Archiv der Kategorie: Kurzgeschichte

Und die Angst, das bin ich.

In seiner Hand trug er einen Stein. Einen Hühnergott nannte man so etwas. Er hatte ihn im Regal gefunden. Eigentlich lag er schon immer dort, er selbst hatte ihn damals dorthin gelegt. Seine Mutter hatte ihn vom Ostseestrand mitgebracht. Weiss, mit grauen Flächen, das Loch, welches das Gestein zum Hühnergott machte. Es starrte ihn an. Wie ein Auge konnte man es betrachten. Kalt, gefühllos und dumm starrte es ihn aus seiner Hand heraus an. Hühner hatte er schon immer als angsteinflößend empfunden. Er hob den Stein hoch, führte das Loch ganz nah ans Auge, schaute hindurch. Ein wenig Ekel ergriff ihn. doch er sah nur die immergleiche Landschaft, den Geruch nach Fisch, Algen und Tang, das knirschen der spitzen Steine, die vertrocknenden Quallen. Grauer, versteinerter Himmel stand über den Kreideklippen.

Das Regal mit dem Hühnergott blieb sich gleich. Es war immer dasselbe, enthielt Bücher, die gelesen werden wollten. Gestern noch hatte er es sich vorgenommen, seine  Zeit mit Lektüre zu verbringen, sein Leben dem Wort zu widmen. Doch wieder einmal schaffte er es nicht. Und so nahm er den Stein in die Hand, wog ihn, betrachtete ihn. So wie der Stein in seiner Hand lag, zitterte er selbst in sich. Er war zu einem Stein geworden, lag in seiner eigenen Hand und war nun spürbar. Man konnte ihn betrachten, wegwerfen,  wieder ins Meer zurück. Erst jetzt, als es ihm nicht mehr zu entgleiten drohte, war er ganz in sich da. Und gleichzeitig wollte er doch nichts von sich wissen. Ihm ganz gleich geworden, sah man nun einen Stein mit einem Loch, welches einen anschaute, ohne Pupille und Augen. Dieses Nichts war gleich den Augen der Büsten, die mit jenem fürchterlichem Blick nach Innen ohne Pupillen der Zeit enthoben waren, dem Betrachter einen Schauer über den Rücken jagend. Ganz so wie das Wort, jenes Wort, was seine Mutter für diesen Stein gebrauchte: ein Hühnergott. Augenlos lag er nun anklagend in seiner Hand, die Entschlüsse in sich gesammelt, wartete er darauf wieder ins Regal zurückgelegt zu werden. Dem Betrachter zur Zierde seiner Gedanken die dahinter in Buchstabenform, geronnen aneinandergereiht in Reih und Glied standen- was ist das? „Ein Stein, nichts als ein Stein- oh schau! Ein Hühnergott, sie mal! Siehst du das Loch? Du kannst  ihn dir an eine Kette hängen…“

So lernte er wie man sich selbst und seine eigenen Entschlüsse an Perlenketten hängte und den anderen in Regalen und Möbeln ausstellte, sich zeigte, entblößte und weitermachte, mit der Angst vor sich selbst. Sich entäußerte und verdinglichte in die Welt hinein verlagerte und so feste Formen annehmend vor sich selbst davon lief. Indem man sich betrachtete und sich selbst vergessen konnte. In die Vergangenheit gesetzt, aus der Zukunft herausgedrängt. Er selbst war ein Anderer, stand staunend, diesem Gott der kleinen Seelen gegenüber. Der Stein jagte ihm Angst ein, schnell legte er ihn wieder zurück.

Er setzte sich in den grünen Ohrensessel, der mit Samt bezogen war,  nahm ein Buch zur Hand und folgte weiter den Linien, die einen Ausweg und gleichzeitig ein Gefängniß versprachen. Man musste nur verstehen Ihnen zu folgen. Das war nicht immer einfach, sie waren teilweise sehr schnell, verflüchtigten sich, bogen um versteckte Ecken und in geheime Kammern. Ihr Weg war labyrinthisch. Sie huschten herum. Schon nach weniger Zeit versteckten sie sich, man mußte sie suchen und rennen. Wie Mäuse oder Schaben nutzten sie jede Ritze um zu entkommen, zu verschwinden, verschwimmen, sich im Nichts aufzulösen. Allein und orientierungslos verharrte er im Dunkel. Er atmete heftig und erschöpft. Da faßte ihn die kalte Hand des Gottes von hinten und brach ihm das Genick. Ein leichtes helles Knacken, so wie ein Baum fast leicht ins Holz fällt oder aus der Perspektive eines Käfers etwa ein sonnenverdorrter Grashalm, den ein Mädchen im Spiel auf der Wiese zerbricht. Ein kurzes fast schönes, spitz beiläufiges Geräusch, welches endgültig und unerträglich einfach ins nichts kapituliert. Zusammengesunken saß er nun in seinem Sessel, das Buch herabgeglitten, der grüne Samt des Sessels schimmerte wie am ersten Tag. Im Regal lag der Hühnergott wie ein einsamer, unerfüllter Entschluß.

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Die Brüder K.

Schon zu Beginn meiner kleinen Erzählung kommen mir Zweifel. Jedoch darf es auch hier an der Vorrede nicht fehlen. Worum handelt es sich genau?

Nun, als ich auf meinen streunenden Gängen durch die Schluchten der großen Stadt hastete, mein Dachzimmer war mir zuwider geworden, trieb es mich immer wieder in die Nähe eines alten Möbelhändlers, der ein verwunschenes kleines Geschäft unweit eines Bächleins bewohnte. Dort in seinen Auslagen fiel mir ein Sekretär ins Auge, wie ihn wohl reiche Bürger vor zwei Jahrhunderten benutzt haben würden. Da mir der Stil des Möbels nicht zusagte, wendete ich mich angewidert ab, nur um mich auf meinen weiteren Gängen des Öfteren dabei zu erwischen, wie ich immer wieder vor der Auslage dieses Ladens stehen blieb. Das Möbel gefiel mir rein gar nicht, sein Preis, obgleich nicht ausgeschildert, würde meine finanziellen Möglichkeiten weit übertreffen. Nachdem ich nun also wieder einmal davor stehen blieb, fasste ich mir ein Herz und ging hinein. Die Luft dort war von einer seltenen Frische, der Raum obgleich dunkel war erfüllt von einer Klarheit, die wohl dem Geist der darin wohnte zukam und dieses dann auf den Raum übertrug. Ein bärtiger Alter begrüßte mich freundlich, um sich nach meinem Begehren zu erkundigen. Zweifellos gehörte ich meiner Kleidung und meines unsicheren Auftretens nach nicht zu der Klientel, die ihn hier wohl gelegentlich aufsuchen musste. Ich gab zu verstehen, dass ich mich für dieses Möbel interessiere es gerne betrachten würde. Erstaunlicherweise erkundigte sich der alte Mann nicht nach meinen Preisvorstellungen, was mir den Sekretär nur noch unerschwinglicher erschienen ließ, denn Geschäfte, in denen Preise ausgehandelt wurden, waren mir nur aus Romanen bekannt. Auch gehörte ich nicht zum Menschenschlag, der Verhandlungen besonders mochte. Ich neige dazu mich dabei besonders ungeschickt anzustellen und mich so selbst zu übervorteilen. Wissend um dieses Defizit an Durchsetzungskraft, meines leisen Auftretens und meiner unsicheren Stimme bewusst, meide ich solche Situationen, gehe ihnen so weit wie möglich aus dem Wege. Woher diese Unsicherheit kommt, kann ich mir erklären. Sie stammt aus an einem Mangel an sicheren Grundlagen für Weltbilder. Der Zweifel nagt in mir. Der Zweifel verbunden mit einer gelegentlich lückenhaften Erinnerung hat zur Folge, dass ich nur wenige feste Überzeugungen habe, obzwar ich mich bemühe und nun bereits seit geraumer Zeit anstrenge, Ordnung in das Chaos meiner Gedanken zu bringen. Ihnen Form zu verschaffen und Systematik. Der Zweifel ist dabei mein größter Feind, denn er verwirft, bringt durcheinander, entwertet. Zu allem Unglück aber springt ihm dann noch das Gedächtnis bei, welches eng verschwistert mit der Konzentration zu sein scheint. Aber genug des Ganzen! Kommen wir zur eigentlichen Begebenheit zurück.

Der alte Mann war so freundlich, mir das Möbel aus dem leicht angestaubten Schaufenster zu rücken, zu meinem Erstaunen, war dies durch eine einfache Vorrichtung am Boden der Auslage möglich, die sich als eine Art Schieber enthüllte, der leichtgängig hervor glitt und dem eines  überdimensionalen Besteckkastens in modernen Küchen ähnelte. Der Sekretär stand nun also auf einer Art kleinen Bühne vor mir in der Mitte des Raumes. Der alte Mann entfernte sich unverzüglich ohne weitere Worte in ein Hinterzimmer, wahrscheinlich sah er mir die Lüsternheit des Flaneurs an, der von bloßer Schaulust getrieben da und dort einfiel, um seine Finger an allem teilhaben zu lassen, ohne wirklich entschiedene Absichten zu hegen. Ich fühlte mich etwas unwohl und ertappte mich dabei, wie es mir häufig geschieht, die Urteile der anderen auf mich selbst zu Übertragen. Mochte es sein, dass ich äußerlich einem Flaneur ähnelte, so war doch mein Beweggrund in diesem Laden vorstellig zu werden ein ganz anderer und mir selbst nicht bewusst. Was ich empfand, kam keiner Schaulust gleich, sondern glich eher dunklen Erwartungen und ängstlichen Vorahnungen. Nichts war mir in diesem Moment fremder als Lust.

Als ich nun die Schieber und Fächer betrachtete, die am Sekretär, mehr als an einem profanem Schreibtisch zu finden waren, erzitterte die Luft kaum merklich, denn ein Auto fuhr die Enge Straße vor dem Laden mit hoher Geschwindigkeit herab. Das Erzittern und wohl auch die Präsentationsbewegung des Möbels, die der Alte vorhin mit ihm vollführt hatte führten nun zu einem folgenschweren Ereignis. Eine kleine vorher kaum merkliche Lade des Sekretärs öffnete sich mit einem spitzen, klackenden Geräusch. Ich zuckte zusammen. Der Alte jedoch schien nichts gehört zu haben, es waren nur sein zufriedenes Husten und das Verstellen von alten schweren Büchern aus dem Hinterzimmer zu Vernehmen. Ich wartete still ab, ob er vielleicht nicht doch etwas vernommen hätte, meiner Verurteilung gewiss. Die Lade hing ziemlich beschädigt aus dem oberen Teil des Sekretärs herab. Bewegte sich nicht mehr, aber ergab schräg und unsicher, ein trauriges Bild. Der Sekretär sah nun geschändet und würdelos aus, ich fühlte mich eines Verbrechens schuldig, jedoch unfähig zu reagieren. In der Schachtel jedoch lagen ein paar Zettel, eng beschrieben, die Zeilen zusammengedrängt mit hastiger Hand und garstig ausfallenden Ober und Unterlängen. Diese Papiere nahm ich an mich, mein Verbrechen noch erhöhend und verließ hastig den Raum, mich mehrfach vergewissernd, dass mir der alte Mann nicht folgte, verlangsamte ich später meine Schritte. Ich war in einer ekstatischen Stimmung, die Welt wirbelte um mich herum.

Erst sehr viel später, nachdem ich in die Bescheidenheit meines kleinen Dachzimmers zurückgekehrt war, hatte ich die Ruhe und Sicherheit, mich dem Studium der Papiere zu widmen. Dies sollte mein Leben für immer verändern, es kam einem Sprung gleich, als mich die Gewissheit anfiel.

Das Grundproblem hinter allem war und bleibt jedoch die Frage, wieviel Zögern man sich selbst zumuten sollte. Wieviel Verschwiegenheit soll man bewahren? Ab wann gilt es sich zu wehren und dem unflätigen Stolz, dem eitlen Dünkel etwas entgegenzusetzen. Hätte man alles verhindern können, wenn man schon eher, schon viel eher, alles oder zumindest mehr ans Licht gezerrt hätte?

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die Geschichte, die auf der Offenen Bühne im Hecht vorgetragen wurde

Wir sind keine POPSPINNER!

Wir können uns der Spitzfindigkeiten Kants erwehren, indem wir dem dogmatischen Teile der hier vorliegenden Ausführungen nicht dem empirischen Voranstellen und auch die Begriffe der Form und des Materials nicht zerreißen in die unterschiedenen Welten des Dings an Sich und der Begriffe. Ein Ausdruck des Immergleichen sollte sich in aller Literatur zeigen, das Dionysische Nietzsches oder auch der Ort des Ursprunges, dem Punkt, an dem das Sein in die Welt getreten ist, zur Sprache kommt, in der der Mensch hegend wohnt.

Die ersten Sätze sind immer die schwierigsten, dachte Lauermann. Grosse Sätze musste man suchen, sie aber zu finden, auch im eigenem Kopf, das war das Fragwürdige und so wie Jean Paul schon sagte, dass hinter jeder Rezension eine Ästhetik verborgen sei, so dachte er, dass hinter jeder Erinnerung ein Trieb des Erinnerns verborgen war, dem nachzugehen er sich vorgenommen hatte. Dieser Ort war der richtige dafür. Selten jedoch verirrte er sich in die Gänge der Leute vom fiktionalen Fach, welche jedoch seinem Platze genau gegenübergestellt waren, gleichsam um sich daran zu reiben und zu wachsen. Grosse hatte es darunter sicher auch gegeben. Zettelkastenleiermänner, seit Wieland, Jean Paul und Arno Schmidt. Auch zwei dunkle alte Soldatenpriester, die Briefe schrieben, in denen sie sich über die Hinterhältigkeiten austauschten, die sie tief am Grunde ihrer Schriften sorgsam verpackt hatten und deren einziges Ziel die Provokation gewesen sein mochte, wenn nicht ein aufmerksamer Leser diese entrollen und bloßstellen könnte.

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