrölen, der unter Ihnen tobt. Es ist der Rhythmus, jenes nie schweigende ruhelose Pulsieren, ein Herzschlag, die Lebenszeit die auf dem Spiel steht, die verschwendet wird. Verschwende deine Jugend wie dich selbst und hoffe nicht auf Morgen wenn du jetzt der Rhythmus sein kannst. All das sind nur Versuche hinter die Bedeutung eines elektrischen Basses zu kommen, Näherungen an die Präsenz eines Signals. Einen Klick weiter wartet schon ein anderes Störgeräusch, mit dem mobilen Rechner geht es zum nächsten Stadtpark auf die nächste Weide der Bedeutungslosigkeit. Was sind schon die Namen der dort auftretenden, die Gruppen welche das notwendigste Organisieren, alles Chiffren die nur die Theoretiker interessieren, das Flüchtige und wandelbare Fluide ist schon mindestens fünf Parks weitergezogen, bevor diese am Ort des Geschehens ankommen und immer schon weg. Die Kommunikationsmethode ist der Inhalt selbst, das Internet kristallisiert sich zu Farbtupfern und Menschentrauben, die sich auflösen und neu sammeln, kleine Blasen des Glücks, der Verderbnis all des menschlichen und allzu menschlichen. Der Seifenblasenmann im Mauerpark ist das auf Dauer stellen dieser Metapher eines fragilen Nichts mit Großbuchstaben.

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Sommerloch

Würde irgendeiner dieser Superschurken, die im Kino jedesmal die Welt zerstören wollen, tatsächlich einmal auf den roten Knopf drücken: wer rechnete damit, dass auf dem Display erst einmal eine Sanduhr oder ein grün schimmernder Balken erscheinen würde, der sich langsam, sehr langsam und immer viel zu langsam dem Ende nähert, aber die hundert Prozent doch nie vollmacht – bevor er dann mies irgendwo verreckt?

Und damit hätte Batman, Superman oder Captain America wieder mal Zeit uns noch ein bisschen weiterwursteln zu lassen. Er käme garantiert rechtzeitig, bevor das System des Superschurken neu gestartet ist!

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Oaxaca, zwei Tage vor der Wahl

Zu Gast bei OIDHO

Am Montag in Oaxaca angekommen – vom Mord am Kandidaten in Tamaulipas erfahren, die TAZ und der Freitag berichten – sieht alles nach einem Werk der Zetas aus.

Hier gibt es kein fließendes Wasser, aber Internet! Dafür ist das Regenwasser angenehm eisig, wenn man es sich mit einem Plastikbehälter über den Kopf gießt. Die Palmen auf dem Grundstück und die Bäume vermitteln eine angenehme Kühle. Die Leute hier sind extrem freundlich, ich bin beeindruckt von dem was man in Gemeinschaftsarbeit auf die Beine stellen kann.

Das Haus hier ist eine Art Schule aus Beton gebaut, das obere Stockwerk hat einen wundervollen Blick auf die Berge Oaxacas zu bieten, im unteren wird man von Stechmücken und Spinnen geplagt. Nachmittags spielen die Kinder des Viertels auf dem überdachtem Basketballplatz vor dem Haus. Auf die Klos und Duschen muß man einen Eimer Wasser mitnehmen, was eine Art Campinggefühl aufkommen lässt. Die Straßen des Viertels hier haben keinen Asphalt, sind furchtbare Huckelpisten, ein deutscher Feldweg ist eine Landebahn dagegen.

Über solche Wege quälen sich lila weiße Taxis, mit fünf Personen besetzt, die nur als „Kollektiv“ den Taxifahrer bezahlen können, der gerade seine Stoßdämpfer in den Arsch reitet, aber nur so daß Nötigste auf den heimischen Esstisch zaubern kann, wenn er seinen Verdienst nicht vorher aus Frust irgendwo in einer Absteige versäuft.

Nachts geht man besser nicht auf die Suche nach einem Taccostand, die Gegend hier sieht alles andere als vertrauenserweckend aus. Überall lauern Straßenköter, es ist sehr dunkel, jeder sieht zu daß er so weit wie möglich in der Nähe seines Hauses abgesetzt wird. Der nächtliche Laufschritt und das Ausweichen vor jeglichem Passanten spricht für die nackte Angst aller Bewohner dieses Hügels, welche auch mich überkam als ich die wahnwitzige Idee hatte, Nachts ausserhalb zu essen. Aber man sagt, die zentrale Busstation, die Endstation der Kollektive, sei noch gefährlicher. Erst kürzlich wurden die Schwester meiner Führerin und eine Tochter einer hier wohnenden Frau an der Busstation überfallen und ausgeraubt. Die mit „Königlicher Weg“ bezeichnete „Straße“ auf dem Weg zur idyllisch friedlichen OIDHO-Raumstation am Ende der Zeit ist nur ein Beispiel mehr, jenes blanken Sarkasmus von Fortschritt und Glücksversprechen der PRI, angesichts dessen jeder Taxifahrer in Mexiko flucht, dessen Unterboden gerade über Schlaglöcher Steine schrammt.

Ursprung der „Jungfrau der Barrikaden“

Das Zentrum der Stadt war bis heute noch ein einziger Planton, das heißt überall wurden Plastikplanen aufgespannt, unter denen die Lehrer der Gewerkschaftssektion 22 schlafen. Diese befindet sich seit 2006 im Dauerstreik.

Eingang zur Gewerkschaftszentrale

Sie ist Teil der APPO (Freie Versammlung der Völker Oaxacas) und fordert den Rücktritt des Gouverneurs Ulises Ruiz, der das Vorgehen der Bundespolizei am 17. November des selben Jahres zu verantworten hat, bei dem 26 Tote auf Seiten der Protestler zu beklagen waren. Neben diesen Forderungen kam es aber gerade auch im Vorfeld zu den Gouverneurswahlen, die am Sonntag stattfinden sollen zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wie der Überfall auf eine Friedenskarawane vor drei Wochen, welche Lebensmittel und Lehrer in ein entlegenes Dorf (San Juan Copala) bringen wollte, welches von Paramilitärs bis heute besetzt gehalten wird und bei der zwei der Menschenrechtsaktivisten ums Leben kamen. Weitere Vorfälle wie die durch Schüsse verletzte Journalistin an der Universität vor zwei Wochen sind ein Teil davon.

Am Mittwoch dann die Erfolgsmeldung: alle Gefangenen von Atenco wurden im Wiederrufungsverfahren vom obersten Bundesgericht freigesprochen. Alle, auch der zu 146 Jahren Haft verurteilte Ignacio del Valle sind seit heute auf freiem Fuß und wurden von Komites vor dem Gefängniß im Empfang genommen. Das Raunen der Aktivisten und der seit nunmehr vier Jahren andauernde Kampf der Menschenrechtsorganisationen und Familien auf dem Zocalo, als die SMS die Runde machte, war also nicht umsont! Feststimmung!

Rückschläge

Heute dann die Hiobsbotschaft vor der Wahl am Sonntag: die Sektion 22 zieht sich zurück! Der Zocalo wird geräumt, die Lage ist angespannt. Die ambulanten Händler packen ihre Stände zusammen, man erwartet, dass sie sonst von der Polizei geräumt werden. Es gab einen Marsch der Gewerkschaft, an dem sich viele der hier in Oaxaca vertretenen Organisationen die Teil der APPO sind, nicht beteiligten. Die Abschlußreden waren reißerisch.

Als der Chef der Gewerkschaft auftrat und seinen strategischen Rückzug verkündete kam es zu Buhrufen und pfiffen. Seine Sicherheitskomites sperrten den Kiosk, Fotografen und Presse wurden jedoch heraufgelassen, vereinzelte Flaschenwürfe. Seine Anhänger auf dem Kiosk erhoben die Faust und stimmten die Hymne der Marxisten an, Flaschen wurden geworfen. Als er vom Kiosk herabstieg und in Richtung des Gewerkschaftsgebäudes geleitet wurde, kam Bewegung in die Menge und er mußte gemeinsam mit seinen Beschützern rennend den Zocalo verlassen.

Der Kampf geht weiter

Es sieht also alles danach aus, als wolle die PRI den Weg ebnen, um bei den Wahlen am Sonntag doch wieder einen Gewinn „herbeizuzaubern“ (Proceso berichtet in der Ausgabe von voriger Woche über die Methoden des Wahlbetruges und man kann bereits jetzt sagen, dass beträchtliche Mittel aus dem Haushalt des Bundeslandes in den Wahlkampf des PRI Nachfolgers von Ulizes Ruiz geflossen sind, mit dem er am Sonntag Stimmen „kaufen“ wird). Da die APPO als horizontale basisdemokratisch orientierte Bewegung jedoch nicht nur von der vertikal strukturierten Gewerkschaft der LehrerInnen, mit nach außen demonstriertem marxistisch leninistischem Einschlag, abhängig ist, sieht wohl alles nach einem länger andauerndem Kampf um Beteiligung und Teilhabe bis jetzt marginalisierter Bevölkerungsteile aus, der auch und gerade nach dem zu erwartendem Wahlsieg der PRI hier andauern wird.

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Kleiner Lagebericht aus dem Krimiwunderland- von verschwundenen Politikern, Knastansprachen und wieder zurück zur Bibliothek, in der ich sitze.

Die Tagespresse hier ist voll vom Falle Diego Fernández de Cevallo. Jeden Tag neue Artikel. Proceso, das wohl am stärksten vertretene Politmagazin auf dem mexikanischen Print-Sektor hat gleich mehrere Seiten jener Persönlichkeit gewidmet, die genau am Tage meiner Ankunft hier als verschwunden galt. Fast pittoresk, was in der mexikanischen Politik so alles vor sich geht, ging und gehen darf.
Jener illustre Herr Cevallo ist aus deutscher Sicht ein Musterbeispiel für den mexikanischen Korruptionsfilz. Ich warte noch auf den(!) Gangsterfilm mit ihm im Mittelpunkt. Nicht nur dass er seine Hände als Sprecher für eine Klinik im Spiel hatte, in der Narcobosse Gesichtsoperationen bekamen, nein hauptsächlich verdiente er sein Geld als Anwalt und machte es sich zur Aufgabe, den Staat, im Auftrag von ehemals enteigneten reichen Großgrundbesitzerfamilien um größere Millionenbeträge zu erleichtern. An diesen Beträgen verdiente er als Anwalt soviel mit, dass er sich gleich mehrere Ranches im ganzen Staatsgebiet von Mexiko kaufen konnte. Einen Interessenkonflikt zwischen seiner Tätigkeit als Anwalt und gleichzeitiger Staatsdiener sah er dabei nicht. Diese Einstellung teilt er übrigens mit den Vertretern des alten PRI-Apparates.
Solch eine Ranch darf man sich ungefähr so vorstellen, dass dazu neben ausgedehntem Grundbesitz auch eines oder mehrere Dörfer gehören, in welchem er die Straßen reparierte und für welches er als „Patron“ galt. Die Menschen dort bewunderten ihn, beten jetzt auch für ihn Rosenkränze, denn damals baten sie ihn ja auch um Arbeit und alles was sonst noch dazugehörte. Proceso beschreibt diesen Habitus des Politikers zu Recht als Neofeudal. Auf einer von diesen Latifundien wurde er denn nun auch entführt. Das Entführerfoto wurde über Twitter und Facebook verbreitet, mehrere mexikanische Behörden haben mittlerweile auch die Echtheit zertifiziert.
Was man allerdings nicht zugeben möchte ist, dass es sich um ein organisiertes Kartell oder Profis handelt. Das Hauptproblem für die mexikanischen Behörden ist, das jener Diego de Cevallo einer der wichtigsten Vertrauten des amtierenden Präsidenten ist. Man munkelt sogar, das Kabinett gehorchte bis dahin mehr ihm, als Calderón selbst. Dies ist zumindest ein Zeichen, ein Zeichen für Calderón und den „Krieg gegen die Drogen“, der jetzt schon mehr als zwei Jahre andauert. Das Zeichen jedenfalls sagt: „Es kann jedem passieren, wir kriegen euch alle!“
Deshalb wird es auch halboffiziell als Versuch eines erzwungenen Friedens der Narcomafia interpretiert. Hoch im Kurs stehen jedenfalls das Juarez-Kartell, dessen Anführer „El Chapo“ Gúzman seit seiner spektakulären Flucht aus einem Gefängnis in Jalisco nationale Berühmtheit erlangte und auch erst kürzlich seine Frau befreite. Aber auch die „Zetas“, eine übergelaufene Spezialeinheit der Polizei, die durch Enthauptungen ihrer Gegner vor laufender Kamera und Gewalt gegen Migranten auf sich aufmerksam machte, werden gehandelt.
Nichts genaues weiß man nicht, nur dass die Familie von Diego jetzt um Ruhe bittet. Hat sich natürlich keiner dran gehalten, die PGR (Generalstaatsanwaltschaft Mexikos, Ironie der Geschichte: den Generalstaatsanwalt hat Diego noch selbst ernannt…) fuhr erst mal vor den Pressefotografen alles auf, was sie so zu bieten hatten. Viele Hunde, schwerbewaffnete Polizisten und sogar Aufklärungsdrohnen wie im Irak erkundeten die weitläufigen Gebiete der Ranch von Cevallo.
Unterdessen wird der PRD Kandidat von Quintana Roo wegen Drogenhandels ins Gefängnis geworfen und hält dort lustige Ansprachen, die mich vom Pathos her ein bisschen an die legendäre Rede von Allende im Präsidentenpalast erinnerten, nur mit einer viel hässlicheren bösen Narcostimme, die man nun wirklich keineswegs ernst nehmen kann. Auch möchte ich mich hier ausdrücklich davon distanzieren, Allende und diesen Typen gleichzusetzen.
In Jalisco diskutiert man derweil, als gäbe es sonst nichts zu tun über die „Pille danach“ für Frauen die vergewaltigt worden sind (Aus meiner Sicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber ich bin ja auch kein Katholik!). Derweil wurde ein Gefängnis gleich hier um die Ecke vom Militär gestürmt und dabei wurden nicht nur Gefängnisse in den Gefängnissen aufgedeckt, sondern Waffen, Drogen und weitere offen zu Tage liegenden dunkle Geheimnisse des mexikanischen Strafvollzuges sichtbar. Der PRD Mann dürfte jedenfalls keine großen Probleme im Knast haben, gehört er doch zu den einflussreichen Herren, die in solchen Anstalten einsitzen werden.
Die Wahlallianzen in den einzelnen Bundesländern zwischen PAN und PRD dürften durch all diese Enthüllungen und Anschuldigungen noch weiter in ihrer substanzlosen Wackligkeit entlarvt werden. Unterdessen gewinnt bei alldem Chaos die PRI wieder an Fahrt und wird sich wohl Staat um Staat zurückholen. Dann ist alles wieder beim alten, der Drogenkrieg wird wohl beigelegt werden und der nächste Präsident wird wieder ein Vertreter der alten PRI-Doppelzüngigkeit sein. Das wird für alle Politikwissenschaftler ein historisch einzigartiges Beispiel für eine Transition des Staates von der Scheindemokratie in eine Scheindemokratie mit fast-Bürgerkrieg zurück zum alten Autoritarismus des PRI Systems.
Für eine Äußerung zum erst kürzlich geschehenem Doppelmord an den Menschenrechtsaktivisten aus Mexiko und Finnland, die in Oaxaca von einer bewaffneten Organisation mit PRI Verbindungen verübt worden (MULT), hat Calderón dann doch endlich ein paar Worte gefunden, es hat auch nur 21 Tage gedauert! Er versicherte der Botschafterin Finnlands jedenfalls gerechte Strafen und Ermittlungen. Wie er diese Versprechen umsetzen will ist ihm wahrscheinlich selbst noch ein Rätsel.
Der US- Kongress und darunter besonders die Republikaner, straften ihn mit Missachtung und applaudierten auch nicht, als er bei seinem Besuch neulich die Forderung vortrug, die großen Brüder sollten doch mal über ihre Waffenexporte nachdenken und vielleicht auch doch noch ein zweites Mal über die Verschärfung des Migrationsgesetzes von Arizona. Obama kündigt derweil ganz gewitzt an, er könne den armen Calderón durchaus verstehen und sei an seiner Seite, schickt aber im selben Atemzug 1200 Nationalgardisten an die Grenze.
Unterdessen gefällt mir 2666 immer mehr und irgendwie werde ich den alten Dichterfürst Octavio Paz und seinen mit einem Seufzen verbundenen Ausspruch nicht los: „El problema de México no es el PRI, el problema de México es, si el méxicano se deja gobernar sin el PRI.“
Der CIA hat es schon lange gewusst und war deshalb auch schon vor reichlich sechs Wochen durch seinen Chef, der zu Einzelgesprächen einlud vor Ort. Der Weg für die Transition zum PRI- System der Friedhofsruhe ist also bereitet…wenn, ja wenn da nicht auch noch ein anderes, schmutziges und von der Sonne gegerbtes, lederhäutiges Mexiko der Habenichtse irgendwo am Boden der Geschichte schlafen würde. Ob dies aber aus seinem Jahrhundertschlaf erwacht, erwachen kann und worauf sich seine Wut dann richtet, wird sich zeigen, wenn die erste große Revolution des vorigen Jahrhunderts ihr Hundertstes feiert.

Guadalajara, Jalisco, Mexiko

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Bienvenido a Mexico…

Zwei Stunden bei der Migration angestanden, Anschlußflug verpasst und jetzt im Hotel.

Im Hotel angekommen, diese kleine Entdeckung gemacht, beim Hinterhofblick…

In einer Stunde geht`s dann endlich nach Guadalajara weiter .

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