Reich Ranicki

Die Glotze sei zum herrschen das wohl mächtigste Medium, so vermutete einst ein so genannter Medienkanzler der Bosse. Vielleicht aber kommt auch die Zeit der wirklichen Transmedialität und der vielseitigen Nutzung, einmal der Inhalte und auch der Formen. Soll heißen: es macht einen Unterschied, ob man im Computer einen Text liest so wie hier, oder aber, ob man Fernsehen schaut. Dies wussten wir nicht erst seit Reich Ranicki und seiner Medienschelte. Die Gegenüberstellung von Schriftkultur vs. Bildkultur ist dabei durchaus willkürlich, sogar wahrscheinlich gewollt. Denn bei Schrift und Bild handelt es sich immer noch um die am meisten ökonomisch messbaren Gewinn abwerfenden Sinnträger, die jedoch vom Medium eigentlich unabhängig sind, dies wollen allerdings die wenigsten wissen, die an der öffentlichen Diskussion teilnehmen- am wenigsten Reich Ranicki, der wahrscheinlich wirklich nur Buch und Fernsehen kennt.

Es macht aber sehr wohl auch einen Unterschied, ob wir Inhalte kritisch distanziert von einem eigenen Standpunkt aus betrachten, oder ob wir uns vom Medium betäuben und in eine Maschine verwandeln lassen, die nur das versteht, was rübergebracht werden soll. An dieser Maschine arbeitete auch Reich Ranicki sehr gern durch klare, oft wiederholte, überdeutlich und plakative Botschaften und einfach zu verstehende Urteile über komplexe Texte mit, wie Günther Grass in einem Interview auf der Buchmesse zurückhaltend anmerkte. Zum Glück für alle Beteiligten funktioniert dieses einfache Sender/Empfänger Schema ohnehin nicht so. Natürlich kommt es ständig zu Fehlleistungen des Senders, des Rezipienten und zu Nicht-Kommunikation. Sinn bleibt zum Glück oder Unglück, je nach Betrachtungsweise und Standpunkt, auf der Strecke oder wird projeziert. Überinterpretation oder nicht Verstehen als Fehler und Grundlage für Neues. Eine Überreaktion als sinnstiftendes Moment in öffentlicher Kommunikation. Eine solche stellt sowohl die Schelte des alten Mannes dar, als auch seine neue Beschwichtigungssendung, bei der er weiter einfache Botschaften verbreiten und unters passive Volk schütten darf, das so sehnlich auf seine Botschaften zu warten scheint, zumindest wenn es nach den öffentlich rechtlichen geht, die eine Vertreterin der Buchkultur entsorgen, um den lauter schreienden Clown dafür als Alibi zu bringen. Hoffnung macht da weder die Aussicht auf eine „Bildungselite“, die diesen zornigen alten Herren offensichtlich ebenso nötig hat, wie die neuen Barbaren der Konsumisten aller Länder, die gelegentlich mit dem verlogenem Begriff Volk in Verbindung gebracht werden. Ein Volk sind sie ebenso wenig wie eine Zivilgesellschaft oder eine irgendwie einheitliche Bevölkerung oder Masse. Wohl eher verschiedene Stammeskulturen, die sich unter immer wieder neuen Zeichen und Labels sammeln um ihren falschen Götzen zu huldigen und sich rücksichtslos gegenüber anderen zu verhalten, die aus oder eingeschlossen werden.

Bloß nicht zu sich selbst kommen, sich nur nicht abnabeln und auf keinen Fall reflexiv werden. Nähe vor Distanz- wer nicht freiwillig will, der wird zusammengepfercht und verkabelt in Heimen, Anstalten, Familien, dünnwandigen Wohnblöcken oder durchsichtigen Büros. Sich infizieren ist die Losung der Passiven. Virales Marketing nennt das die Industrie. Virale Sinnstiftung im leeren Betrieb aus Zeichen ohne Bedeutung könnte man es auch nennen. Die Authentizität und Bedeutung, die Rückkopplung und die Welt, das Ding, das Sein, das Feste, Gegenständliche und Verbindliche ist uns im „Blödsinn“ der Pomos nicht abhanden gekommen, unsere Einfalt war es, die diese in Begriffen voraussetzte. Das Recht zur Erleuchtung, als ob dieser mit dem Zugang zum Buch verkoppelt wäre! Reich Ranicki scheint dies in seiner Ignoranz vorauszusetzen, ob er dabei seine Rolle gut spielte, oder aus ihr herausfiel, wäre eine spannende Frage. Das Privileg zum Buch und eigener Bibliothek vergisst er dabei als Vertreter des Bildungsbürgertums.

Die Demokratisierung der Produktionsmittel von Inhalten, das ist vielleicht die viel größere Gefahr, die er fürchtet- weshalb er am monomedialen Rockzipfel der Buchindustrie hängt und den verstrahlten McLuhan lesenden Schwarzsehern und Untergangsvisionären nach dem Munde redet. Vielleicht hatte er auch zu viel „Gutenberg Galaxis“ oder den „Untergang des Abendlandes“ gelesen und daran im offensichtlich hohen Alter einige Magenprobleme bekommen. Seine verbalen Blähungen jedenfalls lassen solches vermuten und es bleibt fraglich, wie lange wir noch darunter leiden sollen. Die folgenden Generationen jedenfalls täten gut daran, lieber ein gutes Buch aufzuschlagen, falls sie sich das von Mamas HartzIV Geld leisten können und die Zeit neben ihren Studien finden, oder aber ein wenig Skate Videos bei Youtube zu schauen. Den Sicherheitsabstand wahren, nicht nur von überschäumenden prepotenten alten Herren, sondern auch von zu stark strahlenden Medien- das wäre eine Losung, die niemand recht wagen will.

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Eingeordnet unter Kulturkritik

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