die Geschichte, die auf der Offenen Bühne im Hecht vorgetragen wurde

Wir sind keine POPSPINNER!

Wir können uns der Spitzfindigkeiten Kants erwehren, indem wir dem dogmatischen Teile der hier vorliegenden Ausführungen nicht dem empirischen Voranstellen und auch die Begriffe der Form und des Materials nicht zerreißen in die unterschiedenen Welten des Dings an Sich und der Begriffe. Ein Ausdruck des Immergleichen sollte sich in aller Literatur zeigen, das Dionysische Nietzsches oder auch der Ort des Ursprunges, dem Punkt, an dem das Sein in die Welt getreten ist, zur Sprache kommt, in der der Mensch hegend wohnt.

Die ersten Sätze sind immer die schwierigsten, dachte Lauermann. Grosse Sätze musste man suchen, sie aber zu finden, auch im eigenem Kopf, das war das Fragwürdige und so wie Jean Paul schon sagte, dass hinter jeder Rezension eine Ästhetik verborgen sei, so dachte er, dass hinter jeder Erinnerung ein Trieb des Erinnerns verborgen war, dem nachzugehen er sich vorgenommen hatte. Dieser Ort war der richtige dafür. Selten jedoch verirrte er sich in die Gänge der Leute vom fiktionalen Fach, welche jedoch seinem Platze genau gegenübergestellt waren, gleichsam um sich daran zu reiben und zu wachsen. Grosse hatte es darunter sicher auch gegeben. Zettelkastenleiermänner, seit Wieland, Jean Paul und Arno Schmidt. Auch zwei dunkle alte Soldatenpriester, die Briefe schrieben, in denen sie sich über die Hinterhältigkeiten austauschten, die sie tief am Grunde ihrer Schriften sorgsam verpackt hatten und deren einziges Ziel die Provokation gewesen sein mochte, wenn nicht ein aufmerksamer Leser diese entrollen und bloßstellen könnte.

Tief blicken ließ das mochte man sagen, doch Adorno hob seinen gefürchteten Zeigefinger und sprach hinter seiner dickrandigen Brille hervor, die er gelegentlich zurechtrücken musste, mit seinem einfühlsamen Mund, seinen weichen verzärtelten Lippen:

Die Normative Bewertung des Ursprungs ist das Problem, das insitierend in Frage zu stellen ist. (Anstatt eines Ausrufezeichens stelle man sich hier ein gebückt kriechendes doch schlaues immer wieder einfallendes Lächeln vor…).

Lauermann rieb sich die Augen. Die Erinnerung ist wie ein Hund der sich hinlegt wo er will. Grosse Sätze, kleine Sehschlitze, einem Türspalt nicht unähnlich, in den zitternd das Licht einfiel, Zeilen die verschwommen. Er blickte sich um. Die Mardermänner welche schwatzend und zischelnd die Tische in Nähe der Meister, besetzt hielten, alle in jene Fetzen gehüllt, die ihre Willkür und Stumpfheit noch in den zerfledderten und gestückelten Aufdrucken erkennen ließen, widerten ihn an. Zu jedem Mardermann gehörte auch eine Marderfrau. Allerdings staksten diese lieber seit neustem in knallengen Hosen und Hausschühchen aus Tausendundeinernacht verträumt und müde durch die Gänge. Wo waren die spitzen und unnachgiebigen Husserlbärte und die verbergenden Marxgewölle der Linkshegelianer geblieben? Abrasiert und ganzkörpergeglättet schlüpften die Marder Stromlinienförmig und modern umher. Wo waren die, ins Unwahrscheinliche und Gefährdete ragenden Femme Fatales der Expressionisten? Gefühlsplatte Imitate von heroinsüchtigen Pseudodiven hatten sie ersetzt. Lauermann sah nur Marder, Frettchen und Soddomsschratten, allerdings letztere, mit Ekel vor dem Wort, welches ihn immer wieder gefangen hielt, ob seiner Boshaftigkeit.

Der Himmel war verhangen. Ein weißes Tuch sollte vor übermäßiger Sonneneinstrahlung schützen, nicht versteinert also, sondern luftig leicht freundlich verhangen. Der Demiurg hatte ein lächelndes Gesicht, als er diesen Ausweg für immer unmöglich machen wollte. Platonische Ideenhimmel kann man auch im Bunker genießen. Besser man verlässt die Höhle nie, eine Kinoleinwand für Himmelsprojektionen jeglicher Konfession, das war der in Architektur gefasste Kategorische Imperativ auf Religionen bezogen, in einer Zeit in der der Pabst Dialog fordert, freundlich lächelnd mit der Fratze eines Häretikers und weit ausgebreiteten Armen die frohe Botschaft verkündend. Die Errungenschaften der Rationalität waren unbezweifelbar nicht von dieser Welt.

Neben Lauermann heulte es nun auf, einem Staubsauger gleich, die modernen Posaunen von Jericho würden sich im technischen Zeitalter in etwa so anhören müssen, war dies die gehauchte Kommune der hier einsitzenden? Das elektronische Schreib- Flirt- und Schwatzzeug seines Nachbarn, mochte noch aus russischer Produktion stammen, zumindest ließ dies seine Atmung vermuten; einen Stift zu bedienen, fiel dem Abgesandten der okzidentalen Welt dieses Jahrtausends jedoch auch deshalb noch lange nicht ein. Er grinste entschuldigend. Lauermann war es egal. Aus den Gedanken gerissen, ließ er dem Hund nun freien Lauf durch die Anlagen dieses Ideenfriedhofs.

Jetzt hörte er es auch, auf dem Gang das Lachen, geflüsterte Worte, halbverschluckt vom Knarren der Dielen, und plötzlich ein Plumpsen, augenblickliche Stille eine – keine Sekunde, dann lautes Fluchen und wieder Lachen– Wem gehört eine Geschichte?

Der Hund bellte laut. Er hatte etwas gefunden, blieb stehen, wedelte verlockend mit dem Schwanz, deutete auf einen roten Einband. Die „Ästhetik der Hässlichkeit“ stand darauf geschrieben. Er musste an Onanisten denken.

Es war, als ob sein Schmerz ihren Körper ritzte. Sie sah, dass die Eichel seines Gliedes, mit einer Rasierklinge oder einem Skalpell, dachte sie, tief längs gespalten war über den Ausgang der Harnröhre hinweg. Und vorsichtig, mit einer Erregung, die sich an ihrem Blick entzündete, begann er sich zu streicheln. Und sie sah, dass er beobachtete, wie sie ihm zusah.

Er sah den Hund lange an, schlug nun das Buch auf und glitt zweifelnd über die verschwimmend tanzenden, dunklen Melodien:

„Das Tier kann also schon in seinem unmittelbaren Typus hässlich sein. Allein es kann auch, wenn gleich derselbe primitiv schön ist, hässlich werden, denn es kann wie die Pflanzen, durch Verstümmelung von Außen oder durch Erkrankung von Innen der Missbildung unterworfen werden. In beiden Fällen übersteigt seine Hässlichkeit die der Pflanze bei weitem, weil sein Organismus viel einheitlicher und abgeschlossener ist, während die Pflanze ins unbestimmte hinausragt.“

Ganz ungeheure Töne waren hier zu verorten. Der Verfasser steigerte sich, in immer neuen Crescendos zu Melodien der Anbetung des Ekels und der Unförmigkeit. Als Hoffnungspunkte schimmerten Wald und Gebirgsseen auf, die jedoch von Cretins aufs Äußerste bedroht zu sein schienen:

Der Bewohner des Gebirges und der Ebene, der Waldjäger und der Fischer, der Hirt und der Ackerbauer, der Polanwohner und Tropenländer empfangen nothwendig einen anthropologischen Charakter. Selbst der Cretinismus ist hierher zu rechnen, da er an bestimmten Localitäten, namentlich an gewissen von Kalkauflösungen geschwängerten Bergwassern zu haften scheint. Der Cretin ist noch hässlicher als der Neger, weil er zur Unförmigkeit der Figur noch die Stupidität der Intelligenz und Schwäche des Geistes hinzufügt. Seine stumpfen Augen und seine niedrige Stirn, seine hängende Unterlippe, seine gegen den Stoff indifferente Fressgier und sexuelle Brutalität, stellen ihn unter den Neger und Nähern ihn dem Affen, der ästhetisch dem Cretin voraus hat, nicht Mensch zu sein.

Der Hund war verschwunden. Lauermann schwieg. Er kramte ein kleines Bonbon heraus,

die gespitzten Lippen greifen das Bonbon auf, entlasten es umständlich in den Mundraum, wo es schließlich von der Zunge mit erwartungsvollen Wendungen empfangen wird. Süße entwickelt sich, öffnet sich zu einem kleinen schmeichelnden O und hat bald den Mund in eine süße, klebrig- gierig pulsierende Kugel verwandelt, die sich ausweitend mehr und mehr vereinnahmt. Man wird selbst eingerundet und existiert schließlich nur mehr als die feine, immer gespanntere Peripherie dieser Süßkugel; Man schließt die Augen und implodiert endlich: selber Kugelcharakteristik annehmend, bildet man einen Gegenstand mit der im Süßen rundgewordenen Welt.

Diesem „inneren“ Geschehen parrallel verläuft ein „äußeres“: Das leere Bonbonpapier wird glatt und glatter gestrichen, bis es ein planes Viereck bildet, dass um den Finger zu einer Zylindrischen Röhre gedreht und schließlich zu immer kleineren Flächen gefaltet wird. Und wenn die Süßkugel ihre Spannung zu verlieren beginnt, verflacht und zerfällt, nimmt das Papier zwischen den Fingern immer unordentlichere, zunehmend verklumpte Formen an; und wenn dann die Süße nur mehr die feine zehrende Linie des Entzugs bildet, ist es endlich zu einem kleinen, harten Kügelchen zusammengepresst, das man gerne sehr weit wegschnippt.

um keine Urheberrechte zu verletzen,

kursiv gedruckte Passagen sind entnommen:

Einer. – Norbert Gstrein. Suhrkamp 1988.

Nox.- Thomas Hettche. Ullstein 2004.

Die Ästhetik der Hässlichen- Karl Rosenkranz…Bibliotheksexemplar keine Ahnung…welcher Verlag und welche Ausgabe

…letzteres habe ich vergessen…wird nachgereicht

-der Satz die Erinnerung sei ein Hund der sich hinlegt wo er will, ist ebenfalls nicht von mir. Er ist aber kein Verweis auf den Hund bei Grass oder Hettche, sondern es ist ein Satz, der bei Cees Noteboom zu finden ist und mich nun seit nunmehr 5 Jahren in regelmässigen Abständen verfolgt. Selbiges gilt für den schönen Fragesatz: wem gehört eine Geschichte, den ich zuletzt auf der Poetik Vorlesung in Dresden hörte und wie ich erst kürzlich erfuhr, ebenfalls als Titel eines Buches von Norbert Gstrein zu finden ist.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kurzgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s