Literatur, Vinyl und Retrowelle

Der Markt für Literatur und Musik trennt sich anhand der Rezeptionsweisen, die mit beiden Medien eng verbunden sind, auf. So gibt es den flüchtigen Leser, wie auch den gelegentlichen Hörer von Musik, der sich nicht wirklich für Historisierung, Verstehen und ein mehr oder weniger informiertes Genießen, vielleicht auch eine intensive das heißt wiederholte Interpretation interessiert, sondern von Außen durch Moden oder Hinweise anderer, besser orientierter Marktteilnehmer auf ein Produkt gebracht wird. Seine Entscheidung für oder gegen ein Produkt fällt häufig spontan, im Vorbeigehen, ohne ein gezieltes Suchen oder den reflexiven Prozess bewusster Auswahl. Ich nenne ihn den Konsumenten. Bei der Musik fällt es noch gravierender als beim Buch auf, diese kann einmal als ein bewusstes Hören und eine gerichtete Aufmerksamkeit auf den Informationsstrom zelebriert werden, oder aber auch gleichsam als Hintergrundrauschen für Unterhaltung und Zerstreuung bei eigentlich anderen Tätigkeiten dienen. Bezüglich des Lesens ist es etwas schwieriger sich Unterhalten zu lassen, es setzt zumindest eine gewisse Konzentration voraus, jedoch besteht ein großer Unterschied zwischen einer unterhaltenden Form von Lektüre und einem kritischen Studium wissenschaftlicher Texte mit dem Bleistift und ähnlichem. Auch da gibt es jene zwei Modi der Rezeption, die jeweils andere Formen von Kommunikation darstellen.

Wichtig ist, dass der uninformierte Käufer auf Signalreize wie Präsenz in den Regalen oder Preisverleihungen, berühmte Namen als Markenzeichen und Empfehlungen und eben das untrüglich scheinende Mittel der Bestseller- und Hitlisten setzen muss, um angesichts der unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen seinen Impuls für für den Kauf eines Mediums mit dem er nicht vertraut ist zu folgen.

Daneben gibt es die Liebhaber von Musik oder eben Literatur, sie sind zu einem großen Teil damit beschäftigt, sich über Neuerscheinungen zu informieren, verfassen vielleicht Kritiken und beteiligen sich aktiv am Geschehen der Bewertung einzelner Produkte. Sie sind neben den Einflüssen der Kritik, denen sie ebenso ausgesetzt sind zusätzlich geleitet von ihrem eigenem Geschmacksurteil, welches sie aus einer langen Reihe bereits verarbeiteter und mehr oder weniger lustvoller Erfahrungen mit dem jeweiligen Medium verbinden. Wichtig ist dabei vor allem auch, dass es ein inneres Gedächtnis gibt, sie von einem habituellen Umgang mit dem Medium selbst zehren können.

Die Vorlieben der Liebhaber können sehr unterschiedlich sein, das genau macht jenen Markt für die Produzenten von Kulturgütern so unvorhersehbar. Ein gut informierter Leser zum Beispiel kann sich heute für symbolistische Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts und morgen für lateinamerikanische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts interessieren und fragt eben solche Werke auch durch gezieltes Aufsuchen nach. Wichtig für den Handel ist, will er eine solche Käuferschicht erreichen ein sehr ausdifferenziertes Angebot mit geringen Auflagenzahlen (da ja die breite Masse an Käufern nicht vorhanden ist). Also genau jene Verwirrung und Informationsüberflutung mit unterschiedlichen, oft sich widersprechenden Angeboten, welche dem gelegentlichen Konsumenten zu wieder ist. Ergänzt wird dies dann noch durch das Moment der Einklammerung des Neuen und der Historisierung, das heißt einem gut sortierten Backstock eines Plattenladens oder eben einer Backlist und einem Antiquariat.

Sowohl bei den Büchern, als auch bei den Musikgeschäften ist der Anspruch, möglichst alles zur selben Zeit verfügbar zu haben, realistisch gesehen nur im Internet zu befriedigen, es bietet sich hierfür geradezu an. Dem Handel bietet sich durch die starke Ausdifferenzierung aber auch an, auf spezielle Programme oder eben Nachfragen Nischen zu bedienen.

Aus diesen Nischen entwickelte sich die letzte Subkultur der elektronischen Tanzmusik in Europa und in Teilen Nordamerikas, Plattenspieler und Vinyl, die eigentlich eine der CD unterlegene Technik waren wurden zweckentfremdet und so wurde eben auch eine neue Semantik geboren oder erzeugt, in welcher ein Mensch der mit zwei Plattenspielern agierte, ein Vertreter einer technologieaffinen und kulturellen Funktionselite wurde. Damit war Vinyl das Zeichen von Authentizität in Clubs geworden, denn die neuesten Veröffentlichungen wurden in kleinen Stückzahlen von kleinen Mikrounternehmen und Musikverlagen gepresst, und nur in hochspezialisierten Plattenläden, die als wichtige Institution und Bindeglied zwischen dem Publikum auf den Tanzflächen und eben jener Funktionselite bestehend aus DJ´s, Veranstaltern, Clubbetreibern, Musikjournalisten im weitesten Sinne usw. funktionierten, die sich häufig auch in den sogenannten VIP-Areas trafen.

Das Vinyl jedoch hat entscheidende Nachteile für die Mobilität von Dj´s und der weltweiten Distribution, da es enorme Transportkosten verursacht. Deshalb hat es zwar noch immer einen starken symbolischen Mehrwert für die DJ´s, der in der Legitimierung und der Repräsentation von Authentizität gegenüber dem Laptop besteht. Technisch und praktisch hat es kaum Vorzüge, auch wenn die Diskussion um Vinyl natürlich im höchsten Maße symbolisch aufgeladen erfolgt und auch anstatt sachhaltiger Gegenargumente immer wieder der Underground und damit eben verbunden das Konzept einer Gegenkultur angeführt wird, was aber eben gerade als Symptom für die Aufgeladenheit des Symbols Vinyl spricht.

Interessant ist jedoch, dass seit dem Ende der nuller Jahre nicht mehr die elektronische Cluborientierte Tanzmusik der wichtige Motor für Vinyl ist, sondern eben gerade die Subkultur des Indie-Pop. Hier wird die ebenfalls Authentizität inszeniert und zwar diesmal sowohl auf musikalischer Ebene wie medialer Ebene, die erfolgreichsten Neuerscheinungen waren, wie vielfach von der Kritik bemerkt paradoxerweise stilistisch Retro- Retorten und Revivals angefangen von The Darkness bis zu Amy Winehouse und Konsorten.

Die These scheint überzeugend, dass hier Mitdreißiger mit dem nötigen Kleingeld am Werk sind, die sich die Kinder und Jugendzeit mittels des Auflegens einer „echten“ Vinyl Scheibe, die den ewigen Wert verkörpert, auf ihren riemegetriebenen High-End-Plattenspieler sentimental zurückholen. Weder technisch noch subkulturell spricht sonst etwas für den Einsatz Eines Kunststoffes als Datenträger. Aber es spricht dafür, dass sich Menschen, die mit Musik etwas anfangen können, bereit sind, hierfür auch mehr Geld als nötig auszugeben. Ähnliches wird wahrscheinlich auch dem Buch und dem gedruckten Wort passieren. Es wird zu einem Minderheitenprodukt, die großen Massenerfolge werden auf elektronischen Lesegeräten zirkulieren, welche dafür auch viel geeigneter erscheinen. Was dabei verloren geht, ist eine gewisse Konstanz und Beständigkeit, welche das Buch darstellt, wie man in Bibliotheken bewundern kann. Die aktuelle Auseinandersetzung um den Suhrkamp Verlag und seine Führung, die Frage worauf ein moderner Verlag setzen soll, ist eine Debatte die da perfekt ins Bild passt. Soll man weiterhin auf Neuerscheinungen setzen und das kostenintensive Fördern des literarischen Nachwuchses finanzieren oder eben von einer beeindruckenden Liste an namhaften Autoren zehren?

Literatur und wissenschaftliche Texte als ein Produkt für eine aufgeklärte Minderheit die ein Nischendasein in einem Meer der Beliebigkeit und großer Publikumserfolge pflegt, die ebenso schnell und spurlos wieder verwehen, wie sie gekommen sind, ist dabei bereits eine Erscheinung, wie sie in anderen Teilen der Welt bereits Realität sind. Damit verbunden wäre auch ein Abschied vom Ideal einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich selbst rational über ihre Zielsetzungen verständigen kann und bei der gegenseitiges Verstehen und Wahrheit Mittel und zugleich Zweck sind. Dieses Ideal selbst ist natürlich genauso Retro wie es das auflegen einer Kunststoffplatte die Musik abspielt auf ein technisches Gerät aus dem vorigen Jahrhundert. Beides aber spricht für das konstante Fortbestehen solcher Nischen und wahrscheinlich noch die Ausdifferenzierung solcher und nichts davon wird so schnell verschwinden, wie es manche Apokalyptiker uns glauben machen wollen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Nicht kategorisiert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s