Nachtrag zum Axolotl

Gleich vorweg, ich habe das Buch von Hegemann nicht gelesen und will es auch nicht tun.

Eines fällt mir aber auf, in den Rezensionen die ich gelesen habe, wird an keiner Stelle Roger Bartra erwähnt (welcher in meiner blogroll auch verlinkt ist). Dieser benutzt in seinem Buch „La jaula de la melancolía“ (Der Käfig der Melancholie) das Axolotl als Chiffre für die mexikanische Identität. Sein ganzer Essay bezieht sich durch Beschreibungen und Skizzen immer wieder auf jenen Schwanzlurch mit dem für uns so merkwürdigen Namen, dessen Besonderheit darin besteht, dass er sich vermehrt, noch bevor er die eigentliche Geschlechtsreife entwickelt. Er bleibt dadurch in einer morphologischen Übergangsform zum fertig entwickelten Frosch (oder was auch immer das werden sollte) stecken.
Zum selben Thema gibt’s vom Altmeister Cortázar auch noch eine Kurzgeschichte, in welcher der Erzähler ein regloses Axolotl im Schlamm betrachtet. In der Literaturwissenschaft wurde dies bisher als Chiffre der Umgang mit der indigenen Bevölkerung gelesen.
Ein tiefsinniges Starren und ein Verharren angesichts der Unmöglichkeit verschiedener Rationalitäten. Ein Unverständnis und eine merkwürdige Passivität, welche indigenen Gemeinschaften und Individuen bis heute immer wieder vorgeworfen wurde. Und so liest man dann auch noch bei Samuel Ramos und seinem kulturpolitischem Programmwerk der zwanziger Jahre zum mexikanischen Nationalismus den oder die „Indigene“ als ein „Hindernis“ zur nationalen Einheit und dem fortschrittlichen Himmelsreich heraus, welches im Sinne des Fortschritts überwunden werden muss, so zumindest Ramos.
An ein solch negatives Bild knüpfte denn auch der Umgang der mexikanischen Anthropologie mit den indigenen Gemeinschaften in Mexiko an, wenn es Bildungsprogramme und Entwicklungshilfe durch Studenten formulierte, die in die marginalisierten Gemeinden geschickt wurden um dort den Segen der Moderne überzeugend zu verbreiten, zumeist aber nichts taten, oder auch angesichts der mangelnden Mittel tun konnten, außer selbst zutiefst fasziniert Drogenberichte oder ähnliche Beobachtungen und Untersuchungen zu schreiben (dies ist vielleicht eine etwas holzschnittartige Zuspitzung des Problems, das aber im Sinne der Verdeutlichung verstanden werden soll).
Dies wurde dann erst in den frühen Achtzigern durch die linguistische Wende anders, als man entdeckte, dass Zweisprachigkeit und bilinguale Programme ein wesentliches Merkmal wirklich fortschrittlicher Bildungspolitik ausmachen müssten. Die Umsetzung jedoch scheiterte kläglich, es standen nicht genug Lehrer zur Verfügung um solch hehre Ziele auch in der pädagogischen Praxis umzusetzen. Dabei ist es bis heute geblieben und bei Roger Bartra wird das Axolotl zur Chiffre für die mexikanische Identität. Eine erzwungene Identität, die keine Zeit hat sich zu Ende zu entwickeln und auf einer Schwundstufe verharrt, müsste man sagen. Diese Schwundstufe ist der revolutionäre Pathos der mexikanischen PRI und ihr nationaler Befreiungsdiskurs:

„Pero no se trata solamente de una necesidad deol desarollo económico por salir de la crisis y del estanciamento; una gran parte de los mexicanos comienza a rechazar esa vieja cultura política que ha sido durante más de sesenta anos la fiel companera del autoritarismo, de la corupción, de la ineficiencia y del atraso. Esa cultura política es el nacionalismo revolucionario, y uno de sus componentes esenciales es lo que he denominado el canon del axolote.“

Was dies alles mit Hegemann und Airen zu tun hat weiss ich jetzt auch nicht, mir fällt aber, wenn immer mein Blick über eine Rezension stolpert nur eben auf, dass über das Axolotl und seine zumindest zwei literarisch/wissenschaftlichen Spuren und seine Wichtigkeit nicht weiter reflektiert wird. Das Axolotl jedenfalls ist keineswegs „nur“ ein mexikanischer Schwanzlurch, sondern eine ganze Menge mehr…

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