eine Rezension…

Fernando del Paso: Linda ´67

Fernando del Paso ist in Mexiko nicht nur als Verfasser eines umfangreichen historischen Romans wie „Noticias del Imperio“ in Erscheinung getreten, sondern auch als Autor von Kriminalromanen. Vorliegender Roman von 1995 „Linda ´67 soll hier im Mittelpunkt stehen. Del Paso tritt damit in die Fußstapfen von Julio Cortázar oder auch Jorge Luis Borghes, die für die lateinamerikanische Literatur jenes apokryphe, aber umso populärere Genre unter dem Stern von Kafka und Wassermann auf deutscher Seite, oder aber eines Doyle und Faulkner salonfähig machten. Der Roman „Linda ´67“ ist die Antwort des aufsteigenden Vollblutintellektuellen del Paso auf diese jüngsten Entwicklungen der Literaturgeschichte. Die große Hassliebe Frankreich und seine Gourmetküche sowie ein Faible für die in Trademarks gegliederte Welt der „Upperclass“, in der sich der Autor virtuos bewegt, lassen nicht zuletzt Rückschlüsse auf die Jahre del Pasos als mexikanischer Botschafter in Paris zu.

Eine ungleiche Liebe mit brutalem Ende

Der Sohn des mexikanischen Botschafters Dave, der die Hauptrolle im Roman spielt und aus dessen Sicht dieser erzählt ist, begegnet darin der Millionärstochter Linda Lagrange. Sie ist die einzige Tochter eines vermögenden Plastiktütenherstellers und Abkömmling hugenottischer Einwanderer. Im Hauptberuf Innenarchitektin und reiche Erbin, lernt sie den Protagonist Dave durch einen Auffahrunfall auf das „edle“ und „seltene“ Hinterteil ihres Sammlerautos, einem alten Daimler, Baujahr ´67 kennen.

Danach entspinnt sich eine Liebschaft im Zeichen von Repräsentation und Versteck, bei der der „Held“ und Mörder Dave, trotz geschickter Winkelzüge gegen den Vater Lagrange unterliegt. Er verliert Linda zuletzt noch an ihren Geliebten Jimmy Harris. Bei einem Empfang in dessen Hause plant er sein Vorhaben eines verruchten Mordes an Linda, mit dessen Vollzug der erste Teil des Romans enden wird.

Der Roman ist symmetrisch um die Tatnacht und ihren Ort „La Quebrada“ gebaut, der im Zentrum steht. Im zweiten Teil geht es nun um die Flucht und die geschickte Tarnung des Täters Dave, sowie um seinen Antagonisten Inspektor Galvéz, einer illustren Figur mexikanischer Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, die im Auftrag der Kolonialverwaltung aus Spanien entsandt wurde und im Roman ganz im Sinne des Industriellen und am Leben verzweifelnden Millionärs Lagrange handelt. Dass Gálvez Pfeife raucht und auch sonst mit seinem Assistenten im Zeichen der Klischees von Sherlock Holmes steht, ist dabei eine weitere Anspielung, welche die historische Folie verwischt. Die inszenierte Erpressung von Dave scheitert an diesem Felsen scharfsichtigen Spürsinnes und innerer Logik des Detektivromanes. Die Schlüssel des alten Daimlers von Linda, die gleichzeitig die Schlüssel zu ihrem Leben und apartem Stil sind, nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Das Sammlerstück Lindas wird zur Chiffre für Lindas Leben, sie lädt gern Leute zur Teilhabe am Luxus ein, unternimmt lange Ausfahrten Richtung Mexiko ohne je dort anzukommen, gibt jedoch ungern, eigentlich nie, das Steuer aus der Hand und folgt so ihrem kontrollbesessenen Vater.

Die Geschichte eines Verbrechens und seine Leugnung

Del Paso deutet mit dem Untertitel „Historia de un crimen“ der im Deutschen etwas ungeschickt: „Roman eines Mörders“ übersetzt wurde, auf die schwierigen Beziehungen zwischen den USA und Mexiko hin. „Armes Mexiko“, sagt man dort: „so weit entfernt von Gott, aber so nah an den Vereinigten Staaten“.

Mit dem Titel „Linda `67“ ist nur eigentlich das Geburtsjahr und der Name der weiblichen Hauptperson und des Opfers gemeint, darin enthalten, versteckt sich auch ein sarkastischer Kommentar auf die Geschichte der `68er Bewegung Mexikos. „Schönes 67!“, sagt uns der Autor del Paso mit Augenzwinkern. Er deutet auf die Welt des Scheins und dem darunter verborgenen Verbrechen. „Mexico lindo!“, schönes Mexiko, ein anderes geflügeltes Wort, schwingt darin mit.

Der blonde Sohn eines verarmten Botschafters Dave, an dessen Erscheinung nichts mehr an seine Herkunft erinnert, der immer verwechselt wird mit einem Engländer, hat nichts außer symbolisches Kapital in die Ehe einzubringen. Seine Frau Linda, die zwar gerne von romantischen Liedern begleitete Fahrten Richtung Grenze unternimmt, diese jedoch nie überschreitet, wird sich ihrem Mann eher entfremden, als diesen kennenlernen. Die Identität Daves bleibt verborgen und unerkannt liegen, die zerstreuungssüchtige „Gringa“, Symbol einer selbstverliebten Touristin, wird daran nicht rühren. Ein schweifend oberflächliches Interesse und ein klischeehaftes Besinnen auf die guten wilden Zeiten, werden ebenso nicht auf die verborgenen Wunden von `68 stoßen: den staatlichen Mord an den Studenten im Herzen Mexiko Citys, der für die Olympischen Spiele und das Amüsement des „großen Bruders“ mit dem „big stick“ unter den Teppich der Weltöffentlichkeit gekehrt wurde.

Dass dieses Verbrechen sich selbst vom geschicktesten Mörder und Werbefachmann nicht verhüllen und im Meer versenken lässt, sondern wie der alte Daimler mit Patina besetzt wieder geborgen wird und ans Licht gezerrt, das ist vielleicht eine humanistische Hoffnung, die den Autor del Paso in diesem verschlüsselten Chiffreroman umtreibt oder ihn veranlasst, dem apokryphen Genre des Kriminalromans zu postmodernen und intellektuellen Würden zu verhelfen. Dieser Roman gibt ein Beispiel, wie höchster Anspruch mit konventioneller Schreibweise versöhnt werden kann.

Siegfried Schuster

Fernando del Paso: Linda ´67. Roman eines Mörders.

Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 2000.

426 S., € 15,90, ISBN: 3-426-61614-9

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