David Jiménez: Kinder des Monsun (auch ein wenig in eigener Sache…und weil Slumdog Millionaire wirklich gut ist)

Dieser Text ist natürlich keinesfalls unparteiisch geschrieben, von Objektivität würde ich im Leben nicht reden. Mein Anliegen ist schlicht und ergreifend, den geneigten Lesern die Lektüre eines Buches zu empfehlen, welches ich während meines Praktikums beim Campus Verlag unter einem Wust von Manuskripten entdeckte und welches sogar das Gefallen der Lektorinnen fand. Jetzt ist es endlich fertig und ich halte es in den Händen. „Kinder des Monsun“ vom spanischen Autor David Jiménez ist eine Sammlung verschiedener kleiner Geschichten des Asienkorrespondenten der spanischen Zeitung „El Mundo“. Im Grunde genommen sind es zehn Porträts von Kindern, die neben deren Schicksal auch noch behend und mit leichter Feder in die jeweilgen Probleme der Länder einführen. So bekommt man nach der sicherlich ergreifenden Lektüre auch noch Informationen vermittelt, die einem wohl nie wieder aus dem Kopf gehen werden. Bewundernswert fand ich vor allem die wirklich gelungene Erzählweise des Autors. Er hat sein Handwerk gelernt,  ich würde in der Tat so weit gehen, ihn mit Kapuscinski, John Reed und vielen mehr zu vergleichen. Die Dramatik kommt jedenfalls nie zu kurz und so wird die Lektüre nicht nur aufschlußreich, sondern vor allem auch sehr kurzweilig.

Genug der Lobhudelei, ja, das Buch hat auch sentimental-pathetische Stellen. Das ist schon an der Anlage zu erkennen, was im Mittelpunkt steht sind eben Kinder. Was ich jedoch im Vergleich zu manch anderen Reportermanuskripten toll fand, dass die Ich-Perspektive zum großen Teil gebrochen ist und der 3rd person narrator vorherrscht. Die Geschichten selbst und ihre Protagonisten bekommen so erzählerisch ihr recht. Was ich immer am schlimmsten fand, sind Reporter, die sich über die Maßen selbst als Helden inszenieren. Das geht mir zum Beispiel auch beim großen deutschen Weisen P.S.L. (der wohl den meisten aus „Funk und Fernsehen“ bekannt sein dürfte) meist so. Dies ist bei Jiménez weniger stark ausgeprägt und wenn er auftritt, wirkt das eher symphatisch- wobei Sympathie natürlich subjektiv ist. Zur Selbstbespiegelung von Reportern in Reportageliteratur lässt sich ungefähr dasselbe sagen, was ich von Blogs halte, die sich nur mit dem Bloggen befassen …

Alles in allem ist es jedenfalls ein Buch, welches vielleicht auch als Begleitmusik zu Slumdog Millionaire ganz gut passt. Jetzt entdecken wir ja immerhin so langsam die Slums der dritten Welt…und auch den Tourismus dahin kenne ich aus eigener Erfahrung gut. Wenngleich ich in einem ganz anderem Kontinent unterwegs war. Bei meinen Fotoausflügen wurde ich zumindest von schlechtem Gewissen geplagt. Ich hab auch Deutsche getroffen, denen es vor allem genau darum ging und würde das auch prinzipiell nicht in Grund und Boden verurteilen wollen. Immerhin zeigt das ja, dass man noch einen Blick auf die „Wirklichkeit“ werfen will. Als beleidigend empfinden es die Einwohner oft und dies auch weiderum nicht von ungefähr. „Man“ ist eher stolz auf Errungenschaften der Moderne und will kollektiv lieber das „Andere“ des Elends Vergessen. Auch kann ich verstehen, dass sich die Leute nicht von dahergelaufenen Rucksackdurchreisenden „besuchen“ lassen wollen, die nur das eine, jenes Elend suchen und keine langsamen Fortschritte oder Verbesserungen zu erkennen in der Lage sind. Vielleicht sollten wir auch das Elend lieber in Gorbitz suchen, anstatt am anderen Ende der Welt. Die herkömmliche Ethik jedenfalls würde dies verlangen. Leider sind wir aber mittlerweile auf den Globus „geworfen“ und uns würde eigentlich abverlangt, globale Verantwortung zu übernehmen, welches sich aber glaube ich die Wenigsten wirklich attestieren könnten, ohne in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. So bleibt denn bis auf Weiteres nur Zynismus oder aber auch „echte“, eingebildete(?) Anteilnahme. Und ich meine, Bücher helfen dabei mehr, als jedes andere Medium. Denn wie Kierkegaard so schön in „Entweder-Oder“ festellt:

Gerade dann ist die Sprache das Vollkommenste Medium, wenn alles Sinnliche darin negiert ist. So ist es auch mit der Musik, das was eigentlich gehört werden soll, befreit sich ständig vom Sinnlichen. […] Außer der Sprache ist die Musik das einzige Medium, das sich ans Ohr wendet. Darin liegt wiederum eine Analogie und ein Zeugniss dafür, daß die Musik eine Sprache ist. […] Nehme ich an, daß die Prosa diejenige Form der Sprache ist, die der Musik am fernsten steht, so bemerke ich schon im rednerischenVortrag, in dem Bau klangvoller Perioden einen Anklang des Musikalischen, der auf den verschiedenen Stufen des poetischen Vortrags im Bau der Verse, im Reim immer stärker und stärker hervortritt

Jiménez jedenfalls hat es geschafft seiner Prosa einen Hauch von Musik zu geben, seien dies die rythmischen Stampfgeräusche der Müllbagger, der Waschfrauen, der Buschtrommeln die zum Krieg gegen die Nachbarn rufen oder der Klagelaute in Krankenhäusern. Der Sound der wirklich abgehängten und Vergessenen ähnelt sich bemerkenswert oft, ganz egal ob man von Afrika, Asien oder Lateinamerika redet und Jiménez hat Literatur im besten Sinne des Wortes draus gemacht.

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