La Voz de la Baja – Gabriel Trujillo Muñoz

Die Meldungen in El País reißen nicht ab. Seit der neue, ungeliebte Präsident den Krieg gegen die Drogenmafia ausrief gibt es jeden Tag neue Morde, mehr Tote, ohne Gesicht und Vergangenheit. Ihre Geschichten werden unter dem Schweigen begraben. Autoritäre Strukturen und faschistoide Kriegslogiken verhindern eine Aufarbeitung. Der Autor Trujillo Muñoz arbeitet mit den Mitteln der Fiktion an der Thematisierung genau jener verschwiegenen Geschichte. Zum Vorbild werden ihm Reiseschriftsteller und Chronisten, Romane wie die Graham Greenes – selbst so berühmte „Mexiko-Fans“ wie Borroughs finden ihren Platz in der Geschichte der Grenze Muñozs. Die Geschichte der Grenze ist in zwei Diskursen verankert, die amerikanische Traditionslinie wird nicht zuletzt im Genre des Krimis aufgegriffen.

„Tijuana Blues“ besingt in einfacher und klarer Weise, repititiv wie ein corrido das große Thema. Es ist das unaufgeklärte ungesühnte Verbrechen in immer neuen Varianten. Jene Gewalt, die am Boden einer jeden Geschichte von Juan Rulfo schlummert und dem europäischen Betrachter ein Gruseln versetzt, ihn zwingt zwischen den Worten zu sehen, was verborgen bleiben soll. Die Gewalt, die allgegenwärtig in ihrer stumpfsten Form zum Ausdruck kommt, wenn sich Namenlose symbolisch vor Pickups stellen und mit einem Feuer aus AK-47 Gewehren das Urteil vollstrecken, was in irgendeinem Hinterzimmer beschlossen wurde. Diesem kafkaeskem Urteil kann sich im Falle des Falles weder der Innenminister oder Gouverneur und nicht einmal ein katholischer Kardinal entziehen. Es wird besungen und verherrlicht in zahlreichen „narcocorridos“, ihr Emblem ist die vergoldete Pistole und der Tod als heilige Jungfrau, der durch die Szene geistert. Auch vor den neuen Medien machen sie nicht halt, sieht man sich die Youtube Videos an, die als Begleitmusik der Gewalt in Augen und Ohren bleiben.

Ein für die Kriminalliteratur typischer Detektiv, Morgado mit Namen, eigentlich Anwalt für Menschenrechte in Mexico City, ohne besondere kulinarische Allüren, der nie Geld verlangt, arbeitet an Geschichten und Fällen, für die er beauftragt wird. Seine einzige Leidenschaft ist die, für Tequilas und Frauen. Sein Ruf eilt ihm voraus, früher war er in der Studentenbewegung aktiv. Einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kann er sein eigen nennen

.

Die Kultur Mexikos und der Grenze ist geschichtslos, so sagt uns der Text gelegentlich, ob ihm darin zu trauen ist, scheint eine andere Sache. Die Mischung- eine große Kategorie in Mexiko, schon seit José Vasconcelos fest im Diskurs verankert, bekommt hier ihre Bedeutung:

„Das authentische mexikanische Essen ist das chinesische“, dozierte Atanasio und trank sein Bier aus. „Alles was uns ausmacht, ausgenommen die Cucapá Indios, kommt aus dem Ausland. Aber die Kombinationen sind von uns“. Und um das Gesagte zu unterstreichen, schüttete er ein wenig Ketchup auf den weisen Reis und dann dieselbe Menge an Tabasco und Sojasauce. Morgado stimmte ihm zu. „Ein echter Zusammenstoß der Kulturen: Westen und Osten“

Thematisiert werden neben dem Drogenhandel auch Vorgänge der jüngsten mexikanischen Geschichte. Organhandel und Lynchjustiz- eine Horde wild gewordener Frauen im Einkaufszentrum, der die schuldige Mörderin zerreißt, wie die Mäaden einst Orpheus, erinnern an Vorfälle, wie zuletzt 2004 in Mexico City, bei dem ein Mob Polizisten anzündete und dabei  vom Fernsehen  noch gefilmt wurde.

Das entscheidende bei der Lektüre dieses konventionellen Krimis sind nicht zuletzt jene Phänomene, die in den Diskussionen der Protagonisten auftauchen und in kurzen Andeutungen erzählen, was in jede mexikanische Kulturgeschichte, die man heute schreiben würde, gehören müsste – der Spaß, der darin liegt, dies alles im Rahmen einer einfachen Erzählung unter der Hand zugesteckt zu bekommen, ist unbezahlbar. Der Mythos Tijuana lebt! Trujillo Muñoz als sein Sänger verkündet auch jene lateinamerikanische Hoffnung, die trotz Mauern, Gewalt und Leid weiterexistiert. Im Gespräch eines Amerikaners mit Morgado wird sie deutlich:

„Nein, Morgado. Es gibt hier kein Happy End. Das mit den Drogen ist ein kleiner Krieg. Wer überlebt, gewinnt. Wir können warten. So haben wir es mit den Sowjets gemacht. Es hat fast ein halbes Jahrhundert gedauert, aber am Ende haben wir sie zerlegt, kleingekriegt. Jetzt wollen sie sein wie wir. Hamburger essen und sich mit Mickey Mouse fotografieren lassen. Arme Irre.“

„Verlass dich drauf, Harry. Auch wir können warten. Wir Latinos sind die Kinder der Geduld, Erben der Hartnäckigkeit. Das praktizieren wir seit Jahrhunderten, Jahrtausenden“.

„Bullshit. Das sind Mythen von denen du zehrst. Das ist alles.“

„Möglich. Wahrscheinlich. Wer weiß?“

„Es ist spät. Ich muss gehen.“

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