Die Brüder K.

Schon zu Beginn meiner kleinen Erzählung kommen mir Zweifel. Jedoch darf es auch hier an der Vorrede nicht fehlen. Worum handelt es sich genau?

Nun, als ich auf meinen streunenden Gängen durch die Schluchten der großen Stadt hastete, mein Dachzimmer war mir zuwider geworden, trieb es mich immer wieder in die Nähe eines alten Möbelhändlers, der ein verwunschenes kleines Geschäft unweit eines Bächleins bewohnte. Dort in seinen Auslagen fiel mir ein Sekretär ins Auge, wie ihn wohl reiche Bürger vor zwei Jahrhunderten benutzt haben würden. Da mir der Stil des Möbels nicht zusagte, wendete ich mich angewidert ab, nur um mich auf meinen weiteren Gängen des Öfteren dabei zu erwischen, wie ich immer wieder vor der Auslage dieses Ladens stehen blieb. Das Möbel gefiel mir rein gar nicht, sein Preis, obgleich nicht ausgeschildert, würde meine finanziellen Möglichkeiten weit übertreffen. Nachdem ich nun also wieder einmal davor stehen blieb, fasste ich mir ein Herz und ging hinein. Die Luft dort war von einer seltenen Frische, der Raum obgleich dunkel war erfüllt von einer Klarheit, die wohl dem Geist der darin wohnte zukam und dieses dann auf den Raum übertrug. Ein bärtiger Alter begrüßte mich freundlich, um sich nach meinem Begehren zu erkundigen. Zweifellos gehörte ich meiner Kleidung und meines unsicheren Auftretens nach nicht zu der Klientel, die ihn hier wohl gelegentlich aufsuchen musste. Ich gab zu verstehen, dass ich mich für dieses Möbel interessiere es gerne betrachten würde. Erstaunlicherweise erkundigte sich der alte Mann nicht nach meinen Preisvorstellungen, was mir den Sekretär nur noch unerschwinglicher erschienen ließ, denn Geschäfte, in denen Preise ausgehandelt wurden, waren mir nur aus Romanen bekannt. Auch gehörte ich nicht zum Menschenschlag, der Verhandlungen besonders mochte. Ich neige dazu mich dabei besonders ungeschickt anzustellen und mich so selbst zu übervorteilen. Wissend um dieses Defizit an Durchsetzungskraft, meines leisen Auftretens und meiner unsicheren Stimme bewusst, meide ich solche Situationen, gehe ihnen so weit wie möglich aus dem Wege. Woher diese Unsicherheit kommt, kann ich mir erklären. Sie stammt aus an einem Mangel an sicheren Grundlagen für Weltbilder. Der Zweifel nagt in mir. Der Zweifel verbunden mit einer gelegentlich lückenhaften Erinnerung hat zur Folge, dass ich nur wenige feste Überzeugungen habe, obzwar ich mich bemühe und nun bereits seit geraumer Zeit anstrenge, Ordnung in das Chaos meiner Gedanken zu bringen. Ihnen Form zu verschaffen und Systematik. Der Zweifel ist dabei mein größter Feind, denn er verwirft, bringt durcheinander, entwertet. Zu allem Unglück aber springt ihm dann noch das Gedächtnis bei, welches eng verschwistert mit der Konzentration zu sein scheint. Aber genug des Ganzen! Kommen wir zur eigentlichen Begebenheit zurück.

Der alte Mann war so freundlich, mir das Möbel aus dem leicht angestaubten Schaufenster zu rücken, zu meinem Erstaunen, war dies durch eine einfache Vorrichtung am Boden der Auslage möglich, die sich als eine Art Schieber enthüllte, der leichtgängig hervor glitt und dem eines  überdimensionalen Besteckkastens in modernen Küchen ähnelte. Der Sekretär stand nun also auf einer Art kleinen Bühne vor mir in der Mitte des Raumes. Der alte Mann entfernte sich unverzüglich ohne weitere Worte in ein Hinterzimmer, wahrscheinlich sah er mir die Lüsternheit des Flaneurs an, der von bloßer Schaulust getrieben da und dort einfiel, um seine Finger an allem teilhaben zu lassen, ohne wirklich entschiedene Absichten zu hegen. Ich fühlte mich etwas unwohl und ertappte mich dabei, wie es mir häufig geschieht, die Urteile der anderen auf mich selbst zu Übertragen. Mochte es sein, dass ich äußerlich einem Flaneur ähnelte, so war doch mein Beweggrund in diesem Laden vorstellig zu werden ein ganz anderer und mir selbst nicht bewusst. Was ich empfand, kam keiner Schaulust gleich, sondern glich eher dunklen Erwartungen und ängstlichen Vorahnungen. Nichts war mir in diesem Moment fremder als Lust.

Als ich nun die Schieber und Fächer betrachtete, die am Sekretär, mehr als an einem profanem Schreibtisch zu finden waren, erzitterte die Luft kaum merklich, denn ein Auto fuhr die Enge Straße vor dem Laden mit hoher Geschwindigkeit herab. Das Erzittern und wohl auch die Präsentationsbewegung des Möbels, die der Alte vorhin mit ihm vollführt hatte führten nun zu einem folgenschweren Ereignis. Eine kleine vorher kaum merkliche Lade des Sekretärs öffnete sich mit einem spitzen, klackenden Geräusch. Ich zuckte zusammen. Der Alte jedoch schien nichts gehört zu haben, es waren nur sein zufriedenes Husten und das Verstellen von alten schweren Büchern aus dem Hinterzimmer zu Vernehmen. Ich wartete still ab, ob er vielleicht nicht doch etwas vernommen hätte, meiner Verurteilung gewiss. Die Lade hing ziemlich beschädigt aus dem oberen Teil des Sekretärs herab. Bewegte sich nicht mehr, aber ergab schräg und unsicher, ein trauriges Bild. Der Sekretär sah nun geschändet und würdelos aus, ich fühlte mich eines Verbrechens schuldig, jedoch unfähig zu reagieren. In der Schachtel jedoch lagen ein paar Zettel, eng beschrieben, die Zeilen zusammengedrängt mit hastiger Hand und garstig ausfallenden Ober und Unterlängen. Diese Papiere nahm ich an mich, mein Verbrechen noch erhöhend und verließ hastig den Raum, mich mehrfach vergewissernd, dass mir der alte Mann nicht folgte, verlangsamte ich später meine Schritte. Ich war in einer ekstatischen Stimmung, die Welt wirbelte um mich herum.

Erst sehr viel später, nachdem ich in die Bescheidenheit meines kleinen Dachzimmers zurückgekehrt war, hatte ich die Ruhe und Sicherheit, mich dem Studium der Papiere zu widmen. Dies sollte mein Leben für immer verändern, es kam einem Sprung gleich, als mich die Gewissheit anfiel.

Das Grundproblem hinter allem war und bleibt jedoch die Frage, wieviel Zögern man sich selbst zumuten sollte. Wieviel Verschwiegenheit soll man bewahren? Ab wann gilt es sich zu wehren und dem unflätigen Stolz, dem eitlen Dünkel etwas entgegenzusetzen. Hätte man alles verhindern können, wenn man schon eher, schon viel eher, alles oder zumindest mehr ans Licht gezerrt hätte?

Am Anfang stand die Ungerechtigkeit, oder war es vielmehr das Ende? Es bestand kein Zweifel, ob der Begründetheit des Anspruches gegen ihn. Es war ihm jedoch gänzlich unmöglich, dieser weiteren Ungerechtigkeit von Seiten des S. noch einmal teilnahmslos gegen sich selbst zuzuschauen. Oft hatte er vorher die Dinge geschehen lassen, im Sinne des Friedens geschwiegen. Es waren nicht die großen Gesten, die das wahre Wesen eines Charakters zeigen, die hinausposaunten Absichten, die vor aller Augen die Absolution von Seiten der Gemeinschaft nach allgemeinen Gesetzen des Anstands und der Pflicht verlangten. Vielmehr als jene Verhaltensweisen sprach das still Verschwiegene, Hintergründige, Kleine.

In Deutschland, so sagt man, seien die Leute kalt und unnahbar. In wärmeren Ländern hingegen freundlich und aufgeschlossen. Dies ist ein Allgemeinplatz wie es keinen zweiten gibt und er verdient es auch nicht ihn weiter zu verfestigen. Ergänzt wird diese Erzählung zumeist mit dem Hinweis, dass man in Deutschland jedoch, sozusagen als Trost, auf die „treue Freundschaft“ zählen könne. Die Menschen seien dort „ehrlicher“. Scheinheiligkeit werde verachtet, Wahrheit zähle mehr, was ein Grund sei, weshalb die Deutschen als Volk so unbeliebt bei anderen Völkern sind. Der Spruch aus dem Munde Mephistos gilt als Beleg: „Im deutschen lügt man, wenn man höflich ist“. Freunde, so sagt man dort, würden einem die Meinung sagen, sie seien schwierig zu finden, dafür aber umso ehrlicher. Deutschland ist ein Land, welches neben den Begriff des bloß „Bekannten“ den emphatischen Begriff des „Freundes“ setzt. Dieses Vorurteil über die Deutschen als solches vorgeführt zu bekommen, war nun nicht nur Sache der gelehrten Studien die er las, sondern auch Sache des Lebens selbst.

Es begann schon in sehr früher Jugend. Die Tür öffnete sich und schloss sich auch sofort wieder. Sein jugendliches Herz, unerfahren, völlig ahnungslos, voll verkitschter Gedanken und Spielzeug hatte es nach dem Freund verlangt, nach einem Freund, denn er hatte sonst keinen. Jener Banknachbar seiner Schulzeit hatte ihn Glauben lassen, einen solchen gefunden zu haben. Nun war der Tag des Besuches gekommen, freudig hatte er die Treppen erklommen um nun, durch böses Lachen und die geschlossene Tür bestraft zu werden. Hinter der Tür spielte sich ein Kampf ab, dumpfe Schläge gegen die Tür, Stöhnen, Keuchen, am Ende ein Rennen und die Tür öffnete sich aufs Neue. Der Freund entschuldigte sich, gab Erklärungen, es handele sich um den „kleinen bösen“ Bruder, sagte er.

Dieser war in der Tat ein unangenehmer Geist. Er betrat triumphierend den Raum aus dem nichts, schaltete Computer aus, vor dem die beiden Freunde saßen und lachte dabei. Er hatte anscheinend Spaß gefunden daran, anderen unangenehm zu sein. So ließ er sich denn auch nicht vertreiben, schaute demonstrativ fern, machte Bemerkungen und Beleidigungen. Alles in einem Ton, absoluter Verachtung in der Stimme, in einem Ton entschiedener Ansprüche, nur worauf sich diese gründeten, was sie forderten, war ihm schlicht unergründbar. Gewalt wäre in dieser Lebenssituation die Antwort gewesen, vielleicht sogar dem Alter gemäß die adäquateste, sie unterblieb jedoch.

Die Zeit verging und alle wurden größer. Die Logik des Unfertigen, die im Versuch steckt, verlangt Sprünge, die jedoch mit der Konsequenz des Themas gerechtfertigt werden können, das Damoklesschwert der Vereinfachung hingegen bleibt.

Die Wohnung, in unmittelbarer Nähe der beiden Brüder hatte zur Folge, dass man sich auch im Leben näher kam. Die Bar, der Jazz, die Musik allgemein prägten diese Jahre. Nicht desto trotz auch eine Frau. Die erste Liebe nannte man es wohl. Sie scheiterte, daran ist nicht zu zweifeln. Im Scheitern jedoch stellte es sich heraus, dass auch jemand ganz anderes am Horizont gewartet hatte. Der böse kleine Bruder, mittlerweile zu S. geworden, nahm Kontakt auf. Er schrieb lange Briefe, äußerte sein Mitfühlen, seine Anteilnahme, seine Verehrung gar. Die Frau und S. waren sich vorher des Öfteren begegnet, gewisse Sympathien stellten sich her. Der Andere ahnte dies bereits früh, sprach es gegenüber ihr an, wurde jedoch darauf verwiesen, dass bis jetzt nichts vorgefallen ist und auch nie vorfallen würde. Damit war er zufrieden. Als er jedoch mit der Beziehung am Ende, vor den Trümmern seiner eigenen Taten stand wurde er von Seiten S. auf seine vermeintlichen Fehler, seine Schuld aufmerksam gemacht. All dies unter dem Deckmäntelchen, freundschaftlicher Hinweise, deren Doppelsinn ihm allerdings auch damals wohl bewußt war.

Jedoch zeigt es die Verkommenheit eines Charakters, der sich einer solch doppelten Strategie bedient. Wenn es nicht gerade Verkommenheit ist, so doch zumindest absolute Feindschaft. Diese Kriegserklärung wurde jedoch nicht angenommen – am Ende war er auch nicht mehr verliebt genug um sich auf ein solches Spiel einzulassen, es war ihm schlichtweg egal. Dass dem so war, hatte S. jedoch anscheinend nie mitbekommen, spätere Gespräche und eine immer wiederkehrende Wendung dieser, auf den Themenkomplex Schuld dienen mir als Beleg.

Da die Zeit verann, gab er sich der Illusion hin, all diese Unanehmlichkeiten wären vergangen. Aber es wiederholten sich kleine Vorfälle, die sich später zu einem unheimlichen Berg türmten, den abzutragen es müßig wäre. Wenngleich dies einen Versuch darstellt, ihn wenigstens begreifbar zu machen, musste er sich doch eingestehen, dass Scheinheiligkeit, der Wille einen Frieden vorzutäuschen, den es nie gegeben hatte hier der Grund war, den unangenehmen Geist S. weiter zu ertragen.

Eine sehr ungemütliche Begebenheit war zum Beispiel jener Tag, als er mit seiner Freundin in der Küche des Hauses speiste. Als Gast kam jener S. Man trank ein paar geistige Getränke und nun mußte er feststellen, wie sich das Gespräch vor seinen Augen wandelte. Komplimente von Seiten S. waren etwas sehr seltenes, ihm gegenüber schon gar nicht gefallen, allerdings fielen sie an diesem Abend sehr häufig gegenüber seiner Freundin. Nicht das sich bestreiten ließe, dass es sich bei ihr um eine außergewöhnlich hübsche junge Dame handelt, die obendrein noch mit geistigen Vorzügen in besonderem Maße ausgestattet ist, was nicht zuletzt der Grund für seine Hingezogenheit zu ihr ist. Aber Komplimente, gepaart mit den richtigen Blicken aus dem Munde von S. legten nur eine einzige Vorstellung nahe, die nebenbei bemerkt auch von der jungen Dame bestätigt wurde. S. hatte an diesem Abend wohl eine besondere Hingezogenheit zu ihr entwickelt. Das Gesprächsthema des Abends war eine Prophezeiung und ihr Wahrheitsgehalt, den seine Freundin vortrug. Dies wurde von S. in bezeichnender Form immer wieder aufgenommen. Ja geradezu entzückt nahm er es auf, wo doch der dritte im Bunde, seine ablehnende Haltung dazu bekundete. Das Thema wurde jedoch immer wieder forciert angesprochen und S. nahm wohl nicht wahr, dass er damit in Bereiche vordrang, die den anderen aufs äußerste berührten. Konnte er sich doch nicht wie ein Hahnrei aufführen und S. fordern, denn dies hätte auch jene anwesende Dame beleidigt, so wurde die Feindschaft jedoch damit aufs neue bestätigt.

Eine weitere Episode in dieser Reihe war eine Reise ins ferne Paris. Hier muss lobend erwähnt werden, dass auch S. daran teilnahm. Für das Opfer von S. war dies eine durchaus willkommene Situation, fand diese Reise doch aus einem höchst unwillkommenem Anlaß statt, den hier in gänze zu erwähnen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Finanzielle Umstände und missliche Lagen, sowie weitere Gefahren drohten- und so empfand er es als besonders nette Geste seiner Freunde ihn dabei zu begleiten und neben der materiellen auch eine moralische Stütze an seiner Seite zu wissen. Überschattet wurde dies jedoch, von den durchaus unangenehmen Launen des S. So waren Essenszeiten und Ruhezeiten, wie sich herausstellte, geradezu heilig, mussten aufs penibelste befolgt werden, denn sonst drohte eisiges Schweigen oder verletzende Kommentare, die selbst den Bruder von S. trafen, als er manövrierend des Nächtens eine Herberge ungefähr hundert Kilometer vor Paris im französischem Niemandsland aufsuchen musste. Alle Mitreisenden empfanden diese Launen und gelegentlichen Manien nach eigenem Bekunden als Belastung, wenn auch gesagt werden muss, dass eine ausbrechende Krankheit bei S. sicher der Grund dafür gewesen sein mochte. So nahm man also weiter Rücksicht auf diese „Launen“, wie man es schon oft getan hatte.

Nun begab es sich, dass jene Person in der Opferrolle sich selbst immer wieder dahin hineinmanövrierte, ganz egal wie sehr er sich auch dagegen wehrte. Sicher war es auch seine eigene Schuld, denn gegenüber Personen wie S. beugt man besser vor. Man sollte Konflikte nicht immer im Sinne der Ruhe mit sich herumtragen, sondern auch Konsequenzen ziehen, dies zu tun, lernte er nicht, darin lag seine Schuld. Hier sieht man, wie Opfer und Täter doch bei genauerer Betrachtung immer verschwimmen zu scheinen, bis das die eigentliche Schuldfrage im Sinne einer tragischen Situation nicht mehr beantwortbar ist. Der Prozeß, wie ich es deshalb nennen möchte ging also weiter seinen Gang, riss ihn mit. Er war nicht handelnder in seiner eigenen Geschichte.

Dies betraf nun nicht nur das Opfer von S., sondern auch weitere Personen, die sich nicht von ihm entfernten. So gründete man eine Gesprächsrunde, in der neben Literatur auch philosophische Themen eine Rolle spielen sollten. Während dieser abendlichen Runden, kam es nun, wie es nun einmal im Disput üblich ist auch zu einer Reihe von persönlichen Betroffenheiten, die jedoch immer wieder ausgesöhnt oder besser gesagt zurückgestellt werden konnten. Hier war zunächst nicht jene zweite Person, der erbitterte Feind von S. der Betroffene, sondern auch andere Teilnehmer litten gelegentlich unter S., er brachte es sogar soweit, den Raum selbst aufgebracht zu verlassen und damit alle anderen zu konstanieren.

Da ich nun auf den Raum zu sprechen komme, muss ich ihn im Sinne einer Abschweifung erwähnen. Wo fand dieser Gesprächskreis eigentlich statt? Es handelte sich hier um eine Wohnung, die als gemeinsames Projekt dreier Personen begann, worunter auch das Opfer gehörte. Die Dreierkonstellation war hier  sehr oft ungünstig, das soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Neben dem Opfer und dem Bruder von S., zog dort auch jemand ein, der nicht nur dem Opfer, sondern auch anderen Personen im Umkreis bekannt war, als doppelzüngige Schlange in Person. Geheimnisse bewahren, war nicht die Stärke jenes dritten Einwohners, wenngleich er es auch auf besondere liebte, sich auf durchaus privater Ebene zu nähern, Hilfe im Gespräch anzubieten, die doch nur als Vorbereitung des Geheimnisverrats diente. Bei gelegentlichen Gesprächen, angesprochen auf seine mangelnde Menschenkenntniss gab jenes Plaudermaul an, keine haben zu wollen. Die schlechten Meinungen der anderen zu erraten, sei ihm eine müßige Angelegenheit, ja geradezu „kafkaesk“ wie er zu sagen pflegte und er verachte deshalb Menschen, die sich Gedanken darum machen wollen, was die Gedanken der anderen über sie sind. Dass es eine andere Sache war, ob man die Gedanken der anderen nur zu kennen sucht, um so Schaden von sich und anderen abzuwenden, oder ob diese eine Rolle für das eigene handeln spielen sollen, im Sinne einer Anweisung oder eines Leitbildes, kam ihm jedoch nicht in den Sinn. So hatte sich jene Klatschbase auch einen ausgezeichneten Ruf in unserem kleinen Städtchen eingefangen, man sagte von ihm, er merke es nicht einmal, wenn man die Straßenseite wechsle um ihm nicht begegnen zu müssen und kam trotzdem immer lächelnd auf einen zu, sollte er jemanden erspäht haben.

Der dritte in jenem seltsamen Bunde, war nun jener Bruder von S. Diesen zeichnete eine ausgesprochene Vorliebe aus, sich mit Leuten zu umgeben, die ihn bedauerten. Glück bei den Frauen, konnte er nicht sein eigen nennen. Dies war ihm willkommener Anlaß, vom Mitleid der anderen zu leben. Er nährte seine kleine Depression und ließ sich sogar ins aussichtslose Unterfangen der Eroberung eines Frauenzimmers treiben, bei dem er gewarnt war, keine Chance zu haben. Auf diese wohlgemeinte Warnung, liess er sich jedoch nicht ein, denn er wollte die ganz große theatralische Niederlage. Und so gestand er denn seine unglückliche Liebe nur, um das Almosen der mitleidigen Ablehnung zu erhalten. Das bei der ganzen Affäre natürlich die Klatschbase im Verbund mit einer anderen Gestalt, die hier jedoch keine Erwähnung finden soll Hauptantrieb und Motor bildete, kann man sich leicht vorstellen.

Interressanterweise gehen leider viele Menschen eine Symbiose der Triebabfuhr ein. So scheint es den einen nur recht, wenn es jemanden gibt, dem es schlimmer geht, denn dann kann man sich an seinem Leid ergötzen, wie an einem süßem Bonbon, man muss nur das Mäntelchen des Mitleides anziehen, was immer irgendwo bereithängt. Dem vom Mitleid lebendem bekommt dies auch nur zu gut, solange gewährt bleibt, dass er nie aufwacht aus seinem Traum und erkennt, wieviel Lust im geheucheltem Mitleid liegt. Eine äußerst Unangenehme Erkenntniss, der man gerne aus dem Wege geht, denn man lebt besser so. Alles zusammen ist eine durchaus nützliche Konvention, ich bin versucht, sie Scheinheiligkeit zu nennen.

Nachdem ich vom Thema agekommen bin, zurück zum Raum des literarischen Zirkels. Dies war die Küche, jener Wohnung, welche diese seltsame Dreierkonstellation bezogen hatte. Spannungen waren dort vor allem auch zwischen dem Opfer und der Klatschbase an der Tagesordnung. Man beschuldigte sich kleinlicher Vergehen der Haushaltsführung und es wurde immer deutlicher, auch aufgrund der Konfliktscheue des Bruders von S., dass es eigentlich unerträglich war. S. nahm auch dies zum willkommenem Anlaß Unfrieden zu stiften. So kam es zum Beispiel zur Begebenheit eines gemeinsamen Essens.

Das Opfer hatte einen Bekannten zum Essen eingeladen, und die unverhofft wiederkehrende geschwätzige Schlange lud sich so mit der tatkräftigen Mithilfe von S. fast erfolgreich selbst dazu ein. Denn S. erzählte auf telefonischem Wege davon, obwohl er genau um die Spannungen zwischen dem Geredesüchtigem und dem Opfer wußte. Er nahm sich dennoch die Freiheit hier ein Treffen zu inszenieren. Freudestrahlend betrat er die Küche und verkündete stolz, da man ja zum Essen einlade, würde nun auch jener ungebetene Gast erscheinen, da er nun doch einmal in der Stadt sei. Der entschiedenen Intervention des Opfers ist es nun zu verdanken, dass dem nicht so war, denn kurzerhand wurde umdisponiert. Das Essen fand zu einem späteren Zeitpunkt statt, an dem nur die geladenen Gäste in unserem Städtchen weilten. Die Aktion von S. unter dem Deckmantel einer üblichen Gastfreundschaft, die zu gewähren es Konvention war, konnte so mit den selben Waffen der Scheinheiligkeit verhindert werden. Einen Triumph trug er an dieser Stelle nicht davon und vielleicht sieht man, wie so das Opfer zum eigentlichen Täter wird.

Im wöchentlich stattfindendem Zirkel wurde nun ein anderes Thema virulent. Das Opfer schlug vor, doch den Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen und verschiedene Gedanken zu publizieren. Angefeindet wurde dieser Vorschlag nun wiederum aufs entschiedenste von S. Er sprach davon, dass man doch erst einmal beweisen solle, das es die Qualität der Gedanken überhaupt verdiene, in die Öffentlichkeit getragen zu werden. Auf die Auskunft, man habe bereits fertige Gedanken, die es verdienen würden festgehalten zu werden, vertraute er wohl auf die Faulheit und richtete nachher aus eigenem Antrieb die Möglichkeit hierzu ein, die er doch anfänglich so verbittert bekämpft hatte. Nicht ohne den höhnischen Seitenhieb zu unterlassen, man wolle doch nun einmal sehen, ob es mit den Gedanken denn Wahrheit sei und ob denn nun wirklich etwas fertig wäre. Dieses Verhalten, jeden Vorschlag, ja das ganze Wesen des Opfers zunächst zu verneinen, nur um es später später umso entschiedener zu anzueignen, stellt nun das eigentliche Rätsel im Charakter des S. dar, welches ich bis heute nicht zu entschlüsseln vermag.

Dies schlägt sich auch im Raume nieder (von dem ich nun wieder abgekommen bin). So muss gesagt werden, dass das Opfer aus Mangel an eigener Rücksichtnahme und persönlicher geistiger Unzulänglichkeit S. erst jene finale Möglichkeit bot, welche die Krönung des ganzen ausmacht. Er bot ihm an, doch seine Wohnstatt und seine Möbel zu übernehmen, zu einer Zeit, in der gerade S. es nötig hatte, denn er war aus Paris zurückgekehrt und brauchte eine Wohnung in unserer kleinen Stadt. Er fluchte über die Auswahlgespräche in Wohngemeinschaften, die sich in der Tat als Unsitte eingebürgert haben. Da es sich auch für das Opfer anbot, seine Wohnung zu räumen unterbreitete er ihm den Vorschlag. Seine Dummheit war so vollkommen, ihm nun auch noch seine Möbel hinterherzuschmeißen, sie ihm zu Überlassen. Eine Erleichterung bedeutete dies für ihn jedoch nicht, denn S. forderte trotzdem die Möbel zu entsorgen, die ihm Unwillkommen waren. Eigentlich handelte es sich dabei nur um einen alten Schreibtisch, der sehr sperrig war und den das Opfer schon lange loswerden wollte. Nun, er mußte auch diesen mit eigener Arbeitskraft entsorgen, alles andere übernahm S. Was ausblieb war Dank.

Selbst als er, später zur Einsicht gelangt, Dinge forderte, die ursprünglich in seinem Besitz gewesen waren, konnte ihm nun S. mit freudestrahlender Miene erklären, er danke ihm doch sehr, aber geschenkt sei nun einmal geschenkt. Und so musste er sich denn nun freundlich ins Gesicht sagen lassen, dass ganz nebenbei auch noch Ansprüche gegen ihn anzumelden waren, von jemandem, der praktisch sein dingliches Leben bewohnte und geschickt übernommen hatte. Einer Schlage gleich, die sich häutet, hatte es S. nun auf umgekehrte Weise endlich geschafft, sich all das Äußerliche anzueignen, was einst seinem Opfer gehörte. Nicht ohne mit jeder Faser seines Seins die Abscheu vor genau diesem auszudrücken. Es war, als würde das Opfer von seinem eigenem Spiegelbild geohrfeigt und höhnisch verlacht. Seine perfide Strategie schien in wiedersinniger Weise vollkommen. Der Neid und die Schlechtigkeit siegten nur einmal mehr. Im Grunde lohnt es also nicht, diese Geschichte zu erzählen, denn sie ist keine Geschichte, in der das Gute siegt, sie ist Alltag, täglich Brot. Gäbe es keine Scheinheiligkeit, welche diesen Sachverhalt zudeckt, würde sie nicht erzählt. So lebt denn auch das Erzähltwerden solcher Geschichten ganz eigentlich von dem, was es hasst. Ganz sicher ist der Hass eine mindest gleichwertige Triebkraft zu schaffen, wie die Liebe. Vielleicht liegt darin auch das Geheimnis von S.  Eine Rechnung mit Verlusten und Landgewinn.

Wahrscheinlich ist es so, dass man Unterlegene verachtet. Diese moderne Haltung mußte nun auch er üben – mit Konventionen zu brechen, eine Tat zu begehen für die es keine Rechtfertigung gibt, die Konsequenzen zu tragen, sich zu entscheiden. Er beschloß ihn zu töten.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kurzgeschichte

Eine Antwort zu “Die Brüder K.

  1. siegfriedschuster

    Den Kommentar der mich erreichte, werde ich nicht veröffentlichen, da er anonym war und ich keine anonymen Hasskommentare auf meiner Seite veröffentlichen möchte. Wenn jemand das braucht und blogs für ein „liberales Medium“ hält, bittesehr, dann machen Sie doch selbst einen eigenen blog werter Herr oder Frau Kommentator und bitte, verstecken sie sich nicht dabei feige hinter irgendwelchen Nicks. Ich jedenfalls halte nichts davon mich hinter Anonymität zu verstecken und glaube, das kann man auch an meinem blog sehen. Des Weiteren möchte ich auf die für mich immer noch gültige Trennung von Erzähler-Ich und Autor verweisen, von der jener Kommentator/in anscheinend nichts verstanden hat. Solche eindeutigen Zuweisungen, dass ich das „Opfer“ wäre und „im Namen von S.“…naja…die kann man wohl nur müde belächeln, ich jedenfalls kenne weder das Opfer noch S.
    Auch mit „die Leser“ zu unterschreiben, spricht eigentlich dafür, dass Sie vom beschworenem Liberalismus nichts halten und sich eher im Sinne einer wie auch immer gearteten „Avantgarde“ das recht herausnehmen, das Wort für alle zu ergreifen, die sie noch dazu nicht um ihr Einverständnis gefragt haben können- zumindest scheint es mir schleierhaft, woher sie alle Leser denn kennen und gefragt haben wollen. Für sie gilt in diesem Falle bezüglich Ihrer Unterschrift für die Leserschaft als Ganzes das Wort Carl Schmitts für die Verfechter einer unzureichend bestimmten „Menschheit“ als Maß, in deren Namen man sich zum willigen Vollstrecker der Geschichte erklärt: „Wer Menschheit sagt, der lügt!“. Ihr Gebaren erinnert mich eher an Stalinismus oder schlimmeres, auch die Dolchstoßmetapher will ich hier nicht weiter ausbreiten, sie spricht jedenfalls nicht für Sie.

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