Archiv der Kategorie: Essay

Lechts und Rinks – Brücken verbinden…

Konservative Kulturkritik und eine neue Mythologie, die eine Hingabe an die Irrationalität abfeiert, die Lust an Verschwörungstheorien, an einem Vitalismus und voluntaristischen Dezisionismus der uns spätestens seit der Ukraine wieder fest im Griff der Krise hat, ist schon so alt, das es eigentlich schmerzt. Rechte, die sich als Sozialisten gebärden und den Unterschied zwischen Rechts und Links nicht mehr haben wollen, hipieeskes Friedensgebaren, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Selbstaufgabe gepaart mit Kapitalismus- und Geldkritik, eine absichtliche Unterkomplexität der Diagnose – mit Verachtung für alles Analytische und jede Form der Intellektualität, eine generelle Politikmüdigkeit die in einem Antiparlamentarismus mündet – kennt man alles aus den Zeiten der Weimarer Republik – und woher? Haben wir damals genau genug Spengler, Klages… die ganzen Konsorten, die konservativen „Denker“unter den Deutschen Akademikern gelesen, sind wir uns im Klaren woher diese Weltuntergangstimmung wirklich kommt?
Dass die Rechten Links anzuknüpfen suchen und die Linke auf einmal eine innerparteiische Linie des „internationalen“ Antifaschismus wiederentdeckt, die ausgerechnet darin mündet, den Sympathien für Russland und seinem verkommenen politischen System unter Putin Ausdruck zu verleihen, der seinerseits gerade wieder am Erbe des Stalinismus etwas Positives und angeblich Verleumdetes wiederherzubasteln sucht, grenzt dabei an eine Farce. Wäre das nicht die Chance gewesen, endlich einmal klarzumachen, was ein linkes Projekt, transnational, heutzutage sein kann, nach der Hegemonie und dem globalen Siegeszug neoliberaler Ideologien? Aber nein, man gefällt sich darin, im schlimmsten Falle blinde Blankovollmachten und im Besten verhaltene Solidarität mit Russland gegen die bösen Medien zu demonstrieren. Dabei bastelt man sich wie die Ultrarechten auch, die immer von einer linken Meinungshoheit in den Medien faseln, diesmal eine angebliche Meinungshoheit der bedingungslosen Ukraine-Unterstützer zurecht, die ein Russland-Bashing betreiben würden, die ach-so-schlimmen Nazis der Maidan-Bewegung in Kiew verharmlosend. Das diese Meinungshoheit in den etablierte Medien ein Phantom ist, welches durch russisches Propagandafernsehen befeuert wird, was sich wundert, dass „die westlichen Medien“ so etwas eben nicht senden und offensichtlich andere Standards vertreten, fällt den Linken, die es nicht lassen können, immer wenn von Kiew die Rede ist: „Swoboda“ zu sagen, nicht auf. Ja wir haben es verstanden, wir brauchen die angeblich wohlmeinenden Warnrufe aus eurer steinzeitkommunistischen Ecke nicht. Ja Swoboda ist eine rechte Partei, ja auch sie haben Ministerposten erhalten, das ändert aber nichts daran- dass es weder eine Putsch-Regierung ist, noch dass die Linke in diesen Statements immer wieder vergisst darauf hinzuweisen, mit welchen Kräften Putin zusammenarbeitet. Putins Ziel ist es, die europäische Union zu torpedieren, deshalb wird sich die Lage in der Ukraine nicht entschärfen. Er kann wenn die Temperatur zu niedrig ist, ein Interesse an den östlichen Gebieten durch militärisches Gebaren glaubhaft machen, oder eben wie er es letzte Woche getan hat, auf den Wunsch der Donbas Region, einen Anschluss an Russland herzustellen, nicht antworten und so auf seine eigenen Bemühungen zur Entspannung beizutragen verweisen. Putin ist voll handlungsfähig: Säbelrasseln oder weißes Hemd, deutsche Sprache und unschuldiger Blick, ihm liegen beide Rollen und er treibt damit die Europäische Union vor sich her- bei seinem Höllenritt auf dem Krisenkamm. Das einzige was ihm Schaden würde, wäre eine Entspannung der Lage in der Krise, oder ein wirklicher Anschluss an Russland, den er sich, genausowenig wie Europa, leisten kann.
Die Ukrainer des Maidan sind aufgestanden, gegen ihr korruptes Regime, dagegen, ein Spielball Russlands zu sein, für echte Demokratie und Souveränität – nicht dafür, Teil der EU zu werden! Das einzige was die Lage angesichts einer müden EU und eskalierenden Fracking-Amerikanern aktuell hergibt, an deren demokratischem Wesen nicht zu zweifeln sei und die Welt genesen solle – ist weiter Spielball Russlands zu sein. Das Spiel der russischen Taktik ist perfide: immer wieder gegen die europäische Austeritätspolitik am griechischen Horiziont geschmettert zu werden, bis die Sympathien einer verarmten Bevölkerung an Russland zurückprallen, wo sie jedoch kein Gehör finden werden. Ob die Ukraine diesem Belastungstest weiter standhalten kann, dem wohnen wir in Deutschland gerade in Echtzeit bei und die deutschen Linken belehren uns immer wieder über den kulturellen und ethnischen Unterschied der Ost- und Westukrainer… der ist nämlich so tief und echt, siehste doch, kannste dir doch ansehen…genauso wie die „Brückenfunktion“ Mensch!
Der einfache imaginäre Sachse:
Nein, wir sin nich für Interventionen, die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, das ist doch eine schöne Lehre aus dem zweiten Weltkrieg: wir sind doch alle keine Nazis mehr, wir haben nichts mehr zu suchen da drüben. Hätte ja auch schon der Hitler wissen können von Napoleon. Russland ist zu gross, das kann man nicht machen. Deshalb verteidigen wir ja gerade Putin, der ist doch auch Antifaschist, Russland hat doch den Faschismus besiegt, hast du etwa keine Geschichte in der Schule gehabt, blöder pro-Ukrainischer Schreiberling? Ach, die Weimarer Republik, nein… was war da? Ach so… jene unübersichtliche Zeit, in der sowohl von links als auch rechts am schwachen Parlamentarismus und der Demokratie gerüttelt wurde – die wollten ja alle keinen Frieden diese Extremisten! Die haben ja auch die 19’er Revolution vergessen in der bundesdeutschen Schule heutzutage. Da hat die deutsche Gründlichkeit gefehlt, dass da mal jemand auf den Tisch klopft und schreit Ruhe jetzt! Genau… eigentlich wollen wir doch alle nur Ruhe und ein bisschen Frieden… vertragt euch! Das sollte dieses Weichei von Diplomat Steinmeier mal machen… mal richtig auf den Tisch klopfen! Nein, damals in der Weimarer Republik, da hatten wir noch keine Erfahrung mit Demokratie, da war das ne „junge Republik“…sowas kommt am Anfang immer vor, jeder übt mal! Na ein Glück dass das jetzt vorbei ist und wir alle ordentliche Demokraten- dieses Irrenhaus, diese Quatschebude… heute herrscht Ruhe und Ordnung, das werden auch die Ukrainer bald lernen und auch der Putin. Immerhin ist der ja ´nen ordentlicher Mann- der kann ja deutsch…Mensch dann guck doch mal im Internet…damals als der Deutschland besucht hat…jaha! Der hat in Dresden gewohnt und is am Jägerpark mitm Trabbi ums Eck gekurvt- hat seine Ludmilla abgeholt zum Blini-Essen ins Eiskaffee… der is n´ ganz normaler Mensch! Der is nich verrückt, der spielt sogar Schach…besser als Kasparov. Naja die Russen halt, so sind´se. Man muss das verstehen, die waren schon immer n ‘bissl anders- das lernen die noch.

Jaja, die Unterschiede und die Brücken…

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Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie „zweite Hand“ in Verbindung mit der „Superstruktur“, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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Technoide Seifenblasen

Angesichts des Todes sucht man etwas Unvergängliches, Bleibendes. Gott selbst als sich offenbarender Gott ließ die Menschen noch daran teilhaben-wir allerdings suchen ihn nicht mehr. Wir glauben an die Kunst! Wenn man an die Kunst glaubt, dann kann das kein Spaß sein, also nichts was man so nebenbei betreibt, kein Hobby und keine Nebensache! Deshalb geht auch nicht der flapsige Ton von Oben herab bei Poetry Slams, Lesebühnen und sonstigen Veranstaltungen. Diese drohen immer mehr zu einem noch schwächerem Kabarett zu verkommen, es ist das kleine und billige Theater, die Komödie, welche das Volk bei Laune zu halten hatte, Jahrmarktsspektakel. Dessen sind sich vielleicht viele der Lesebühnentreibenden nicht bewußt? Manche versuchen gar noch politisch rüberzukommen, dabei haben sie nur systemergänzende und erhaltende Funktionen, wirklich zersetzend und subversiv wäre nur, die Verhältnisse, welche nicht mehr zum aushalten sind in ihrer Unterdrückung jeder wirklich freien Wahl bloßzustellen. Etwas zu tun um Still zu sein, nichts zu tun. Um zu schlafen…um Kunst zu treiben- nicht um zu verdienen, oder einen Markt zu erobern oder sich einen Namen zu machen – um Kunst zu machen. Ein Stück der Ewigkeit anzugraben, Selbstzweckhaft dahingestellt. Das Vorwort zum „Bildnis des Dorian Gray“ spricht davon, Carlos Monsiváis sprach davon in einem Interview mit einer unsäglich dummen Fernsehmoderatorin. Als ob es darum gehe, seinen Namen irgendwo in die geschichtsvergessenen Köpfe der Mitmenschen einzuritzen, nein ins Allerheiligste, in die Bibliothek soll nicht der Name, sondern das Werk! Literaturwissenschaft ist keine Namensshow, es geht um die Texte ganz allein. Deshalb ist es mir auch ein wenig schleierhaft, wenn man sich in der Wissenschaft mit dem Flüchtigen, dem Einfachen, vergänglich auseinandersetzt. Das einzige worum es gehen kann, ist das was bleibt. Nach dem Sturm der Zivilisationen, nach den Wirren der Alltäglichkeit, des sich selbst zu wichtig nehmenden Betriebes. Für mehr Unvergängliches, hohes, alleinstehendes, elitäres! Das Wahre ist einzig! Der Arielismus beflügelt uns aufs neue…es geht um die einzige Kunst, die Kunst die uns vom Dasein erlöst, Filme reden nur über das Dasein, es selbst auszudrücken vermag nur die Literatur, der Text. Sich selbst sein, ganz ich, dass ist man vor allem und nur im Text. Während des Schreibens in sich selbst, auf sich selbst zurückfallen, ohne Quellenangabe zitierend ohne aus dem Schreibfluss zu kommen und von sich selbst zu entfernen. Deshalb genügt ein Essay den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht- er ist der Versuch das Denken im Text zu sich kommen zu lassen. Die methodisch unmethodische Antwort auf eine Welt des Betriebes, in der es nicht darum geht, zu sich zu kommen, sondern nur darum sich in den Betrieb einzupassen. Die richtige Form zu wählen um anzukommen, um Reputation zu gewinnen. Der Essay ist nichts von alledem, er steht im Hier und Jetzt des Denkens, verankert in der Situation. Er ist eine Antwort auf die Uhr. Da im Zeitalter des Internets und des Films, des Modernen Romans, die Synchronizität aufgehoben ist und wir überall zu gleich immerfort sein können, könnte der Essay eine formale Antwort darstellen. Jedoch ist im Internet, die Lesefähigkeit auf Aphorismen zusammengekürzt, das „Fasse dich kurz!“ des Essayisten ist zum „Spuck auf den Leser!“ des billigsten Bild-Journalismus verkommen. Bewirf ihn mit Informationen, lass ihn nicht durchatmen, nicht etwa eigene Gedanken finden… das wäre die Katastrophe. Beschäftigtes hinterherrennen ist die Erscheinung heute. Man läuft im Kreis und in der Stadt dem Ort der rastlosen Bewegungslosigkeit, den Ereignissen auf der Spur, die nichts Bedeutendes mehr haben weil die Bedeutung mit dem Publikum abhanden gekommen ist. Nur die Spur selbst ist das Bedeutende. Das Publikum sind heute zwanzig Betrunkene auf einer Wiese im Stadtpark, die dem betrunkenem Bass zugrölen, der unter Ihnen tobt. Es ist der Rhythmus, jenes nie schweigende ruhelose Pulsieren, ein Herzschlag, die Lebenszeit die auf dem Spiel steht, die verschwendet wird. Verschwende deine Jugend wie dich selbst und hoffe nicht auf Morgen wenn du jetzt der Rhythmus sein kannst. All das sind nur Versuche hinter die Bedeutung eines elektrischen Basses zu kommen, Näherungen an die Präsenz eines Signals. Einen Klick weiter wartet schon ein anderes Störgeräusch, mit dem mobilen Rechner geht es zum nächsten Stadtpark auf die nächste Weide der Bedeutungslosigkeit. Was sind schon die Namen der dort auftretenden, die Gruppen welche das notwendigste Organisieren, alles Chiffren die nur die Theoretiker interessieren, das Flüchtige und wandelbare Fluide ist schon mindestens fünf Parks weitergezogen, bevor diese am Ort des Geschehens ankommen und immer schon weg. Die Kommunikationsmethode ist der Inhalt selbst, das Internet kristallisiert sich zu Farbtupfern und Menschentrauben, die sich auflösen und neu sammeln, kleine Blasen des Glücks, der Verderbnis all des menschlichen und allzu menschlichen. Der Seifenblasenmann im Mauerpark ist das auf Dauer stellen dieser Metapher eines fragilen Nichts mit Großbuchstaben.

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