Mein Ostersegen, Lob der Sonne und des Rades…

„Die Sonne ist“, so pries Critilo, „das Geschöpf, das am sichtbarsten des Schöpfers Größe wiedergibt. Sol wird sie genannt, und solus ist sie, einzig, denn in ihrer Gegenwart verblassen alle anderen Gestirne. Sie steht im Mittelpunkt der Himmelsbahnen. Herz des Leuchtens und immerwährender Born des Lichts. Unvergänglich ist sie, dass man alle Dinge sieht, und erlaubt doch nicht, dass man sie selbst ansieht; ihre Zierde verbirgt sie, ihre Scham verwehrt sie den Blicken; im Verein mit den Übrigen Ursachen wirkt sie dahin, allen Dingen das Sein zu geben und noch dem Menschen selbst; bereitwillig spendet sie ihr Licht und von ihrer Freude, ergießt dies allenthalben und dringt selbst ins Innerste der Erde; alles benetzt, erfreut, erhellt, befruchtet und belebt sie; gleichmäßig waltet sie, geht über allem auf, benötigt keinen, der unter ihr steht, denn alle bekennen sich ja abhängig von ihr; schließlich ist sie ein Geschöpf zur Offenbarung, der leuchtendste Spiegel in dem die göttliche Größe sich darstellt.“ Gracián, Baltasar: Das Kritikon. 2001, Zürich. (erste vollständige Übersetzung von Hartmut Köhler)

Diesem Lob der Sonne von Baltasar Gracián und anderen vor ihm, die sich dem überlieferten Wort verpflichteten, ist wenig bis nichts hinzuzufügen.

Die Wiesen sind von den Jüngern der Sonne überfüllt. Der Alaunpark ist verwüstet, wenn die Nacht hereinbricht und die Weisen wachen- wenn die Eule der Minerva ihre Flügel ausbreitet. Aber nichts von alledem soll uns hier beschäftigen- das Lob der Sonne ist auch das Lob jener, die wieder den Kampf gegen die Landschaft beginnen. Rittern gleich, sich nicht mit Drachen, Magiern und Hexen messen, sondern sich auf Metallrössern den beeindruckendsten Anstiegen rund um Dresden widmen. Lange lagen die einsamen Weinbergstrassen, die von der Pillnitzer Landstrasse aus ins Schönfelder Hochland führen im Nebel mit feuchtem und rutschigem Split bedeckt.

Jetzt endlich, unter der Kraft jener vorher beschriebenen Herrschaft sind sie wieder bezwingbar geworden. Die Landschaft, die Rampen, die sich in den Weg stellen, bilden das Hindernis, welches erkämpft, erschwitzt, errungen werden muss. Es verlangt vom Rennradfahrer eine Kriegserklärung an das Werk der Schöpfung oder jenen uneinsichtigen Zufall- je nach weltanschaulicher Auslegung. Worauf es ankommt ist- die Landschaft selbst ist Hindernis, Wiedersacher, Gegenstand der Empörung und der  Auflehnung des Einzelnen, dem er sich  auf einem Rad stellt!

Wenngleich er Teilnehmer der Landschaft bleibt, sie niemals verformen und verändern wird, das machen notwendigerweise die Strassenbauer, jene modernen Erfüllungsgehilfen des rennradfahrenden Geschwindigkeitsasketen, die ihre unverzichtbaren Spuren bereits überall hinterlassen haben. Das „Schöne“ ist, nicht als „natürlicher“ Garten Eden hinter der Kulturlandschaft als Paradies utopisch spürbar, oder für immer verschwunden (verloren). Der sich bewegende Asket selbst braucht gerade jene „zweite Natur“ in welcher er seit der Moderne zu leben verdammt wurde.  Er verhält sich affirmativ gleichgültig zu Geschichte. Notwendigerweise lechzt er nach asphaltierten Wegen durch die Wildnis, die sich ihm abseits seiner grauen Spur auftut, der er jedoch keinen Blick zuviel verschenkt. Die Augen bleiben starr gerade aus gerichtet, die nächste Horizontlinie, die Kuppe des Berges, den Kopf wippend über den Lenker gebeugt. Die Oberschenkel brennen, der Schmerz sticht tief in die Wunden, die das Leben selbst gerissen hat. Sich in den Schmerz hineinlegen und einem Büßer gleich neue Strafen auftun für die unbenennbare Schuld. Passend zu Ostern, sich selbst bei schönstem Wetter ans Kreuz nageln. Das Kreuz jedoch ist das Rad der Geschichte und die ewige Wiederkehr des Gleichen, ein Anfang der Ende ist, Yin und Yang, Meister und Lehrer, Brahman und Atman vereinigt im Dritten, Advaita. Der Ausweg aus dem Samsara, die Bejahung des Leidens im Leidenslosen Zustand des Nichts, welches man gelegentlich erreicht, während man sich geißelt:

Dem berühmten Radrennfahrer Joachim T. wurde einmal die Frage gestellt: ob er von innen wahrnehmen könne was beim Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit auf seinem Gesicht als Abwesenheit in Rausch oder Traum erscheine? was sein Bewußtsein eigentlich wisse von dem fast fließend lockeren Zusammenspiel seiner Bewegungen? ob es da noch eine von ihm beaufsichtigte Mitte gebe? Die Frage kam nach der Vorführung einer Filmaufnahme, die mit mehr als fünfhundert Belichtungegen je Sekunde einen traumwandlerisch schwebenden Endspurt nicht mehr in einzeln angesetzte Bewegungen hatte zerlegen können. Joachim T. antwortete: […] Er habe im Studium erfahren, daß die Fahrbewegungen eines hochtrainierten Körpers durch das Zentralnervensystem gesteuert werden, und jede Aufsicht durch Willen und Bewußtsein verwirre die Automatik für längere Zeit. Mit Hilfe dieser Erklärung habe er die Zustände leerer Entrückung hingenommen, als Gewöhnung und Ausdauer sie doch erzeugten. Beim ersten Mal habe er sich der Trance nur mit Bestürzung entsinnen können, mittlerweile allerdings vermöge er sie vorzubereiten und zu dosieren […] Das Bewußtsein trage dann Scheuklappen, er sehe kaum die Strasse nur die Fahrbahn, und das anfeuernde Geschrei komme als sehr fernes homogenes Geräusch. Es wolle ihm nun vorkommen als erinnere er sichn dann an die Zeit seiner Kindheit, da er die Schnelligkeit des Fahrgeräts und dessen Verwachsenheit mit dem Körper zum ersten Mal empfunden habe, denn Gefühl und Stimmung dieses Zustands seien gefärbt wie das Gedächtnis der damaligen Jahre.

Johnson, Uwe: Das dritte Buch über Achim. Frankfurt am Main 1964, S. 251/251.

Diesem unbestimmbaren Glück, dessen Fundamente mit Schmerz und Erschöpfung gegossen werden, renne zumindest ich endlich wieder mit der Kraft der Sonne entgegen. Und mit mir tun es viele Andere, die man gelegentlich oder wiederholt entgegenkommen sieht, mit denen man sich mißt, oder die man ziehen lässt. Im Kreise kommen wir voran, der Sonne entgegen, der Erkenntnis das alles nichts ist und nichts alles. Und beweg ich mich, so komm ich weiter, der Pilgerweg ohne Ziel, die Sonne bestrahlt, aber sie strahlt nicht mehr aus. Das wäre vielleicht doch noch zu sagen, zu Gracián. Denn so einfach fließt es nicht mehr aus der Mitte heraus.

Das Zentrum ist uns abhanden gekommen, wir trudeln um die Sonne, kreisen um uns selbst in einer transzendentalen Obdachlosigkeit und gut eingerichteten zweiten Umwelt, einem Innen ohne Außen, zugerichtet und ganz auf uns abgestellt. Sonnen gibts an jeder Ecke, alle wollen strahlen und erregen doch nichts als Krebs. Krebse an und in Menschen. Der Spiegel ist zerbrochen. Eigentlich gibt es keine Bahnradfahrer mehr, weil es keine Häuser mehr gibt und schon gar keine Dächer. Und ohne Zentrum gibt es nur Wege, keine Bahnen. Deshalb sind wir wieder auf der Straße, die unser Zuhause ist. Und wir bleiben da, leise flitzend, kurz sichtbar, schon um die Nächste Ecke verschwunden, im Rückspiegel blitzend und im toten Winkel verschluckt. Man sieht uns niemals lang, wir verweisen auf Glück am Ende des Regenbogens. Dein versteckter Schatz, das Glück des Conquistadore, der es selbst nicht verstand und auszog um die Wiedergeburt zu vermeiden. Das Prinzip des rauchenden Spiegels, es darf nicht gewinnen! Quetzalcoatl ist wiedergekehrt um ihm zu begegnen, das Leben beginnt und so dreht sich denn auch das Rad. Kein Ziel nur das Opfer – für das Leben! Frohe Ostern…

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