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Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie „zweite Hand“ in Verbindung mit der „Superstruktur“, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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Oaxaca, zwei Tage vor der Wahl

Zu Gast bei OIDHO

Am Montag in Oaxaca angekommen – vom Mord am Kandidaten in Tamaulipas erfahren, die TAZ und der Freitag berichten – sieht alles nach einem Werk der Zetas aus.

Hier gibt es kein fließendes Wasser, aber Internet! Dafür ist das Regenwasser angenehm eisig, wenn man es sich mit einem Plastikbehälter über den Kopf gießt. Die Palmen auf dem Grundstück und die Bäume vermitteln eine angenehme Kühle. Die Leute hier sind extrem freundlich, ich bin beeindruckt von dem was man in Gemeinschaftsarbeit auf die Beine stellen kann.

Das Haus hier ist eine Art Schule aus Beton gebaut, das obere Stockwerk hat einen wundervollen Blick auf die Berge Oaxacas zu bieten, im unteren wird man von Stechmücken und Spinnen geplagt. Nachmittags spielen die Kinder des Viertels auf dem überdachtem Basketballplatz vor dem Haus. Auf die Klos und Duschen muß man einen Eimer Wasser mitnehmen, was eine Art Campinggefühl aufkommen lässt. Die Straßen des Viertels hier haben keinen Asphalt, sind furchtbare Huckelpisten, ein deutscher Feldweg ist eine Landebahn dagegen.

Über solche Wege quälen sich lila weiße Taxis, mit fünf Personen besetzt, die nur als „Kollektiv“ den Taxifahrer bezahlen können, der gerade seine Stoßdämpfer in den Arsch reitet, aber nur so daß Nötigste auf den heimischen Esstisch zaubern kann, wenn er seinen Verdienst nicht vorher aus Frust irgendwo in einer Absteige versäuft.

Nachts geht man besser nicht auf die Suche nach einem Taccostand, die Gegend hier sieht alles andere als vertrauenserweckend aus. Überall lauern Straßenköter, es ist sehr dunkel, jeder sieht zu daß er so weit wie möglich in der Nähe seines Hauses abgesetzt wird. Der nächtliche Laufschritt und das Ausweichen vor jeglichem Passanten spricht für die nackte Angst aller Bewohner dieses Hügels, welche auch mich überkam als ich die wahnwitzige Idee hatte, Nachts ausserhalb zu essen. Aber man sagt, die zentrale Busstation, die Endstation der Kollektive, sei noch gefährlicher. Erst kürzlich wurden die Schwester meiner Führerin und eine Tochter einer hier wohnenden Frau an der Busstation überfallen und ausgeraubt. Die mit „Königlicher Weg“ bezeichnete „Straße“ auf dem Weg zur idyllisch friedlichen OIDHO-Raumstation am Ende der Zeit ist nur ein Beispiel mehr, jenes blanken Sarkasmus von Fortschritt und Glücksversprechen der PRI, angesichts dessen jeder Taxifahrer in Mexiko flucht, dessen Unterboden gerade über Schlaglöcher Steine schrammt.

Ursprung der „Jungfrau der Barrikaden“

Das Zentrum der Stadt war bis heute noch ein einziger Planton, das heißt überall wurden Plastikplanen aufgespannt, unter denen die Lehrer der Gewerkschaftssektion 22 schlafen. Diese befindet sich seit 2006 im Dauerstreik.

Eingang zur Gewerkschaftszentrale

Sie ist Teil der APPO (Freie Versammlung der Völker Oaxacas) und fordert den Rücktritt des Gouverneurs Ulises Ruiz, der das Vorgehen der Bundespolizei am 17. November des selben Jahres zu verantworten hat, bei dem 26 Tote auf Seiten der Protestler zu beklagen waren. Neben diesen Forderungen kam es aber gerade auch im Vorfeld zu den Gouverneurswahlen, die am Sonntag stattfinden sollen zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wie der Überfall auf eine Friedenskarawane vor drei Wochen, welche Lebensmittel und Lehrer in ein entlegenes Dorf (San Juan Copala) bringen wollte, welches von Paramilitärs bis heute besetzt gehalten wird und bei der zwei der Menschenrechtsaktivisten ums Leben kamen. Weitere Vorfälle wie die durch Schüsse verletzte Journalistin an der Universität vor zwei Wochen sind ein Teil davon.

Am Mittwoch dann die Erfolgsmeldung: alle Gefangenen von Atenco wurden im Wiederrufungsverfahren vom obersten Bundesgericht freigesprochen. Alle, auch der zu 146 Jahren Haft verurteilte Ignacio del Valle sind seit heute auf freiem Fuß und wurden von Komites vor dem Gefängniß im Empfang genommen. Das Raunen der Aktivisten und der seit nunmehr vier Jahren andauernde Kampf der Menschenrechtsorganisationen und Familien auf dem Zocalo, als die SMS die Runde machte, war also nicht umsont! Feststimmung!

Rückschläge

Heute dann die Hiobsbotschaft vor der Wahl am Sonntag: die Sektion 22 zieht sich zurück! Der Zocalo wird geräumt, die Lage ist angespannt. Die ambulanten Händler packen ihre Stände zusammen, man erwartet, dass sie sonst von der Polizei geräumt werden. Es gab einen Marsch der Gewerkschaft, an dem sich viele der hier in Oaxaca vertretenen Organisationen die Teil der APPO sind, nicht beteiligten. Die Abschlußreden waren reißerisch.

Als der Chef der Gewerkschaft auftrat und seinen strategischen Rückzug verkündete kam es zu Buhrufen und pfiffen. Seine Sicherheitskomites sperrten den Kiosk, Fotografen und Presse wurden jedoch heraufgelassen, vereinzelte Flaschenwürfe. Seine Anhänger auf dem Kiosk erhoben die Faust und stimmten die Hymne der Marxisten an, Flaschen wurden geworfen. Als er vom Kiosk herabstieg und in Richtung des Gewerkschaftsgebäudes geleitet wurde, kam Bewegung in die Menge und er mußte gemeinsam mit seinen Beschützern rennend den Zocalo verlassen.

Der Kampf geht weiter

Es sieht also alles danach aus, als wolle die PRI den Weg ebnen, um bei den Wahlen am Sonntag doch wieder einen Gewinn „herbeizuzaubern“ (Proceso berichtet in der Ausgabe von voriger Woche über die Methoden des Wahlbetruges und man kann bereits jetzt sagen, dass beträchtliche Mittel aus dem Haushalt des Bundeslandes in den Wahlkampf des PRI Nachfolgers von Ulizes Ruiz geflossen sind, mit dem er am Sonntag Stimmen „kaufen“ wird). Da die APPO als horizontale basisdemokratisch orientierte Bewegung jedoch nicht nur von der vertikal strukturierten Gewerkschaft der LehrerInnen, mit nach außen demonstriertem marxistisch leninistischem Einschlag, abhängig ist, sieht wohl alles nach einem länger andauerndem Kampf um Beteiligung und Teilhabe bis jetzt marginalisierter Bevölkerungsteile aus, der auch und gerade nach dem zu erwartendem Wahlsieg der PRI hier andauern wird.

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Ästhetische Avantgarde

Futuristisch geht die Welt zu Grunde! Mich beeindrucken ja die Buchcover der mexikanischen 70er immer sehr (was mir auch an meiner Ausgabe Leopoldo Zeas sehr gefällt). Hier ein Beispiel, was das in Tanz und Bild übersetzt heißen könnte. Besonders beachtenswert finde ich auch die musikalische Untermalung der Darbietung, da klingelt Detroit schon im Innenohr und all das in einem einzigen Video, wenn das angegebene Datum stimmt! Ich bin platt und könnts immer wieder sehen…

und weils so schön war, leider nicht ganz so avanciert sondern eher new-age- pop, gegen den selbst Jodorowski Filme nicht mehr ankommen, die Verkleidungen sind vielleicht angesichts des vergangenen Karnevals etwas verspätet…

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Veranstaltungshinweis, Politik und Käse

Anlässlich einer Veranstaltung an der ich als Übersetzer mitwirken möchte hier auch noch einen Informationstext zur aktuellen Lage und die Bedeutung politischer Konflikte in Mexiko. Der Text ist eine Übersetzung eines Artikels aus El País, die ich heute angefertigt habe. Der Artikel ist meiner Meinung nach ein sehr guter Kommentar zu den aktuellen Problemen der Politik in Mexiko. Ich teile die Meinung des Autoren nicht in jedem Sinne (zum Beispiel würde ich in Frage stellen dass jene Kampagne AMLO’s wirklich alle erreicht hat). Die grundlegende Analyse des offenen unbewältigten Konfliktes in Mexiko teile ich allerdings. Außerdem gehört der Käse aus Oaxaca zu meinen Lieblingsspeisen und ich mochte die Metapher sehr.

Nun möchte ich aber den Artikel für sich sprechen lassen.

[Für alle die „Oaxaca“ zum ersten mal lesen und etwas schwierig finden, es wird „Oachaka“ gesprochen, dann wird es einfacher…]

Raymundo Riva Palacio

Die politische Klasse Mexikos ist ein Knoten. Man weiß es, aber man tut nichts dafür ihn zu entwirren.

Im Bundesstaat Oaxaca gibt es eine spezielle Käsesorte, die den Namen des Bundeslandes trägt. Dieser Käse ist weiß, rund und wie ein Knoten geformt. Es ist vielleicht seltsam, aber so wie der Käse sind in etwa auch oaxacanischen Politiker: verwickelt und kompliziert. Genau um die Einwohner Oaxacas gibt es in den letzten Tagen in Mexiko eine große Debatte, die nicht nur mit diesen zu tun hat, die aber dadurch diesen verlogenen Beigeschmack bekommt. Es geht um eine Allianz zwischen der PAN, der Partei an der Macht, und anderen Parteien des linken Spektrums, weil es in den Wahlen im Juli um ganze zwöf Gouverneursposten gehen wird – das ist immerhin die Hälfte der nationalen politischen Gewalt – könnten zumindest fast die Hälfte davon sich zu einer Allianz zusammenschließen, um der PRI die Stirn zu bieten. Diese Allianzen haben ein politisches Trommelfeuer zwischen den einzelnen Parteien und in diesen selbst entfacht. Die Argumente sind immer dieselben: „Wie kann man eine Allianz schließen, wenn es der Ex-Kandidat der Linken, Andrés Manuel Lopez Obrador, nicht unterlässt, den amtierenden Präsidenten Felipe Calderón noch immer als „illegitim“ und „Strohpuppe“ zu bezeichnen?“.

Diese Anekdote, und mehr ist das schließlich auch nicht, hat dazu geführt, dass sowohl die Politiker als auch die Parteien Wahlallianzen aus unterschiedlichen Gründen ablehnen. Die PRIisten aus dem Grund, daß sie bei einem generellem Block gegen ihre Kandidaten in einigen der wichtigen Staaten diese Provinzen verlieren könnten. Die PANisten und die PRDisten zögern deshalb, weil sie der Dynamik ihres eingeschlossenen internen Auseinandersetzungen noch immer folgen. Aber die zur Schau gestellte Ablehnung der Allianzen haben keinen Sinn. Sie gehören bereits seit längerem zum Bühnenspiel mexikanischer Politik und sind laut der bundesstaatlichen Wahlgesetze für Oaxaca und auch in allen anderen 32 Bundesstaaten Mexikos erlaubt, welche die Abgeordneten aller Parteien selbst verabschiedet haben.

Die Intrige ist nicht, daß jetzt alle die „bastardische Natur“ einer solchen Allianz hervorkehren, extreme Stimmen nennen sie gar „undemokratisch“, sondern dass sich die öffentliche Meinung fesseln lässt von der Faszination an einer solchen politischen Pyrotechnik. Wenn es zwölf Governeursplätze gibt um die gerungen wird, für mindestens sechs davon eine Allianz von PAN und PRD im Gespräch war, warum ist es ausgerechnet der oaxacenische Gouverneur auf den rhetorisch geschossen wird?

Aus dem einfachen Grund, weil genau diesem eventuellen Kandidaten, dem Senator Gabino Cué, bedingungslos von Seiten López Obradors geholfen wurde. Beide betreiben über Monate hinweg eine Basiskampagne von Dorf zu Dorf bis in die marginalsten Gemeinden Oaxacas. Es gibt keine andere Allianz, in der die Beziehung zwischen dem Kandidaten und López Obrador so organisch und eng ist, wie in der Oaxacas, was den Kern der Debatte deutlich macht, der nicht diskutiert wird. Was noch immer ohne Lösung ist, das ist der Konflikt um die Wahlstreitigkeiten zur Präsidentschaftswahl von 2006, als Calderón die Wahl gewann und López Obrador um die 250.000 Stimmen verlor, die nie anerkannt wurden. Das ist das Problem im Hintergrund. Heute nennt man es Wahlallianzen, aber man könnte es auch anders nennen. Die Kategorisierung ist nur ein Vorwand für das echte ungelöste Problem der Auseinandersetzung um die Wahl, die Mexiko seit 2006 fest im Griff hat. Dieser Streit zieht sich auch durch den Wahlkalender hindurch, obwohl López Obrador weiterhin an Popularität verliert und seine Umfragewerte sinken, repräsentiert sein Wort doch noch immer das einer moralischen Autorität und eines politischen und sozialen Führers, dem ein bedeutender Teil der Mexikaner folgt, egal wohin und egal für was. López Obrador ist der einzige Politiker, dessen politisches Gewicht sich direkt in Stimmen messen lässt, wie er es in den Wahlen im letzten Sommer eindrucksvoll gezeigt hat, als sich die Zusammensetzung des Kongreßes erneuerte, und bei dem er aus Gründen der Uneinigkeit mit seiner Partei PRD eine Kampagne für die Partei der Arbeit (PT) fuhr. Die Verwirrung die López Obrador unter den linken Wählern stiftete war eine schmerzende Teilung für die PRD. Deren Stimmen fielen noch unter das Niveau von 1997 und sie wurden als dritte Kraft im Abgeordnetenhaus abgelöst. In zehn Wahlbezirken wurden sie sogar nur viertstärkste Kraft hinter den mexikanischen Grünen (Partido Verde), die eine Allianz mit der PRI eingegangen war. Sie verloren die meisten ihrer vorherigen Bastionen im Bundesland Mexiko City an die PRI und mußten zusehen wie sie mehr als fünfzig Prozent ihrer Kräfte in der Hauptstadt gegenüber der PAN einbüßten. Die Arbeiterpartei (PT) hingegen, die vorher immer Mühe hatte wenigstens zwei Prozent der Stimmen zu erreichen um gezählt zu werden, wurde auf sechs Prozent katapultiert und konnte die Mandate für Iztapalapa erobern, einer der sechzehn Wahlkreise in welche die Hauptstadt aufgeteilt ist. Dieser hat ungefähr zwei Millionen Einwohner und einen Jahresetat von ungefähr 3500 Millionen mexikanischer Pesos (269 Millionen Dollar).

Die Verwirrung die López Obrador also unter der gewählten Linken ausgelöst hat, führte also zu einer Teilung, deren Kosten immens waren. Dieses ganz spezielle politische Gewicht macht Obrador zu einem vorsichtigen Gegner. Aber er ist ein komplexer und schwieriger Rivale. Komplex weil seine fundamentalistische Natur ihm jede Form von Pragmatismus verbietet. Schwierig weil seine Welt nur Schwarz und Weiß kennt. Es ist ein Politiker der seine Kraft aus der sozialen Agitation gewinnt und den Protest bishin zu den Grenzen der Legalität treibt, immer darauf bedacht nicht das Gesetz zu verletzen. Seine Charakteristiken führten bisher immer zur Polarisierung, wie zum Beispiel in Tabasco, ein Staat im Südosten des Landes wo er um das Gouverneursamt kämpfte. Er hat das Ergebnis der Ablehnung nie akzeptiert und bereits seit mehr als einem Jahrzehnt den Protest injeziert, der diese Gemeinschaft spaltet. 2006 gelang ihm etwas ähnliches auf nationalem Niveau, als er eine politische Revolte anführte, die das Land bis heute spaltet. Man kann ihm aber diese Polarisierung die seit 2006 anhält nicht allein vorwerfen. Der damalige Präsident Vicente Fox hatte eine Kampagne losgetreten, die gerade gegen López Obrador gerichtet war und mit dem er ihn für eine kleine administrative Verfehlung als Governeur von Mexiko City ins Gefängniß werfen wollte. Das war auch nicht viel mehr als die negative Kampagne des Kandidaten Calderón, der sie nach dem rhethorischen Dreh gebaut hatte: „Lopez Obrador ist eine Gefahr für Mexiko!“. Die Gesellschaft Mexikos war bereits infiziert von jener politischen Klasse, die sich nur noch nach der aktuellen Konjunktur und nicht nach dem Morgen richtet. Die kürzlich entfachte Debatte um die Allianzen hat genau dies alles zu Grunde liegen. Der Konflikt von 2006 bleibt ohne Lösung, so vermitteln es jedenfalls die kommunizierenden Röhren die zur mexikanischen Politik gehören und einige verkümmerte Leitungskanäle zur Voraussetzung haben. Der unordentliche politische Zustand schadet Calderón und nützt López Obrador, der den Konflikt so drigend braucht wie der an Lungenentzündung Erkrankte seinen Sauerstofftank um zu überleben. Calderón hat Eile ein Stützgerüst zu bauen um zu zeigen, daß sein Vorpreschen in die Regierung die Mühe wert war. López Obrador hat alle Zeit der Welt, um sein Projekt zu konstruieren. Bei den politischen Erschütterungen die man heute in Mexiko lebt kann alles passieren, weil die Ungewißheit über irgendeine institutionelle Übereinkunft groß ist. Es kann keine wirklichen verändernden politischen Reformen geben, weil es dieser Konflikt verhindert. Es kann auch keine Neuordnung geben, auf die alle so drängen weil ein signifikanter Teil der Gesellschaft diese boykottieren würde. Es gibt auch keine Kompromiße die man auf lange Sicht schließen könnte, weil die menschlichen Faktoren die nun einmal interagieren immer 2006 als Basis der Verhandlung und des Mißgunstes haben. Die Wahlallianzen zeigen nur die wahre Größe des ganzen Problems im Hintergrund, zu dessen endgültiger Lösung die Politik bis jetzt nichts beitragen wollte. Ohne Zweifel kann man proklamieren, daß heutzutage die politische Klasse Mexikos oaxacenisch ist: verwickelt und verworren. Man weiß es, aber man tut nichts um sie zu entwirren und es scheint auch niemanden zu interessieren.

Raymundo Riva Palacio ist der Chef des Netzwerkes http://www.ejecentral.com.mx/

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