Archiv der Kategorie: Kulturkritik

Lechts und Rinks – Brücken verbinden…

Konservative Kulturkritik und eine neue Mythologie, die eine Hingabe an die Irrationalität abfeiert, die Lust an Verschwörungstheorien, an einem Vitalismus und voluntaristischen Dezisionismus der uns spätestens seit der Ukraine wieder fest im Griff der Krise hat, ist schon so alt, das es eigentlich schmerzt. Rechte, die sich als Sozialisten gebärden und den Unterschied zwischen Rechts und Links nicht mehr haben wollen, hipieeskes Friedensgebaren, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Selbstaufgabe gepaart mit Kapitalismus- und Geldkritik, eine absichtliche Unterkomplexität der Diagnose – mit Verachtung für alles Analytische und jede Form der Intellektualität, eine generelle Politikmüdigkeit die in einem Antiparlamentarismus mündet – kennt man alles aus den Zeiten der Weimarer Republik – und woher? Haben wir damals genau genug Spengler, Klages… die ganzen Konsorten, die konservativen „Denker“unter den Deutschen Akademikern gelesen, sind wir uns im Klaren woher diese Weltuntergangstimmung wirklich kommt?
Dass die Rechten Links anzuknüpfen suchen und die Linke auf einmal eine innerparteiische Linie des „internationalen“ Antifaschismus wiederentdeckt, die ausgerechnet darin mündet, den Sympathien für Russland und seinem verkommenen politischen System unter Putin Ausdruck zu verleihen, der seinerseits gerade wieder am Erbe des Stalinismus etwas Positives und angeblich Verleumdetes wiederherzubasteln sucht, grenzt dabei an eine Farce. Wäre das nicht die Chance gewesen, endlich einmal klarzumachen, was ein linkes Projekt, transnational, heutzutage sein kann, nach der Hegemonie und dem globalen Siegeszug neoliberaler Ideologien? Aber nein, man gefällt sich darin, im schlimmsten Falle blinde Blankovollmachten und im Besten verhaltene Solidarität mit Russland gegen die bösen Medien zu demonstrieren. Dabei bastelt man sich wie die Ultrarechten auch, die immer von einer linken Meinungshoheit in den Medien faseln, diesmal eine angebliche Meinungshoheit der bedingungslosen Ukraine-Unterstützer zurecht, die ein Russland-Bashing betreiben würden, die ach-so-schlimmen Nazis der Maidan-Bewegung in Kiew verharmlosend. Das diese Meinungshoheit in den etablierte Medien ein Phantom ist, welches durch russisches Propagandafernsehen befeuert wird, was sich wundert, dass „die westlichen Medien“ so etwas eben nicht senden und offensichtlich andere Standards vertreten, fällt den Linken, die es nicht lassen können, immer wenn von Kiew die Rede ist: „Swoboda“ zu sagen, nicht auf. Ja wir haben es verstanden, wir brauchen die angeblich wohlmeinenden Warnrufe aus eurer steinzeitkommunistischen Ecke nicht. Ja Swoboda ist eine rechte Partei, ja auch sie haben Ministerposten erhalten, das ändert aber nichts daran- dass es weder eine Putsch-Regierung ist, noch dass die Linke in diesen Statements immer wieder vergisst darauf hinzuweisen, mit welchen Kräften Putin zusammenarbeitet. Putins Ziel ist es, die europäische Union zu torpedieren, deshalb wird sich die Lage in der Ukraine nicht entschärfen. Er kann wenn die Temperatur zu niedrig ist, ein Interesse an den östlichen Gebieten durch militärisches Gebaren glaubhaft machen, oder eben wie er es letzte Woche getan hat, auf den Wunsch der Donbas Region, einen Anschluss an Russland herzustellen, nicht antworten und so auf seine eigenen Bemühungen zur Entspannung beizutragen verweisen. Putin ist voll handlungsfähig: Säbelrasseln oder weißes Hemd, deutsche Sprache und unschuldiger Blick, ihm liegen beide Rollen und er treibt damit die Europäische Union vor sich her- bei seinem Höllenritt auf dem Krisenkamm. Das einzige was ihm Schaden würde, wäre eine Entspannung der Lage in der Krise, oder ein wirklicher Anschluss an Russland, den er sich, genausowenig wie Europa, leisten kann.
Die Ukrainer des Maidan sind aufgestanden, gegen ihr korruptes Regime, dagegen, ein Spielball Russlands zu sein, für echte Demokratie und Souveränität – nicht dafür, Teil der EU zu werden! Das einzige was die Lage angesichts einer müden EU und eskalierenden Fracking-Amerikanern aktuell hergibt, an deren demokratischem Wesen nicht zu zweifeln sei und die Welt genesen solle – ist weiter Spielball Russlands zu sein. Das Spiel der russischen Taktik ist perfide: immer wieder gegen die europäische Austeritätspolitik am griechischen Horiziont geschmettert zu werden, bis die Sympathien einer verarmten Bevölkerung an Russland zurückprallen, wo sie jedoch kein Gehör finden werden. Ob die Ukraine diesem Belastungstest weiter standhalten kann, dem wohnen wir in Deutschland gerade in Echtzeit bei und die deutschen Linken belehren uns immer wieder über den kulturellen und ethnischen Unterschied der Ost- und Westukrainer… der ist nämlich so tief und echt, siehste doch, kannste dir doch ansehen…genauso wie die „Brückenfunktion“ Mensch!
Der einfache imaginäre Sachse:
Nein, wir sin nich für Interventionen, die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, das ist doch eine schöne Lehre aus dem zweiten Weltkrieg: wir sind doch alle keine Nazis mehr, wir haben nichts mehr zu suchen da drüben. Hätte ja auch schon der Hitler wissen können von Napoleon. Russland ist zu gross, das kann man nicht machen. Deshalb verteidigen wir ja gerade Putin, der ist doch auch Antifaschist, Russland hat doch den Faschismus besiegt, hast du etwa keine Geschichte in der Schule gehabt, blöder pro-Ukrainischer Schreiberling? Ach, die Weimarer Republik, nein… was war da? Ach so… jene unübersichtliche Zeit, in der sowohl von links als auch rechts am schwachen Parlamentarismus und der Demokratie gerüttelt wurde – die wollten ja alle keinen Frieden diese Extremisten! Die haben ja auch die 19’er Revolution vergessen in der bundesdeutschen Schule heutzutage. Da hat die deutsche Gründlichkeit gefehlt, dass da mal jemand auf den Tisch klopft und schreit Ruhe jetzt! Genau… eigentlich wollen wir doch alle nur Ruhe und ein bisschen Frieden… vertragt euch! Das sollte dieses Weichei von Diplomat Steinmeier mal machen… mal richtig auf den Tisch klopfen! Nein, damals in der Weimarer Republik, da hatten wir noch keine Erfahrung mit Demokratie, da war das ne „junge Republik“…sowas kommt am Anfang immer vor, jeder übt mal! Na ein Glück dass das jetzt vorbei ist und wir alle ordentliche Demokraten- dieses Irrenhaus, diese Quatschebude… heute herrscht Ruhe und Ordnung, das werden auch die Ukrainer bald lernen und auch der Putin. Immerhin ist der ja ´nen ordentlicher Mann- der kann ja deutsch…Mensch dann guck doch mal im Internet…damals als der Deutschland besucht hat…jaha! Der hat in Dresden gewohnt und is am Jägerpark mitm Trabbi ums Eck gekurvt- hat seine Ludmilla abgeholt zum Blini-Essen ins Eiskaffee… der is n´ ganz normaler Mensch! Der is nich verrückt, der spielt sogar Schach…besser als Kasparov. Naja die Russen halt, so sind´se. Man muss das verstehen, die waren schon immer n ‘bissl anders- das lernen die noch.

Jaja, die Unterschiede und die Brücken…

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Eingeordnet unter Demokratie, Essay, Kulturkritik, Local Politics, Politik, Ukraine

Für Yewgenija (beim Lesen von Meister und Margarita)

Stell dir vor alles ist einfach. Auf der Straße treffen sich Menschen und ein Verstehen ist möglich. Stell dir vor, die ganze Akademisierung, die Bewegungsforschung, all das kluge Reden und erklären warum Proteste immer unterdrückt werden und nie zum Erfolg führen, haben keinen Sinn.

Stell dir vor es ist möglich einen Staatsapparat neu zu erfinden, ein anderes Betriebssystem aufzuspielen, wie beim Computer. Stell dir vor es ist möglich, Freiheit und Demokratie zu sagen, ohne dabei an die Verfälschungen eines Wirtschaftsliberalismus denken zu müssen. Stell dir vor es ist wieder möglich, Freiheit und Demokratie im idealistischen Sinne zu sagen, ohne dabei an die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und den ad absurdum geführten Glauben der Menschen an diesen zu denken. Stell dir vor, es gibt „das Böse“ wirklich. Wenn Putin, ein Pragmatiker und Theoretiker des Selbst- und Machterhalts, ein Emblem des reinen und skrupellosen Egoismus ist, der bereit ist bis zum Äußersten zu gehen, wirklich der ist, als den man ihn immer in Verdacht hatte, ein Irrer, reich wie die Kirche aber arm an Glauben. Wenn dem so ist, dann gibt es auch „das Gute“- einen Menschen der nicht nur den Opportunismus, sondern Ideale kennt und verwirklicht, der Demokratie und Freiheit ernst meint.

Stell dir vor, die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, war wirklich wie Putin sagte der Mauerfall und der Untergang der Sowjetunion. Stell dir vor das Katastrophale daran war der Abschied von den Utopien, die Aushöhlung der Identität in jeglichem Sinne- ein Triumph des schizophrenen Pragmatismus im Politischen, der sich verleugnet, weil er seinen Scheffel unter den Sachzwang des Ökonomischen stellt, das Primat des politischen verleugnet und behauptet, eine größere Einheit als das rational egoistische Subjekt, das kleinste Atom jeder Gruppe, sei nicht möglich. Stell dir vor es ist möglich wieder Wir zu sagen, ohne dabei sich selbst zu meinen. Stell dir vor, die Menschen in der Ukraine kämpfen einen Krieg ohne Waffen. Stell dir vor, Soldaten singen Lieder, anstatt zu töten. (X) Stell dir vor, es gibt etwas, das groß genug ist, dafür zu sterben- sich selbst zu verleugnen – passiv zu bleiben – zu schweigen und doch nein zu sagen. Nein zur Lüge, zum Bösen, zur Macht in ihrer schlimmsten, in ihrer terroristischsten Form. Die Furcht davor ist echt, aus Angst reden deshalb so viele wild durcheinander. Niemand kann schweigen, auch die Kranken, die Geschundenen, die Gutmeinenden, die Verirrten, die boshaften Lügner, aber auch die Besserwisser, die Schlaumeier, die Möchtegerns und die, die sowieso nie ihren Mund halten konnten. Dieser vielstimmige Chor der Handelnden, sie alle fürchten sich davor, diese Prüfung könnte auch an sie gestellt werden. Und bei alledem Schweigen die Geprüften in ihrer redseligsten Form.

Stell dir vor die aktive, gemeinsame Stille besiegt das Geschrei und Getöse. Stell dir vor, das Wort, der Begriff, die Idee gebiert sich aus dem Nichts, wie zu Anbeginn der Zeiten, als der erste Mensch tanzte und den Gegensatz von Ihm und dem Tier sah, dass er jagte und verkörperte, wie ich dir einst erzählte. Stell dir vor alles ergibt einen Sinn.

Danke an die aufrichtigen Menschen in der Ukraine, ich glaube Europa kann viel von ihnen lernen…

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Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie „zweite Hand“ in Verbindung mit der „Superstruktur“, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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Technoide Seifenblasen

Angesichts des Todes sucht man etwas Unvergängliches, Bleibendes. Gott selbst als sich offenbarender Gott ließ die Menschen noch daran teilhaben-wir allerdings suchen ihn nicht mehr. Wir glauben an die Kunst! Wenn man an die Kunst glaubt, dann kann das kein Spaß sein, also nichts was man so nebenbei betreibt, kein Hobby und keine Nebensache! Deshalb geht auch nicht der flapsige Ton von Oben herab bei Poetry Slams, Lesebühnen und sonstigen Veranstaltungen. Diese drohen immer mehr zu einem noch schwächerem Kabarett zu verkommen, es ist das kleine und billige Theater, die Komödie, welche das Volk bei Laune zu halten hatte, Jahrmarktsspektakel. Dessen sind sich vielleicht viele der Lesebühnentreibenden nicht bewußt? Manche versuchen gar noch politisch rüberzukommen, dabei haben sie nur systemergänzende und erhaltende Funktionen, wirklich zersetzend und subversiv wäre nur, die Verhältnisse, welche nicht mehr zum aushalten sind in ihrer Unterdrückung jeder wirklich freien Wahl bloßzustellen. Etwas zu tun um Still zu sein, nichts zu tun. Um zu schlafen…um Kunst zu treiben- nicht um zu verdienen, oder einen Markt zu erobern oder sich einen Namen zu machen – um Kunst zu machen. Ein Stück der Ewigkeit anzugraben, Selbstzweckhaft dahingestellt. Das Vorwort zum „Bildnis des Dorian Gray“ spricht davon, Carlos Monsiváis sprach davon in einem Interview mit einer unsäglich dummen Fernsehmoderatorin. Als ob es darum gehe, seinen Namen irgendwo in die geschichtsvergessenen Köpfe der Mitmenschen einzuritzen, nein ins Allerheiligste, in die Bibliothek soll nicht der Name, sondern das Werk! Literaturwissenschaft ist keine Namensshow, es geht um die Texte ganz allein. Deshalb ist es mir auch ein wenig schleierhaft, wenn man sich in der Wissenschaft mit dem Flüchtigen, dem Einfachen, vergänglich auseinandersetzt. Das einzige worum es gehen kann, ist das was bleibt. Nach dem Sturm der Zivilisationen, nach den Wirren der Alltäglichkeit, des sich selbst zu wichtig nehmenden Betriebes. Für mehr Unvergängliches, hohes, alleinstehendes, elitäres! Das Wahre ist einzig! Der Arielismus beflügelt uns aufs neue…es geht um die einzige Kunst, die Kunst die uns vom Dasein erlöst, Filme reden nur über das Dasein, es selbst auszudrücken vermag nur die Literatur, der Text. Sich selbst sein, ganz ich, dass ist man vor allem und nur im Text. Während des Schreibens in sich selbst, auf sich selbst zurückfallen, ohne Quellenangabe zitierend ohne aus dem Schreibfluss zu kommen und von sich selbst zu entfernen. Deshalb genügt ein Essay den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht- er ist der Versuch das Denken im Text zu sich kommen zu lassen. Die methodisch unmethodische Antwort auf eine Welt des Betriebes, in der es nicht darum geht, zu sich zu kommen, sondern nur darum sich in den Betrieb einzupassen. Die richtige Form zu wählen um anzukommen, um Reputation zu gewinnen. Der Essay ist nichts von alledem, er steht im Hier und Jetzt des Denkens, verankert in der Situation. Er ist eine Antwort auf die Uhr. Da im Zeitalter des Internets und des Films, des Modernen Romans, die Synchronizität aufgehoben ist und wir überall zu gleich immerfort sein können, könnte der Essay eine formale Antwort darstellen. Jedoch ist im Internet, die Lesefähigkeit auf Aphorismen zusammengekürzt, das „Fasse dich kurz!“ des Essayisten ist zum „Spuck auf den Leser!“ des billigsten Bild-Journalismus verkommen. Bewirf ihn mit Informationen, lass ihn nicht durchatmen, nicht etwa eigene Gedanken finden… das wäre die Katastrophe. Beschäftigtes hinterherrennen ist die Erscheinung heute. Man läuft im Kreis und in der Stadt dem Ort der rastlosen Bewegungslosigkeit, den Ereignissen auf der Spur, die nichts Bedeutendes mehr haben weil die Bedeutung mit dem Publikum abhanden gekommen ist. Nur die Spur selbst ist das Bedeutende. Das Publikum sind heute zwanzig Betrunkene auf einer Wiese im Stadtpark, die dem betrunkenem Bass zugrölen, der unter Ihnen tobt. Es ist der Rhythmus, jenes nie schweigende ruhelose Pulsieren, ein Herzschlag, die Lebenszeit die auf dem Spiel steht, die verschwendet wird. Verschwende deine Jugend wie dich selbst und hoffe nicht auf Morgen wenn du jetzt der Rhythmus sein kannst. All das sind nur Versuche hinter die Bedeutung eines elektrischen Basses zu kommen, Näherungen an die Präsenz eines Signals. Einen Klick weiter wartet schon ein anderes Störgeräusch, mit dem mobilen Rechner geht es zum nächsten Stadtpark auf die nächste Weide der Bedeutungslosigkeit. Was sind schon die Namen der dort auftretenden, die Gruppen welche das notwendigste Organisieren, alles Chiffren die nur die Theoretiker interessieren, das Flüchtige und wandelbare Fluide ist schon mindestens fünf Parks weitergezogen, bevor diese am Ort des Geschehens ankommen und immer schon weg. Die Kommunikationsmethode ist der Inhalt selbst, das Internet kristallisiert sich zu Farbtupfern und Menschentrauben, die sich auflösen und neu sammeln, kleine Blasen des Glücks, der Verderbnis all des menschlichen und allzu menschlichen. Der Seifenblasenmann im Mauerpark ist das auf Dauer stellen dieser Metapher eines fragilen Nichts mit Großbuchstaben.

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Revision von Befreiungsbewegungen- sowas wie ein offener Brief oder eine Bitte an Peter Sloterdijk, der mich enttäuscht hat…

Slavoj Zizek hats wieder getan! Er meldet sich zu Wort. Obwohl ein anderer jener sichtbaren Philosophen, Peter Sloterdijk, ja vor kurzem unter die Anhänger (Räder?) des Wirtschaftsliberalismus geraten und sich anscheinend nicht zu Schade ist, den Ideologen des schwachen Staates das Wort zu reden, kritisiert hier jemand eindeutig und unmissverständlich die Ideologie des Kapitalismus und fordert dazu auf Freiheit als Freiheit zur Entscheidung, als Anstrengung und als etwas schrecklich Mühsames, nicht Konsumierbares anzusprechen. Er rettet damit mein Vertrauen in Telephilosophen, die einen wirklich zum Denken anregen.

Es sind Sätze wie diese, die mir kürzlich das Vertrauen in Sloterdijk raubten:

Es ist die Sorge um die Rückzahlung von Krediten, die das moderne Wirtschaften von Anfang an vorantreibt – und angesichts dieser Sorge stehen Kapital und Arbeit auf derselben Seite.    […]

Die größte Gefahr für die Zukunft des Systems geht gegenwärtig von der Schuldenpolitik der keynesianisch vergifteten Staaten aus. Sie steuert so diskret wie unvermeidlich auf eine Situation zu, in der die Schuldner ihre Gläubiger wieder einmal enteignen werden – wie schon so oft in der Geschichte der Schröpfungen, von den Tagen der Pharaonen bis zu den Währungsreformen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Lieber Herr Sloterdijk, vielleicht lesen sie doch auch einmal besonders das 10. Kapitel von Naomie Kleins Schock-Strategie oder am besten gleich das ganze Buch! Vielleicht fällt ihnen dann etwas auf und sie überdenken jene Einschätzung des Kredites und des Abbezahlens. Warum sollen denn ausgerechnet immer Regierungen, also die technokratischen Vollzugseliten der besitzenden Klasse die Schulden machen dürfen, und sie arbeitende Menschen dann abbezahlen? Sie wissen eigentlich sehr genau, dass es um die gute alte Mehrwertabschöpfung geht, an der die Allgemeinheit beteiligt werden soll, welche nicht allein Privateigentum werden kann, was den auf Dauer gestellten Raub von dem sie sprechen ausmacht. Die Arbeitenden tragen zur Wertschöpfung genauso bei wie die Unternehmer, wenn nicht gar mehr. Die „ursprüngliche Akkumulation“ die Sie hier leugnen ,  uns als kreativen Akt verkaufen wollen oder umerzählen, findet weiter statt und fand weiter statt- gerade auch nach Krisen und Neugründungen. Sie findet noch in jedem kreativ/genialischen Akt statt, der sich nur „aus sich selbst heraus“ schöpfen will und dabei alles kulturelle und sonstige Kapital leugnet.

Oder meinen sie vielleicht, dass ausgerechnet die einzige überall anerkannte „Demokratie“ neben der in Amerika und vielleicht Frankreich und England die Schulden erlassen bekäme, die sie jetzt macht, um die Permanenz diese Raubes zu erhalten und wir nicht alle gemeinsam bei irgend einer Republiksneugründung unter anderen Vorzeichen dafür zu haften hätten? Welches neue Projekt schwebt Ihnen denn vor, wenn sie im letzten Absatz von der „sozialpsychologischen Neuerfindung“ daherkommen…werfen wir jetzt unsere Schuldennetze und Eigentumskonstrukte transnational aus, in der Hoffnung dann gängen uns schon ein paar munter schwimmende chinesischen Funktionäre ins Netz, die wir dann im salzigen Tränenwasser unseres Stolzes weichkochen können? Sehr seltsame Metaphern, die sie da wiederzubeleben versuchen, vielleicht verstehe ich Sie auch nicht. Ich hatte leider noch nicht so viel Lebenszeit zum verlesen wie Sie, aber ich gebe mir Mühe und lese doch eher von Unterdrückung jeder demokratischen Regung, ich lese Geschichten des Abarbeitens an Schulden und der Tilgung von Krediten… auch der Väter  (… die moralischen Schulden, die scheinen Sie nicht mehr zu kennen, die ökonomischen wohl aber akzeptieren zu wollen wie ein ehernes Gesetz). Ich lese bei Jorge Volpi zum Beispiel eine sehr gute Geschichte über das Scheitern jeglichen emanzipatorischen Traumes im zwanzigsten Jahrhundert. Aber nur weil ich einen Alptraum hatte, weigere ich mich noch lange nicht zu träumen und werfe mich den Räubern, Schlächtern und Folterern an den Hals, die die wahren Räuber sind, jene Wegelagerer, welche auf Gelegenheiten warten und die ursprüngliche Akkumulation erst abgeschlossen haben werden, wenn alles Gewässer, jegliche Biodiversizität und alle Gesundheits- Bildungs- und Sozialsysteme dieses Planeten privatisiert sind (Putin ist ein Vertreter dieser Leute) und dabei Demokraten schlicht und einfach platt machen. Ein echter Intellektueller sieht für mich anders aus. Für „Demokratie“ heißt es eigentlich zu solidarisieren – nicht dagegen. Und eine im konjunktiv versteckte Einschränkung („Sollten sich Wahrnehmungen wie diese verbreiten…“) wirkt doch sehr vage angesichts der sonstigen Vorwürfe und eindeutigen Schlagworte. Meinen sie nicht, gerade Ihr Artikel könnte zur Verbreitung solcher Wahrnehmungen beitragen?

Man schaut dem Bösen ins Auge, auch wenn es blutig daherkommt, so wie jüngst im Iran vielleicht und versteckt es nicht im Konjunktiv, benennen sollte man es! Was mir an Zizek soviel besser gefällt ist seine Einschätzung vor allem auch zum geistigen Eigentum- auch sie als Zitiermaschine sollten das kennen. Zumindest scheint dieser zu denken, es könnte gerade dieser Kampf sein, an dem der Kapitalismus sich selbst offenbaren muss. Vielleicht freut sich darüber ja die Piratenpartei! Ich muss sagen, heute mehr denn jeh würde ich gern sehen wie Sie und Zizek gemeinsam reden und disputieren. Hoffentlich wäscht er Ihnen den Kopf ein wenig und zerzauselt ihre Haare weiter, damit Sie sich noch einmal umwenden und vielleicht anstatt der „Sorge um die Kredite“ wieder die „Sorge“, die um das Weiterleben auf diesem Planeten für uns alle in den Blick bekommen.

Wir sind gefordert, Denken macht wieder Spass, denn wir sind nicht mehr Sklaven des hegelianischen Weltgeistes, ebensowenig wie der marxistischen Lehre und ihrem Ablauf von Geschichte (nebst Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate usw.usw.). Die Geschichte ist nicht schon vorher beschlossene Sache und determiniert, sondern radikal offen! Die Geschichte ist nicht zu Ende, sie beginnt gerade. Die Realität die wir zu schaffen haben ist unsere Zukunft. Sie ist vielleicht bestimmt und läuft in Richtungen, die absehbar sind, vielleicht ist auch die Geschichte so etwas wie jener Torpedokäfer Franz Jungs (der, das will ich dazu sagen, uns alle als Menschen meinte…), vielleicht rappelt sich die Geschichte immer wieder auf und fliegt aufs neue gegen die Mauern des vermeintlich schwachen, doch umso höher (polizeilich)militarisierten Staates.

Vielleicht hören Sie sich auch mal hoch aktuelle diskursive Grabenkämpfe an, die „die Anderen“ hier bei uns zu führen haben. Die Verteidigung der „Akzeptanz“ gegen die „Toleranz“ zum Beispiel. Vielleicht fällt Ihnen dann auch auf, was Hegel mit dem Anderen meinte (ja ok…gemeint haben könnte), als den sich der Geist erkennt- und vielleicht wird Ihnen dann auch jene Lesart Hegels und der Befreiungsphilosophie klar- warum der Hegelsche Weltgeist und das „Ende der Geschichte“, sowie seine Worte zu Amerika eben gerade nicht in Frage kommen für nicht-eurozentristische Sichtweisen. Vielleicht auch, dass jene Menschen die zu uns kommen, oft mehr Demokraten sind als jene mitten unter uns mit nichts als braunem Müll im Kopf, die dann andere durch ihren Stolz in ihrer Würde verletzen. Sie jedenfalls bauen mir zu viele Mauern und Zäune, und schotten die Festung Europa zunehmend ab, obwohl Sie sehr wohl wissen, dass gerade Europa und die Idee Europas aus den durchlässigen Grenzen erwächst und nicht zuletzt durch Migrationsströme und durch Austausch entsteht. Nicht nur Sie hüpfen ja gerne zwischen Grenzen herum und sind ein hoch zu achtender afrancesado, hätte ein Spanier des siebzehnten Jahrhunderts wohl gesagt. Bitte globalisieren und trans- (national-)(europäis-)(zend-ieren) Sie doch auch Ihren Blick auf Befreiungsbewegungen und erkennen Sie nicht nur voranpreschende Avantgarden, sondern auch einen echten Willen und eine Notwendigkeit, die sich äußerte damals, als Sie noch jung waren und über Wandel nachdachten. Und jenen Willen etwas zu verändern, der sich vor allem in Lateinamerika im versteckten Blutrausch der siebziger aber auch an so vielen anderen Stellen unseres Planeten bis in die neunziger hin verlor und bei dem Demokraten einfach keine Chance gelassen wurde. Jenen die den Willen oder Wahnwitz hatten aufzustehen und Neugründungen zu fordern, die gerade von der konservativen Wirtschaftswissenschaft, die vorgab, reine Wissenschaft zu sein und keine Metaphysik im Hintergrund mitzuführen erstickt wurden: unter einem Berg ökonomischer und moralischer Schuld!

Die Anerkennung gerade der Momente an den Befreiungsbewegungen der siebziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, welche die Grundlagen dafür waren, sich jene moralischen Schulden aufzuladen und jene Verkrustungen bilden, die der Sozialismus bei Ihnen so mühsam und Stück für Stück zu begleichen hat und die Sie ihm so hoch anrechnen, wäre jedenfalls ein Schritt, der echte Größe und schreckliche Freiheit die Sie sich doch nehmen könnten, bestätigen würde. Vielleicht wäre da auch ein Funken von sozialem Empfinden noch übrig, hinter ihrem Theoriepanzer?

Wer so lange im Glashaus sitzt, sollte auch ab und zu mal mit Steinen werfen, das kann ich verstehen- aber bitte auf den Richtigen, gerade in solchen Zeiten. Die Merkels reiben sich schon die Hände und bedrohen uns weiter mit Untätigkeit und Aussitzen (sie wären übrigens hinzuzufügen zum Nulleinkömmler!!) und die nächste Mehrwertsteuererhöhung wird auch die FDP sicher nicht verhindern, so mächtig (gefolgschaftsbildend/ Wahlstimmen bringend…) ist ihr Wort wohl doch noch nicht. Vielleicht rufen Sie ja nach erfolgter Wahl und der Überwältigung der FDP durch die CDU in diesem Streitpunkt dann wirklich zur Revolution auf und erklären den Wahlbetrug und das System für endgültig überholt? Die Mehrwertsteuer bezahlen wir ja alle dann, sowohl die Nulleinkommen, als auch ihre steueraktive Hälfte und die Subsistenz der Nulleinkömmlinge wird dann nur umso schwieriger…ein Sloterdijk Buch kann ich mir jedenfalls schon jetzt nicht mehr leisten, zumindest solang es nicht als Taschenbuch herauskommt…

Das tolle Zizek Interview.

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Köln…bitte entschuldigen sie, wie war das mit Alexandria nochmal?

Alle, die schon immer Feuerwehrmann werden wollten, haben wieder einen Grund. Ich frage mich, warum ich eigentlich Kulturwissenschaftler geworden bin.

Endlich ist wieder was los…und wir mit unseren Medien live dabei:  „Ich hab gedacht, dass ist wie der 11.September“. Selbst das „Heute Journal“ vom 4.März, welches ich durch Zufall sah, als ich auf  Kulturzeit wartete, konnte sich dieser Metapher nicht entziehen. Dahergesagt wurde sie von einer Frau…“Christiane Haerlin, Augenzeugin“ – sagt der Untertitel.

Vielleicht ist sie Archivarin? Endlich ist Archivar also auch ein Beruf mit Berufsrisiko…ein Fulltime Adrenalinrausch- mit globalgeschichtlichem Anschluss. Nix mehr mit Feurwehrmann- Der Ernstfall als „säkularisiertes Wunder“, man sehe einfach mal in den Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und Hans Blumenberg. Wahrscheinlich lag die Lust am Wunder und am Ernstfall doch aber vielmehr beim Journalisten, der gefilmt hat, beim Redakteur, der das dann noch aussuchte und schnitt sowie nicht zuletzt bei all denen die dies ausstrahlten und dafür ihre Billigung gaben. Ich sehe Schäuble schon im Hintergrund die Hände reiben. Da sehnt man sich fast ein paar katholische Bischöfe herbei, die denen endlich mal das Wunder aus dem teuflischen Maul reißen. Die Folge davon- die Freund/Feind Dichotomie ist beabsichtigt- zumindest scheint es so.

Vielleicht war die arme Frau auch einfach nur geschockt. Jedenfalls verlange ich eigentlich vom verantwortungsvollen Journalismus, dass man diese Frau nicht so benutzt, um dieses billige Spiel mitzuspielen. Scheusslich ist das und nichts anderes. Wenn dabei nicht vielleicht wirklich Menschen gestorben wären und es mir die Pietät verbietet, könnte man darüber lachen, wie einfach eigentlich Journalisten heutzutage gestrickt sind; das Billigste und Einfachste, jenes Naheliegendste wird genommen und verwertet, ist ihnen gerade gut genug. „Schatz“ und „11.September“ sind solche Metaphern, die jene Beschränktheit sinnfällig vor Augen führen. Wahrscheinlich kommen sich diese Leichenfledderer auch noch ganz „investigativ“ und besonders „nah am Ball dran“ vor. Die Trennung zwischen Werturteil und Bericht wurde ja gemacht, da haben sie sich nichts vorzuwerfen. Sie haben ja eine(n) Dumme(n) dem sie das in die Schuhe schieben können. Arme Christiane Haerlin, armes ZDF! Ein Glück, dass ich keine GEZ Gebühren bezahle, Fernsehen nur bei Freunden schaue und auch keinen Computer besitze. Genauso zynisch und dümmlich, leserverachtend hab ich in meinem Praktikum bei der SäZ den Umgang mit Zitaten erlebt, ja geradezu gezeigt bekommen.

Stimmung machen, das ist alles was die Einfältigen können- da nimmt sich Aushilfsprintjournalismus im Lokalbereich nichts vom Bilderfeuer und Nachrichten-Flaggschiff eines ganzen Senders.

Sowas ähnliches wollte wohl auch Roger Willemsen sagen, als er damals vorm unsäglich lästerlichen Kerner versuchte das Label Reich Ranitzky wenigstens teilweise in Schutz zu nehmen. Deutsches Fernsehen wie immer am Boden, aber es war auch nicht anders zu erwarten. Vielleicht werde ich mir doch mal ein neuartiges Rundfunkempfangsgerät zulegen, sicher aber nicht, um damit ZDF zu schauen. Wenigstens wurden ein paar Nachlässe und Schriften zumindest im Beitrag erwähnt, es muss den Vertretern der Bildkultur schwer gefallen sein. Ich kann mir ihren Hurra Ruf beim Anfahren der Betonlaster vorstellen. „Kippt es endlich ganz zu, dieses scheiss Schriftenloch und Zettelgrab! Erwartet ihr etwa von uns, dass wir denen da draußen jetzt auch noch das „kulturelle Gedächtniss“ in einem kleinem Beitrag erklären?- He, das haben wir doch auch nur in einer Vorlesung gehört…“ – aber ich gleite ab ins Imaginäre. Schande über mich. Diese Journalisten nehmen doch sicher ihren Bildungsauftrag ernst. Dies verbürgt doch die Miene des Moderators.

„Hock mal lieber weiter in deiner Literatenzelle“, hör ich da die Flöhe husten. „Wenn die jetzt auch noch die Kriegsvokabeln da rausholen, wo doch der eigentliche Feind höchstens menschliche Unzulänglichkeit und das komplette Versagen der Verantwortlichen oder der zuständigen Befehlsketten ist, dann, ja dann sind die Zeiten wirklich bitter“. Ich sehe, meine flohhaften Mitbewohner beweisen mehr Intelligenz und Gespür für Diskurse als jene Journalisten vom Zweiten…aber naja, auf einem Auge sieht man besser, oder wie war das? Ich werd jetzt doch lieber Betonarbeiter, Fundamentsetzer oder irgendwas. Vielleicht mach ich auch meinen Presslufthammerschein, das kommt ja dem Kulturwissenschaftler in Zukunft entgegen.

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Die X-Mas Hölle (warum nicht gerade jetzt…wo doch alle über sowas schreiben werden- bedienen, bedienen, bedienen)

Reflexionen über Weihnachten sollten keinesfalls mit “alle Jahre wieder” beginnen. Dieser Allgemeinplatz ist eine von vielen Binsenweisheiten, an denen die Zeit um Weihnachten herum so reich ist. (bedienen, bedienen, bedienen…) In der Familie wird geredet und mit Sonderangebotswahrheiten zum mitnehmen nur so um sich geschmissen. Wenig authentisches, wenig echtes, “wahres” ist hier zu Hause. Unterm Baum wird so dahergeschwafelt und so füllen Geräusche die heimelige Gemütlichkeitsluft, die schwer zu Atmen ist. Gerüche nach Gebäck und Zimt oder anderen Gewürzen, Melodien, die schon lange keiner mehr hören mag schaffen ein schwül warmes Klima im Haus (naja…wahlweise Wohnstaette) der kleinen Familien. Die Worte kommen hinzu, durch Höflichkeiten ergänzt, die Konventionen und Traditionen, die hier in Hülle und Fülle vorhanden (bedienen, bedienen, bedienen…) sind verdichten diese schwülstige Atmosphäre zur klebrigen deutschen Innerlichkeit, die “im Kreise der Lieben” zur Äußerlichkeit wird und alles verkrustet.

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