Kleiner Lagebericht aus dem Krimiwunderland- von verschwundenen Politikern, Knastansprachen und wieder zurück zur Bibliothek, in der ich sitze.

Die Tagespresse hier ist voll vom Falle Diego Fernández de Cevallo. Jeden Tag neue Artikel. Proceso, das wohl am stärksten vertretene Politmagazin auf dem mexikanischen Print-Sektor hat gleich mehrere Seiten jener Persönlichkeit gewidmet, die genau am Tage meiner Ankunft hier als verschwunden galt. Fast pittoresk, was in der mexikanischen Politik so alles vor sich geht, ging und gehen darf.
Jener illustre Herr Cevallo ist aus deutscher Sicht ein Musterbeispiel für den mexikanischen Korruptionsfilz. Ich warte noch auf den(!) Gangsterfilm mit ihm im Mittelpunkt. Nicht nur dass er seine Hände als Sprecher für eine Klinik im Spiel hatte, in der Narcobosse Gesichtsoperationen bekamen, nein hauptsächlich verdiente er sein Geld als Anwalt und machte es sich zur Aufgabe, den Staat, im Auftrag von ehemals enteigneten reichen Großgrundbesitzerfamilien um größere Millionenbeträge zu erleichtern. An diesen Beträgen verdiente er als Anwalt soviel mit, dass er sich gleich mehrere Ranches im ganzen Staatsgebiet von Mexiko kaufen konnte. Einen Interessenkonflikt zwischen seiner Tätigkeit als Anwalt und gleichzeitiger Staatsdiener sah er dabei nicht. Diese Einstellung teilt er übrigens mit den Vertretern des alten PRI-Apparates.
Solch eine Ranch darf man sich ungefähr so vorstellen, dass dazu neben ausgedehntem Grundbesitz auch eines oder mehrere Dörfer gehören, in welchem er die Straßen reparierte und für welches er als „Patron“ galt. Die Menschen dort bewunderten ihn, beten jetzt auch für ihn Rosenkränze, denn damals baten sie ihn ja auch um Arbeit und alles was sonst noch dazugehörte. Proceso beschreibt diesen Habitus des Politikers zu Recht als Neofeudal. Auf einer von diesen Latifundien wurde er denn nun auch entführt. Das Entführerfoto wurde über Twitter und Facebook verbreitet, mehrere mexikanische Behörden haben mittlerweile auch die Echtheit zertifiziert.
Was man allerdings nicht zugeben möchte ist, dass es sich um ein organisiertes Kartell oder Profis handelt. Das Hauptproblem für die mexikanischen Behörden ist, das jener Diego de Cevallo einer der wichtigsten Vertrauten des amtierenden Präsidenten ist. Man munkelt sogar, das Kabinett gehorchte bis dahin mehr ihm, als Calderón selbst. Dies ist zumindest ein Zeichen, ein Zeichen für Calderón und den „Krieg gegen die Drogen“, der jetzt schon mehr als zwei Jahre andauert. Das Zeichen jedenfalls sagt: „Es kann jedem passieren, wir kriegen euch alle!“
Deshalb wird es auch halboffiziell als Versuch eines erzwungenen Friedens der Narcomafia interpretiert. Hoch im Kurs stehen jedenfalls das Juarez-Kartell, dessen Anführer „El Chapo“ Gúzman seit seiner spektakulären Flucht aus einem Gefängnis in Jalisco nationale Berühmtheit erlangte und auch erst kürzlich seine Frau befreite. Aber auch die „Zetas“, eine übergelaufene Spezialeinheit der Polizei, die durch Enthauptungen ihrer Gegner vor laufender Kamera und Gewalt gegen Migranten auf sich aufmerksam machte, werden gehandelt.
Nichts genaues weiß man nicht, nur dass die Familie von Diego jetzt um Ruhe bittet. Hat sich natürlich keiner dran gehalten, die PGR (Generalstaatsanwaltschaft Mexikos, Ironie der Geschichte: den Generalstaatsanwalt hat Diego noch selbst ernannt…) fuhr erst mal vor den Pressefotografen alles auf, was sie so zu bieten hatten. Viele Hunde, schwerbewaffnete Polizisten und sogar Aufklärungsdrohnen wie im Irak erkundeten die weitläufigen Gebiete der Ranch von Cevallo.
Unterdessen wird der PRD Kandidat von Quintana Roo wegen Drogenhandels ins Gefängnis geworfen und hält dort lustige Ansprachen, die mich vom Pathos her ein bisschen an die legendäre Rede von Allende im Präsidentenpalast erinnerten, nur mit einer viel hässlicheren bösen Narcostimme, die man nun wirklich keineswegs ernst nehmen kann. Auch möchte ich mich hier ausdrücklich davon distanzieren, Allende und diesen Typen gleichzusetzen.
In Jalisco diskutiert man derweil, als gäbe es sonst nichts zu tun über die „Pille danach“ für Frauen die vergewaltigt worden sind (Aus meiner Sicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber ich bin ja auch kein Katholik!). Derweil wurde ein Gefängnis gleich hier um die Ecke vom Militär gestürmt und dabei wurden nicht nur Gefängnisse in den Gefängnissen aufgedeckt, sondern Waffen, Drogen und weitere offen zu Tage liegenden dunkle Geheimnisse des mexikanischen Strafvollzuges sichtbar. Der PRD Mann dürfte jedenfalls keine großen Probleme im Knast haben, gehört er doch zu den einflussreichen Herren, die in solchen Anstalten einsitzen werden.
Die Wahlallianzen in den einzelnen Bundesländern zwischen PAN und PRD dürften durch all diese Enthüllungen und Anschuldigungen noch weiter in ihrer substanzlosen Wackligkeit entlarvt werden. Unterdessen gewinnt bei alldem Chaos die PRI wieder an Fahrt und wird sich wohl Staat um Staat zurückholen. Dann ist alles wieder beim alten, der Drogenkrieg wird wohl beigelegt werden und der nächste Präsident wird wieder ein Vertreter der alten PRI-Doppelzüngigkeit sein. Das wird für alle Politikwissenschaftler ein historisch einzigartiges Beispiel für eine Transition des Staates von der Scheindemokratie in eine Scheindemokratie mit fast-Bürgerkrieg zurück zum alten Autoritarismus des PRI Systems.
Für eine Äußerung zum erst kürzlich geschehenem Doppelmord an den Menschenrechtsaktivisten aus Mexiko und Finnland, die in Oaxaca von einer bewaffneten Organisation mit PRI Verbindungen verübt worden (MULT), hat Calderón dann doch endlich ein paar Worte gefunden, es hat auch nur 21 Tage gedauert! Er versicherte der Botschafterin Finnlands jedenfalls gerechte Strafen und Ermittlungen. Wie er diese Versprechen umsetzen will ist ihm wahrscheinlich selbst noch ein Rätsel.
Der US- Kongress und darunter besonders die Republikaner, straften ihn mit Missachtung und applaudierten auch nicht, als er bei seinem Besuch neulich die Forderung vortrug, die großen Brüder sollten doch mal über ihre Waffenexporte nachdenken und vielleicht auch doch noch ein zweites Mal über die Verschärfung des Migrationsgesetzes von Arizona. Obama kündigt derweil ganz gewitzt an, er könne den armen Calderón durchaus verstehen und sei an seiner Seite, schickt aber im selben Atemzug 1200 Nationalgardisten an die Grenze.
Unterdessen gefällt mir 2666 immer mehr und irgendwie werde ich den alten Dichterfürst Octavio Paz und seinen mit einem Seufzen verbundenen Ausspruch nicht los: „El problema de México no es el PRI, el problema de México es, si el méxicano se deja gobernar sin el PRI.“
Der CIA hat es schon lange gewusst und war deshalb auch schon vor reichlich sechs Wochen durch seinen Chef, der zu Einzelgesprächen einlud vor Ort. Der Weg für die Transition zum PRI- System der Friedhofsruhe ist also bereitet…wenn, ja wenn da nicht auch noch ein anderes, schmutziges und von der Sonne gegerbtes, lederhäutiges Mexiko der Habenichtse irgendwo am Boden der Geschichte schlafen würde. Ob dies aber aus seinem Jahrhundertschlaf erwacht, erwachen kann und worauf sich seine Wut dann richtet, wird sich zeigen, wenn die erste große Revolution des vorigen Jahrhunderts ihr Hundertstes feiert.

Guadalajara, Jalisco, Mexiko

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