Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie „zweite Hand“ in Verbindung mit der „Superstruktur“, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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Eingeordnet unter Essay, Kulturkritik, Mexiko

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