Gott und Literatur

Warum versucht man zu schreiben? Wo doch alles der Vergänglichkeit und dem sinnlosen Unverständnis anheim gegeben ist? In dieser Frage nach dem Sinn für Schrift ist immer auch die Frage nach Gott versteckt. Schrift besonders in ihrer künstlerischen Ausprägung als Literatur nach eigenen ästhetischen Codes, verbirgt in sich die Chance auf eine Veräußerung des tätigen Lebens. Verbunden damit ist eine Art Spur, die auf das Leben des Autors zurückverweist, wie enigmatisch dieses Konzept auch sei. In diesem Verweis und dieser Spur liegt die Chance auf ein ewiges Leben verborgen. Darin liegt ein möglicher Beweggrund für Literatur und das Schreiben.

Die Rolle Gottes in der Literatur lässt sich an zwei Beispielen diskutieren, die Textauswahl ist auf eine Diskussionsrunde zurückzuführen, die im Rahmen eines Lesekreises, „Salon“ genannt, stand. Die Textauswahl ist somit zufällig entstanden und hatte die Niederländische Literatur im Blick.

Harry Mulisch- „Die Elemente“

Zunächst einmal ist zu betonen, dass sich der Text auf ein sehr altes Motiv bezieht. Der Leser (oder ist es der Protagonist?- dieses ist die Metaebene des Textes, die später ins Spiel kommt…) wird direkt als Phönix angesprochen, am Ende des Textes. Versiertere Leser ahnen dies schon vorher, auch dies ein Spiel des Textes mit dem Leser und den unterschiedlichen Zugängen zum Text, gute postmoderne Schule. Für literarisch nicht sehr Versierte, sei hier eine kleine Einführung in das Phönixmotiv gegeben, die jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder gar wissenschaftliche Exaktheit erhebt.

Die Gestalt des Phönix ist uns von Herodot überliefert, der uns berichtet, im arabischen Raum gäbe es einen Vogel, dessen Gefieder sehr bunt ist, den es auf der Welt nur einmal gäbe und der sagenumwobene 500 Jahre lebe. Die Ägypter, so sagt er, würden diesen Vogel verehren, in der Sekundärliteratur wird bemerkt- wohl als Symbol für einen sehr langen astronomischen Umlauf. Im Mittelalter wird der Vogel als Sinnbild für Wiedergeburt Christi gelesen und es wird gemunkelt, der Vogel symbolisiere die ganze Welt. Diese kurze Zusammenfassung sei hier mit einem Zitat belegt:

Ich lasse mich bedüncken / es sey niemals ein rechter Vogel gewesen / sey auch noch nicht des Namens / Gestalt und Werck / sondern es seyn literæ hieroglyphicæ, das ist / eine heimliche verborgene Bedeutung unter dieser Fabel. Nemlich / dieser Vogel Phœnix ist ein Bildniß der gantzen Welt; Der güldene Kopff bedeutet den Himmel mit seinen Sternen. Der bunte Leib den Erdboden. Die blaue Brust und Schwantz / das Wasser und Lufft. Dieser Phœnix aber / oder die Welt bestehe so lange / biß der Himmel und die Sternen wieder zu stehen kommen an den Ort / da sie zur Zeit der Erschaffung der Welt gestanden. Wann das geschicht / so sey der Phœnix todt / und habe die alte Welt ihren Lauff vollbracht / und gehe alles wiederum von neuen an.

Lauremberg, Peter: Neue und vermehrte Acerra philologica, Das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Scribenten zusammengetragen […], Frankfurt am Main, Leipzig, 1717. S. 235

Die Bedeutung dieser „literae hieroglyphicae“ wird spätestens deutlich, wenn man sich die Gliederung des Textes ansieht. Der Text selbst steht hier für die Welt. Im Text selbst wird mittels der „Beihilfe“ des Lesers eine Welt generiert. Diese Welt ist eine rein literarische Welt. Sie entsteht und vergeht mit dem Leser. Der „große Umlauf“ ist die Lektüre des Textes selbst. In dieser wird Welt „generiert“, und sei es nur in den Zeichen und einer „geglückten Kommunikation“. Diese Genesis während des Lektürevorgangs hat nun auch einen „Schöpfer“. Einen Verursacher, oder sagen wir besser einen Anfangsgrund, eine „causa prima“ im aristotelischen Sinne. Der Erzähler selbst nimmt die Stelle Gottes an. Es ist ein sich „offenbarender“ Gott vorhanden- die Ansprache im „du“ ist sein Mittel der Welterzeugung. Dies ist ebenfalls ein christliches Motiv, die theologische Kernfrage auch der Mystik. Wie ist Gott erfahrbar? Kann er sich uns offenbaren?

Im Text offenbart er sich als ansprechender Bezugspunkt von „Außen“ der an das lesende Ich herantritt, ihm Namen und Geschichte gibt. Hier wird deutlich, dass im Text selbst intendierter Leser und Protagonist verschwimmen, ineinander greifen, sich verkoppeln. Man könnte nun in einem weiteren, sicherlich gewagten Schritt behaupten, dass der Urknall am Ende, jenes unbeschreibliche „DAS“, dadurch verursacht wird, dass Materie und Antimaterie in Gestalt des Lesers und des implizierten Lesers zusammenfallen. Mit dem umblättern der letzten Seite schenkt uns der Erzählergott seinen höchsten Glücksmoment: Anfang und Ende der Welt, des Kosmos, zumindest nach dem mathematisch naturwissenschaftlichen Weltmodell. Der „große Umlauf“ ist vollendet, die Welt entsteht neu, oder wartet im Schrank darauf, neu zu entstehen. Die Wiederkehr des immergleichen im Lektürevorgang. Nach dem Tod Gottes findet sich Gott in der „Literatur“, in der Kunst. Der Autor wird zum Propheten und Jünger in einem Falle.

Cees Noteboom- „Rituale“

Ganz anders sieht des nun aus, wenn man sich der zweiten Lektüre des Salons zuwendet: „Rituale“ von Cees Noteboom spielt in einer Welt ohne Gott. Erzählt wird die Geschichte Inni Wintrops und auch wieder nicht. Der Text beginnt mit dem Selbstmord Innis, dem Aktienkurs an diesem Tag. Hiernach wird in einem „Intermezzo“ betitelten Kapitel dem Protagonisten eine Gestalt verschafft, dies allerdings weniger klar und konstruktiv als noch bei Mulisch, sondern eher subversiv im Abhandeln der möglichen Gründe für seinen Selbstmord. Was Inni hierbei auszeichnet ist, wie man erfährt, seine Lebenseinstellung:

„Und für sich selbst hatte er in der Welt den Platz des Dilettanten im italienischen Sinne des Wortes reserviert.“

Noteboom, Cees: Rituale. Frankfurt, 1989. S. 11

Dies verweist nicht zuletzt auf Figuren wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Thomas Manns Hans Castorp. Dilettanten wimmeln durch die moderne Literatur, es gibt Stimmen, die bezeichnen den Dilettanten als den neuen Typus der Moderne. Der Gegenspieler des Dilettanten ist im Diskurs der Sozialwissenschaften der Spezialist, später auch der Technokrat:

Wenn um 1890 eine dritte Generation die geistige Führung Europas übernimmt, tritt ein Gelehrtentypus auf, der in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. Es sind Leute die allem, was man wissen muß, um ein verständiger Mensch zu sein, nur eine bestimmte Wissenschaft und auch von dieser nur einen kleinen Teil gut kennen, in dem sie selbst gearbeitet haben. Sie proklamieren ihre Unberührtheit von allem, was außerhalb dieses schmalen und von ihnen bestellten Feldes liegt, als Tugend nennen sie das Interesse für die Gesamtheit des Wissens Dilettantismus.

[…]

Der Spezialist ist in seinem winzigen Weltwinkel vortrefflich zu Hause; aber er hat keine Ahnung von dem Rest.

[…]

Der Fachgelehrte dient uns als brauchbares Beispiel für die Spezies; er führt uns ihre ganze radikale Neuheit vor Augen. Denn früher konnte man den Menschen einfach in Wissende und Unwissende, in mehr oder weniger Wissende und mehr oder weniger Unwissende einteilen. Aber der Spezialist lässt sich in keiner der beiden Kategorien unterbringen.

Ortega y Gasset, José: Der Aufstand der Massen. Stuttgart, 1952. S. 121/122.

Auf den kulturkritischen Kontext dieser Äußerung sei hingewiesen. Halten wir also fest: Spezialist und Dilettant sind zwei Antagonisten der Moderne. Im Text „Rituale“ finden sich neben Inni Wintrop nun auch zwei Figuren, die man als Spezialisten bezeichnen könnte: Arnold und Philip Taads.

Arnold, der Vater, ist Anhänger des „Existenzialismus“ und der Philosophie Sartres. Philip, der Sohn, ist Experte in Fragen des Zen Buddhismus und japanischer Kultur, beziehungsweise japanischer Töpfereiwaren.

Beide, Vater und Sohn ritualisieren ihr Leben, auch Inni tut dies. Beide haben einen sehr speziellen Umgang mit „Zeit“ – ein weiteres großes Thema des Romans. Der Vater ist ein „Sklave der Zeit“, er hat einen genauen Tagesplan, der strikt einzuhalten ist. Der Sohn strukturiert seine Zeit nahezu überhaupt nicht, sein Ritual besteht darin, Zeit auszublenden. Inni Wintrop, als Dilettant wiederum kann beides, er kann einen Zustand des „Schwelgens“ erreichen, der Zeit enthoben sein, oder sich für Zeit und Zeitprobleme besonders interessieren, besonders immer dann, wenn es um Erinnerungen geht. Neben ihren speziellen Umgang mit Zeit, zeichnet die Taads auch aus, dass ihr die Quelle ihres intellektuellen Strebens der Umgang mit Gott ist.

Für beide, für alle drei, ist der Gott gestorben oder nicht da. Es handelt sich um einen „dios absconditus“, einen abwesenden Gott. Meine Behauptung wäre, dass der Roman um die Frage Gottes kreist, um die Frage was mit einer Welt anzufangen ist, die keinen sich offenbarenden Gott mehr aufweisen kann. Hier ist auch, anders als bei Mulisch, der Gott als Erzähler nicht vorhanden – weniger Konstruktivismus, trotz der gelegentlich weltweisheitlichen Einschübe im Stile von „die Erinnerung ist ein Hund, der sich hinlegt wo er will“. Diese haben aber zumeist aphoristischen Charakter, auch das ein Zeichen für die Schlüssigkeit des Dilettantismus als Prinzip. Man könnte nicht einmal klar unterscheiden, ob das nun Gedanken des Inni Wintrop sind, oder in der Tat Mitteilungen, in denen sich dem Leser die Stimme des „Erzählers“ offenbart.

Beide Spezialisten des Romans sind, im Gegenteil zu Inni Wintrop, Anhänger einer religiös anmutenden Philosophie mit stark gnostischen Untertönen. Gnosis, weil es beiden um den Austritt aus der Welt geht.

Das oberste Ziel ist es, die Welt zu verlassen und seine Seele im „Nichts“ aufzulösen. Beide Spezialisten bilden auch das Grundproblem ihrer Gattung ab: mit der Hinwendung zu kleinen Teilgebieten der Welt, ist die Gefahr eines „Weltverlustes“, eines fehlenden Kontaktes zur Welt gegeben. Mit der Hinwendung zum Phänomen entschwindet die Welt aus dem Bewusstsein, vor deren Horizont das Phänomen erst aufgeht. Dies ist eine Gefahr, in welcher Spezialisten beständig Leben, unter der sie gelegentlich zu leiden scheinen.

Die andere Gefahr ist die, der Verzweiflung. Die Verzweiflung, die damit einhergeht sich entschieden zu haben, Konsequenz zu fordern, die von der Welt enttäuscht wird. Den Bestand zu setzen gegen die Vergänglichkeit, das ist der Heroismus des Spezialisten, der hundert Jahre früher im Kirkegaardschen Ethiker zum Ausdruck kam.

Der Dilettantismus versucht auf seine Weise, den Kontakt zum „großen Ganzen“ nicht abbrechen zu lassen, beständig zu erneuern. Sein Weg ist kein Weg. Er entscheidet sich nicht und verharrt in passiver Skepsis oder in ironischer Distanz. Er betrachtet es, ohne es je ganz zu wollen, er nimmt nicht Teil, sondern bleibt nur Beobachter. Seine Perspektive ermöglicht nur einen flüchtigen Blick auf das Ganze – eine Ahnung von etwas. Hier begegnet sich die pantheistische Verzweiflung Klopstocks mit dem Authentizitätsverlust:

Nie es ganz! Gott ist es, den ihr preist!

Spezialistentum und Dilettantismus unterscheiden sich bezüglich des Gottes genau darin. Spezialistentum verkörpert Dezisionismus. Der Spezialist trifft eine Entscheidung. Der Dilettant verharrt auf einer skeptischen Indifferenz gegenüber dem Leben selbst, die seine Dramatik ausmacht. Das Leben reißt ihn mit, er ist ein Fähnlein im Winde, ein Blatt, das im Strom des Vergessens treibt. Seine Erinnerung ist wirklich jener Hund. Und dies ist auch das Problem des Postmodernen Versuchs. Am Ende ist der postmoderne Mensch ein Zerrbild, des „ganzen Menschen“, eines Menschen der nicht Leben kann, ohne sich zu entscheiden. Entscheidungen gehören zum Leben, sie zu treffen ist Aufgabe des Menschen- humanistisches Ideal (!), mag sein. Aber die Überantwortung des eigenen Lebens an den blinden „Weltlauf“ kann keine Lösung sein, darin liegt die Trauer des Buches begraben. Literatur ist zumindest auch eine Antwort darauf. Wer einen Satz schreibt, hat sich entschieden!

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