Lechts und Rinks – Brücken verbinden…

Konservative Kulturkritik und eine neue Mythologie, die eine Hingabe an die Irrationalität abfeiert, die Lust an Verschwörungstheorien, an einem Vitalismus und voluntaristischen Dezisionismus der uns spätestens seit der Ukraine wieder fest im Griff der Krise hat, ist schon so alt, das es eigentlich schmerzt. Rechte, die sich als Sozialisten gebärden und den Unterschied zwischen Rechts und Links nicht mehr haben wollen, hipieeskes Friedensgebaren, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Selbstaufgabe gepaart mit Kapitalismus- und Geldkritik, eine absichtliche Unterkomplexität der Diagnose – mit Verachtung für alles Analytische und jede Form der Intellektualität, eine generelle Politikmüdigkeit die in einem Antiparlamentarismus mündet – kennt man alles aus den Zeiten der Weimarer Republik – und woher? Haben wir damals genau genug Spengler, Klages… die ganzen Konsorten, die konservativen „Denker“unter den Deutschen Akademikern gelesen, sind wir uns im Klaren woher diese Weltuntergangstimmung wirklich kommt?
Dass die Rechten Links anzuknüpfen suchen und die Linke auf einmal eine innerparteiische Linie des „internationalen“ Antifaschismus wiederentdeckt, die ausgerechnet darin mündet, den Sympathien für Russland und seinem verkommenen politischen System unter Putin Ausdruck zu verleihen, der seinerseits gerade wieder am Erbe des Stalinismus etwas Positives und angeblich Verleumdetes wiederherzubasteln sucht, grenzt dabei an eine Farce. Wäre das nicht die Chance gewesen, endlich einmal klarzumachen, was ein linkes Projekt, transnational, heutzutage sein kann, nach der Hegemonie und dem globalen Siegeszug neoliberaler Ideologien? Aber nein, man gefällt sich darin, im schlimmsten Falle blinde Blankovollmachten und im Besten verhaltene Solidarität mit Russland gegen die bösen Medien zu demonstrieren. Dabei bastelt man sich wie die Ultrarechten auch, die immer von einer linken Meinungshoheit in den Medien faseln, diesmal eine angebliche Meinungshoheit der bedingungslosen Ukraine-Unterstützer zurecht, die ein Russland-Bashing betreiben würden, die ach-so-schlimmen Nazis der Maidan-Bewegung in Kiew verharmlosend. Das diese Meinungshoheit in den etablierte Medien ein Phantom ist, welches durch russisches Propagandafernsehen befeuert wird, was sich wundert, dass „die westlichen Medien“ so etwas eben nicht senden und offensichtlich andere Standards vertreten, fällt den Linken, die es nicht lassen können, immer wenn von Kiew die Rede ist: „Swoboda“ zu sagen, nicht auf. Ja wir haben es verstanden, wir brauchen die angeblich wohlmeinenden Warnrufe aus eurer steinzeitkommunistischen Ecke nicht. Ja Swoboda ist eine rechte Partei, ja auch sie haben Ministerposten erhalten, das ändert aber nichts daran- dass es weder eine Putsch-Regierung ist, noch dass die Linke in diesen Statements immer wieder vergisst darauf hinzuweisen, mit welchen Kräften Putin zusammenarbeitet. Putins Ziel ist es, die europäische Union zu torpedieren, deshalb wird sich die Lage in der Ukraine nicht entschärfen. Er kann wenn die Temperatur zu niedrig ist, ein Interesse an den östlichen Gebieten durch militärisches Gebaren glaubhaft machen, oder eben wie er es letzte Woche getan hat, auf den Wunsch der Donbas Region, einen Anschluss an Russland herzustellen, nicht antworten und so auf seine eigenen Bemühungen zur Entspannung beizutragen verweisen. Putin ist voll handlungsfähig: Säbelrasseln oder weißes Hemd, deutsche Sprache und unschuldiger Blick, ihm liegen beide Rollen und er treibt damit die Europäische Union vor sich her- bei seinem Höllenritt auf dem Krisenkamm. Das einzige was ihm Schaden würde, wäre eine Entspannung der Lage in der Krise, oder ein wirklicher Anschluss an Russland, den er sich, genausowenig wie Europa, leisten kann.
Die Ukrainer des Maidan sind aufgestanden, gegen ihr korruptes Regime, dagegen, ein Spielball Russlands zu sein, für echte Demokratie und Souveränität – nicht dafür, Teil der EU zu werden! Das einzige was die Lage angesichts einer müden EU und eskalierenden Fracking-Amerikanern aktuell hergibt, an deren demokratischem Wesen nicht zu zweifeln sei und die Welt genesen solle – ist weiter Spielball Russlands zu sein. Das Spiel der russischen Taktik ist perfide: immer wieder gegen die europäische Austeritätspolitik am griechischen Horiziont geschmettert zu werden, bis die Sympathien einer verarmten Bevölkerung an Russland zurückprallen, wo sie jedoch kein Gehör finden werden. Ob die Ukraine diesem Belastungstest weiter standhalten kann, dem wohnen wir in Deutschland gerade in Echtzeit bei und die deutschen Linken belehren uns immer wieder über den kulturellen und ethnischen Unterschied der Ost- und Westukrainer… der ist nämlich so tief und echt, siehste doch, kannste dir doch ansehen…genauso wie die „Brückenfunktion“ Mensch!
Der einfache imaginäre Sachse:
Nein, wir sin nich für Interventionen, die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, das ist doch eine schöne Lehre aus dem zweiten Weltkrieg: wir sind doch alle keine Nazis mehr, wir haben nichts mehr zu suchen da drüben. Hätte ja auch schon der Hitler wissen können von Napoleon. Russland ist zu gross, das kann man nicht machen. Deshalb verteidigen wir ja gerade Putin, der ist doch auch Antifaschist, Russland hat doch den Faschismus besiegt, hast du etwa keine Geschichte in der Schule gehabt, blöder pro-Ukrainischer Schreiberling? Ach, die Weimarer Republik, nein… was war da? Ach so… jene unübersichtliche Zeit, in der sowohl von links als auch rechts am schwachen Parlamentarismus und der Demokratie gerüttelt wurde – die wollten ja alle keinen Frieden diese Extremisten! Die haben ja auch die 19’er Revolution vergessen in der bundesdeutschen Schule heutzutage. Da hat die deutsche Gründlichkeit gefehlt, dass da mal jemand auf den Tisch klopft und schreit Ruhe jetzt! Genau… eigentlich wollen wir doch alle nur Ruhe und ein bisschen Frieden… vertragt euch! Das sollte dieses Weichei von Diplomat Steinmeier mal machen… mal richtig auf den Tisch klopfen! Nein, damals in der Weimarer Republik, da hatten wir noch keine Erfahrung mit Demokratie, da war das ne „junge Republik“…sowas kommt am Anfang immer vor, jeder übt mal! Na ein Glück dass das jetzt vorbei ist und wir alle ordentliche Demokraten- dieses Irrenhaus, diese Quatschebude… heute herrscht Ruhe und Ordnung, das werden auch die Ukrainer bald lernen und auch der Putin. Immerhin ist der ja ´nen ordentlicher Mann- der kann ja deutsch…Mensch dann guck doch mal im Internet…damals als der Deutschland besucht hat…jaha! Der hat in Dresden gewohnt und is am Jägerpark mitm Trabbi ums Eck gekurvt- hat seine Ludmilla abgeholt zum Blini-Essen ins Eiskaffee… der is n´ ganz normaler Mensch! Der is nich verrückt, der spielt sogar Schach…besser als Kasparov. Naja die Russen halt, so sind´se. Man muss das verstehen, die waren schon immer n ‘bissl anders- das lernen die noch.

Jaja, die Unterschiede und die Brücken…

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Für Yewgenija (beim Lesen von Meister und Margarita)

Stell dir vor alles ist einfach. Auf der Straße treffen sich Menschen und ein Verstehen ist möglich. Stell dir vor, die ganze Akademisierung, die Bewegungsforschung, all das kluge Reden und erklären warum Proteste immer unterdrückt werden und nie zum Erfolg führen, haben keinen Sinn.

Stell dir vor es ist möglich einen Staatsapparat neu zu erfinden, ein anderes Betriebssystem aufzuspielen, wie beim Computer. Stell dir vor es ist möglich, Freiheit und Demokratie zu sagen, ohne dabei an die Verfälschungen eines Wirtschaftsliberalismus denken zu müssen. Stell dir vor es ist wieder möglich, Freiheit und Demokratie im idealistischen Sinne zu sagen, ohne dabei an die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und den ad absurdum geführten Glauben der Menschen an diesen zu denken. Stell dir vor, es gibt „das Böse“ wirklich. Wenn Putin, ein Pragmatiker und Theoretiker des Selbst- und Machterhalts, ein Emblem des reinen und skrupellosen Egoismus ist, der bereit ist bis zum Äußersten zu gehen, wirklich der ist, als den man ihn immer in Verdacht hatte, ein Irrer, reich wie die Kirche aber arm an Glauben. Wenn dem so ist, dann gibt es auch „das Gute“- einen Menschen der nicht nur den Opportunismus, sondern Ideale kennt und verwirklicht, der Demokratie und Freiheit ernst meint.

Stell dir vor, die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, war wirklich wie Putin sagte der Mauerfall und der Untergang der Sowjetunion. Stell dir vor das Katastrophale daran war der Abschied von den Utopien, die Aushöhlung der Identität in jeglichem Sinne- ein Triumph des schizophrenen Pragmatismus im Politischen, der sich verleugnet, weil er seinen Scheffel unter den Sachzwang des Ökonomischen stellt, das Primat des politischen verleugnet und behauptet, eine größere Einheit als das rational egoistische Subjekt, das kleinste Atom jeder Gruppe, sei nicht möglich. Stell dir vor es ist möglich wieder Wir zu sagen, ohne dabei sich selbst zu meinen. Stell dir vor, die Menschen in der Ukraine kämpfen einen Krieg ohne Waffen. Stell dir vor, Soldaten singen Lieder, anstatt zu töten. (X) Stell dir vor, es gibt etwas, das groß genug ist, dafür zu sterben- sich selbst zu verleugnen – passiv zu bleiben – zu schweigen und doch nein zu sagen. Nein zur Lüge, zum Bösen, zur Macht in ihrer schlimmsten, in ihrer terroristischsten Form. Die Furcht davor ist echt, aus Angst reden deshalb so viele wild durcheinander. Niemand kann schweigen, auch die Kranken, die Geschundenen, die Gutmeinenden, die Verirrten, die boshaften Lügner, aber auch die Besserwisser, die Schlaumeier, die Möchtegerns und die, die sowieso nie ihren Mund halten konnten. Dieser vielstimmige Chor der Handelnden, sie alle fürchten sich davor, diese Prüfung könnte auch an sie gestellt werden. Und bei alledem Schweigen die Geprüften in ihrer redseligsten Form.

Stell dir vor die aktive, gemeinsame Stille besiegt das Geschrei und Getöse. Stell dir vor, das Wort, der Begriff, die Idee gebiert sich aus dem Nichts, wie zu Anbeginn der Zeiten, als der erste Mensch tanzte und den Gegensatz von Ihm und dem Tier sah, dass er jagte und verkörperte, wie ich dir einst erzählte. Stell dir vor alles ergibt einen Sinn.

Danke an die aufrichtigen Menschen in der Ukraine, ich glaube Europa kann viel von ihnen lernen…

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Das Elend deutscher Internetkommentatoren und Trolle

Die Frage von Sanktionen aus dem letzten Post hat sich nun erledigt. Die Fakten die Putin schafft, sind ohne Interventionen nicht mehr rückgängig zu machen. Europa hat den Willen nicht, ganz davon abgesehen, dass es auch keine kluge Entscheidung wäre einen Krieg in der Ukraine, der das Land verwüsten würde, heraufzubeschwören.
Jedoch sind die Argumente, die in Deutschland vorgetragen werden dieses Begriffs so unwürdig, dass ich sie bewerten muss.

Da kriechen sie nun alle aus ihren Löchern und reproduzieren besserwisserisch russische Propaganda, die sie auch noch als Argumente verstanden wissen wollen. Jeder Artikel der den Völkerrechtsverstoss Russlands anprangert, wird als Unterstützung faschistischer Gruppen in der Ukraine gelesen. Die Bezeichnung „Putschisten“ setzt langsam durch und auch Anonymous schreit einzig und allein herum, dass in der Ukraine Faschisten und europäische Interessen am Werke seien.
Kein Wort von den vielen „Kommentatoren“ zu Russland und davon, dass Fotos auf der Krim aufgetaucht sind, in denen Hakenkreuze auf Synagogen geschmiert werden- auf dem Maidan in Kiew hingegen wurden keine antisemitischen Reden geschwungen- keine Hakenkreuze gesichtet, die unkommentiert (und zwar kritisch von den Demonstranten) geblieben wären. Kein Wort davon, dass es auch in Russland Proteste gegen Putin gibt, die mit harter Hand von der Polizei unterdrückt werden. Dass ist die „demokratische Kultur„, wie sie in Russland vorherrscht, eine Entwicklung nicht erst der letzten Jahre ist. Kein Wort davon, dass in Russland ein Marionettenpräsident eingesetzt wurde, damit Putin wieder kandidieren konnte. Kein Wort davon, dass es harte Regeln unter Putin gibt, die Demonstrationen der Opposition praktisch unmöglich machen. Aber viele Worte, und immer wieder dieselben, dass es in der Ukraine einen „rechten Sektor“ gibt.

Wo bitte gibt’s den nicht? Wenn Morgen in Deutschland eine ernsthafte soziale Bewegung entstünde, wäre davon auszugehen, dass nationalistische Kräfte (AfD, NPD) mit auf dem Plan wären. Da sieht es in der Ukraine nicht anders aus, als in anderen Ländern. Ein Unterschied ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung im Osten direkt von russischer Propaganda und dem Staatsfernsehen informationell abhängig ist. Und nein, die Wahrheit liegt auch nicht irgendwo dazwischen, wenn eine Seite immer wieder Fakten klarstellt und die andere Seite, dauernd Weltsichten und Meinungen erfindet. Und dass es auf der Krim so friedlich bleibt, scheint ja Russland nun mal überhaupt nicht in den Plan zu passen. Aber ja, das böse böse Sprachengesetz… mit dem die arme russisch sprechende Minderheit (nein, damit es richtige Russen sind, bräuchten sie erst einmal russische Pässe!) unterdrückt werden soll- weil Ukrainisch ja als eine von anderen Amtssprachen da eingeführt werden soll. Das rechtfertigt natürlich den Einsatz von bewaffneten Soldaten, ohne Hoheitsabzeichen (ein sehr merkwürdiger Umstand, der eigentlich gegen jede Konvention spricht und den man gar nicht weiter kommentieren müßte).
Und im all das wird in Kauf genommen, weil man Europa nur als dunklen Handlanger des Kapitalismus verstanden wissen will. Es ist geradezu widersinnig, was diese verblendeten Anti-Amerikanisten mit ihrem Yankee-go-home-Putinismus befördern wollen. Und der Totalitarismus hatte ja in Russland und im Sonderfall der Ukraine so gar keine Geschichte…(http://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor). Das die Ukraine einem russischen Imperialismus und Kolonialismus unterworfen war, ähnlich wie die lateinamerikanischen Länder unter der Monroe Doktrin, keine Rede davon. Dass der ukrainische Nationalismus ein integrativer ist und kein essentialistisch ausschließender, wie der russische, keine Rede davon.
Es macht mich traurig und wütend, diese Kommentare unter jedem Artikel der etablierten deutschen Presselandschaft zu lesen. Immer wieder das Argument, hier würden Medien kontrolliert und gleichgeschalten und die deutsche Presselandschaft sei von Nato-Kriegstreibern dominiert. Wenn man eines am zögerlichen Verhalten der Europäer sehen kann, dann doch wohl, dass es gerade keinen großen Masterplan gibt und ja, da muss ich dem amerikanischen Außenminister recht geben, dass was wir von Putin sehen ist ein politisches Verhalten aus dem neunzehnten Jahrhundert, nicht ohne zu wissen, dass dieses Statement auch aus einem Munde kommt, der Drohneneinsätze in Afghanistan und Pakistan rechtfertigt. Aber Widersprüche sind dazu da, sie auch auszuhalten und man ist nicht gezwungen, auf der einen oder der anderen Seite zu stehen- gerade nicht wenn man sich für eine Demokratie entscheidet. Diese ist nämlich ein Kommunikationsprozess und keine binäre Frage von wahr oder falsch… in der Logik militärischen Handelns der Unterscheidung von Freund und Feind, die dies auch noch zur Grundfrage des Politischen erhebt, hat dies freilich keinen Platz. Daran könnte Europa in der Tat zerbrechen, und dann ein Europa neu zu errichten um es mit mehr auszustatten, als nur den Sachzwängen einer Wirtschaftsunion… daran glauben diese Schreihälse doch nicht, die alles wiederholen was die Spatzen von den Dächern Moskaus pfeiffen- um es auch noch als „Geheimwissen“ und Argument billig allen hinterherzuwerfen, die sich den Foren nicht komplett verweigern, weil sie es nicht mehr ertragen…

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Warum zögern sie Frau Dr. Merkel?

Der Grund warum Merkel sich nicht für Sanktionen stark macht und mit ihrer Verzögerungs- und Hinhaltetaktik meint Erfolg zu haben, ist, dass sie  genau ein  Teil jener selbstreferentiellen Politikerkaste ist, die sie mit Janukowytsch dabei kritisieren würde. Das Problem dieser Kaste ist, dass sie sich keine wirklich politischen Fragen mehr stellt- sondern Spiegelfechterei betreibt, die  sie als alternativlos darstellt, dabei immer in der Gegenwart und den Forderungen  des Tages verharrt – ein Sich-Durchwursteln als große Kategorie.

In der Ukraine sehen wir, wie Menschen eine echte Demokratie und Mitbestimmung fordern, und nicht jenes Marionettentheater,  was von Russland kontrolliert wird, und dabei nichts anderes  ist als das, was Putin uns vorführt. Das war auch der Ausgangspunkt der Proteste im November und Dezember, nicht die reine Frage pro- oder kontra-EU.  Die  Frage nach echter  Demokratie  ist eine Frage der nächsten Generationen und vor allem in einem globalen Kontext zu stellen. Ich zweifle, ob Merkel mit ihrem Begriff einer „Marktkonformen Demokratie“ dafür die Richtige ist. Das Primat des Politischen zurückzugewinnen, traue ich ihr nicht zu. Und genauso ist das handeln der Bundesregierung in dieser Frage. Wir können eben nicht zuschauen, wie um die europäische Insel herum  die Demokratie immer weiter ausgehölt wird und sich allein auf Wahlen beschränkt.

Echte Demokratie fordert ein breites zivilgesellschaftliches Engagement in allen Bereichen- nicht das Abgeben der Stimme ins Ungewisse einer kurzen Zukunft, Legislaturperiode genannt, die jedes  weitere Einmischen politisch bewusster und engagierter Staatsbürger rigoros und vor allem polizeistaatlich ausschließt. Deshalb ist es problematisch, wenn wir in Deutschland und  in Frankfurt und Hamburg dabei zusehen, wie genehmigte Demonstrationen polizeitaktisch eskaliert werden. Sanktionen zu fordern bedeutet auch nicht, sich den neuen rechten Strömungen, die es in der Ukraine gibt an den Hals zu werfen und gemein mit ihren antidemokratischen Plänen zu machen.  Eine funktionierende Zivilgesellschaft und echte Mitbestimmung, die es braucht, um dieser Gefahr entschlossen und solidarisch entgegenzutreten entsteht jedenfalls nicht, wenn man als Demokrat mit den Händen in den Taschen  dabei zusieht, wie rückwärtsgewandte Strömungen in einem Kampf jeder gegen jeden. die Oberhand gewinnen um dann immer dem jeweilig neuen Gewinner zur Wahl zu gratulieren.

Sanktionen gegen ukrainische Politiker würden bedeuten, dass man sich auf Basis eine Grundlage darüber entscheiden muss, was echte und was falsche Demokratie ist. Da Merkel Entscheidungen umgeht, wie der Teufel das Weihwasser wird ihre nicht-Durchsetzung nur ein Beweis für ihre Haltung sein, an der Seite Obamas weiter Demokratie nur vorzutäuschen-  wie sie damit durch die nächsten 20 Jahre kommen will, bleibt dabei  ihr Geheimnis und auch das all derer die behaupten, man könne sich ohne Entscheidungen durchs Leben mogeln.

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Literatur, Vinyl und Retrowelle

Der Markt für Literatur und Musik trennt sich anhand der Rezeptionsweisen, die mit beiden Medien eng verbunden sind, auf. So gibt es den flüchtigen Leser, wie auch den gelegentlichen Hörer von Musik, der sich nicht wirklich für Historisierung, Verstehen und ein mehr oder weniger informiertes Genießen, vielleicht auch eine intensive das heißt wiederholte Interpretation interessiert, sondern von Außen durch Moden oder Hinweise anderer, besser orientierter Marktteilnehmer auf ein Produkt gebracht wird. Seine Entscheidung für oder gegen ein Produkt fällt häufig spontan, im Vorbeigehen, ohne ein gezieltes Suchen oder den reflexiven Prozess bewusster Auswahl. Ich nenne ihn den Konsumenten. Bei der Musik fällt es noch gravierender als beim Buch auf, diese kann einmal als ein bewusstes Hören und eine gerichtete Aufmerksamkeit auf den Informationsstrom zelebriert werden, oder aber auch gleichsam als Hintergrundrauschen für Unterhaltung und Zerstreuung bei eigentlich anderen Tätigkeiten dienen. Bezüglich des Lesens ist es etwas schwieriger sich Unterhalten zu lassen, es setzt zumindest eine gewisse Konzentration voraus, jedoch besteht ein großer Unterschied zwischen einer unterhaltenden Form von Lektüre und einem kritischen Studium wissenschaftlicher Texte mit dem Bleistift und ähnlichem. Auch da gibt es jene zwei Modi der Rezeption, die jeweils andere Formen von Kommunikation darstellen.

Wichtig ist, dass der uninformierte Käufer auf Signalreize wie Präsenz in den Regalen oder Preisverleihungen, berühmte Namen als Markenzeichen und Empfehlungen und eben das untrüglich scheinende Mittel der Bestseller- und Hitlisten setzen muss, um angesichts der unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen seinen Impuls für für den Kauf eines Mediums mit dem er nicht vertraut ist zu folgen.

Daneben gibt es die Liebhaber von Musik oder eben Literatur, sie sind zu einem großen Teil damit beschäftigt, sich über Neuerscheinungen zu informieren, verfassen vielleicht Kritiken und beteiligen sich aktiv am Geschehen der Bewertung einzelner Produkte. Sie sind neben den Einflüssen der Kritik, denen sie ebenso ausgesetzt sind zusätzlich geleitet von ihrem eigenem Geschmacksurteil, welches sie aus einer langen Reihe bereits verarbeiteter und mehr oder weniger lustvoller Erfahrungen mit dem jeweiligen Medium verbinden. Wichtig ist dabei vor allem auch, dass es ein inneres Gedächtnis gibt, sie von einem habituellen Umgang mit dem Medium selbst zehren können.

Die Vorlieben der Liebhaber können sehr unterschiedlich sein, das genau macht jenen Markt für die Produzenten von Kulturgütern so unvorhersehbar. Ein gut informierter Leser zum Beispiel kann sich heute für symbolistische Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts und morgen für lateinamerikanische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts interessieren und fragt eben solche Werke auch durch gezieltes Aufsuchen nach. Wichtig für den Handel ist, will er eine solche Käuferschicht erreichen ein sehr ausdifferenziertes Angebot mit geringen Auflagenzahlen (da ja die breite Masse an Käufern nicht vorhanden ist). Also genau jene Verwirrung und Informationsüberflutung mit unterschiedlichen, oft sich widersprechenden Angeboten, welche dem gelegentlichen Konsumenten zu wieder ist. Ergänzt wird dies dann noch durch das Moment der Einklammerung des Neuen und der Historisierung, das heißt einem gut sortierten Backstock eines Plattenladens oder eben einer Backlist und einem Antiquariat.

Sowohl bei den Büchern, als auch bei den Musikgeschäften ist der Anspruch, möglichst alles zur selben Zeit verfügbar zu haben, realistisch gesehen nur im Internet zu befriedigen, es bietet sich hierfür geradezu an. Dem Handel bietet sich durch die starke Ausdifferenzierung aber auch an, auf spezielle Programme oder eben Nachfragen Nischen zu bedienen.

Aus diesen Nischen entwickelte sich die letzte Subkultur der elektronischen Tanzmusik in Europa und in Teilen Nordamerikas, Plattenspieler und Vinyl, die eigentlich eine der CD unterlegene Technik waren wurden zweckentfremdet und so wurde eben auch eine neue Semantik geboren oder erzeugt, in welcher ein Mensch der mit zwei Plattenspielern agierte, ein Vertreter einer technologieaffinen und kulturellen Funktionselite wurde. Damit war Vinyl das Zeichen von Authentizität in Clubs geworden, denn die neuesten Veröffentlichungen wurden in kleinen Stückzahlen von kleinen Mikrounternehmen und Musikverlagen gepresst, und nur in hochspezialisierten Plattenläden, die als wichtige Institution und Bindeglied zwischen dem Publikum auf den Tanzflächen und eben jener Funktionselite bestehend aus DJ´s, Veranstaltern, Clubbetreibern, Musikjournalisten im weitesten Sinne usw. funktionierten, die sich häufig auch in den sogenannten VIP-Areas trafen.

Das Vinyl jedoch hat entscheidende Nachteile für die Mobilität von Dj´s und der weltweiten Distribution, da es enorme Transportkosten verursacht. Deshalb hat es zwar noch immer einen starken symbolischen Mehrwert für die DJ´s, der in der Legitimierung und der Repräsentation von Authentizität gegenüber dem Laptop besteht. Technisch und praktisch hat es kaum Vorzüge, auch wenn die Diskussion um Vinyl natürlich im höchsten Maße symbolisch aufgeladen erfolgt und auch anstatt sachhaltiger Gegenargumente immer wieder der Underground und damit eben verbunden das Konzept einer Gegenkultur angeführt wird, was aber eben gerade als Symptom für die Aufgeladenheit des Symbols Vinyl spricht.

Interessant ist jedoch, dass seit dem Ende der nuller Jahre nicht mehr die elektronische Cluborientierte Tanzmusik der wichtige Motor für Vinyl ist, sondern eben gerade die Subkultur des Indie-Pop. Hier wird die ebenfalls Authentizität inszeniert und zwar diesmal sowohl auf musikalischer Ebene wie medialer Ebene, die erfolgreichsten Neuerscheinungen waren, wie vielfach von der Kritik bemerkt paradoxerweise stilistisch Retro- Retorten und Revivals angefangen von The Darkness bis zu Amy Winehouse und Konsorten.

Die These scheint überzeugend, dass hier Mitdreißiger mit dem nötigen Kleingeld am Werk sind, die sich die Kinder und Jugendzeit mittels des Auflegens einer „echten“ Vinyl Scheibe, die den ewigen Wert verkörpert, auf ihren riemegetriebenen High-End-Plattenspieler sentimental zurückholen. Weder technisch noch subkulturell spricht sonst etwas für den Einsatz Eines Kunststoffes als Datenträger. Aber es spricht dafür, dass sich Menschen, die mit Musik etwas anfangen können, bereit sind, hierfür auch mehr Geld als nötig auszugeben. Ähnliches wird wahrscheinlich auch dem Buch und dem gedruckten Wort passieren. Es wird zu einem Minderheitenprodukt, die großen Massenerfolge werden auf elektronischen Lesegeräten zirkulieren, welche dafür auch viel geeigneter erscheinen. Was dabei verloren geht, ist eine gewisse Konstanz und Beständigkeit, welche das Buch darstellt, wie man in Bibliotheken bewundern kann. Die aktuelle Auseinandersetzung um den Suhrkamp Verlag und seine Führung, die Frage worauf ein moderner Verlag setzen soll, ist eine Debatte die da perfekt ins Bild passt. Soll man weiterhin auf Neuerscheinungen setzen und das kostenintensive Fördern des literarischen Nachwuchses finanzieren oder eben von einer beeindruckenden Liste an namhaften Autoren zehren?

Literatur und wissenschaftliche Texte als ein Produkt für eine aufgeklärte Minderheit die ein Nischendasein in einem Meer der Beliebigkeit und großer Publikumserfolge pflegt, die ebenso schnell und spurlos wieder verwehen, wie sie gekommen sind, ist dabei bereits eine Erscheinung, wie sie in anderen Teilen der Welt bereits Realität sind. Damit verbunden wäre auch ein Abschied vom Ideal einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich selbst rational über ihre Zielsetzungen verständigen kann und bei der gegenseitiges Verstehen und Wahrheit Mittel und zugleich Zweck sind. Dieses Ideal selbst ist natürlich genauso Retro wie es das auflegen einer Kunststoffplatte die Musik abspielt auf ein technisches Gerät aus dem vorigen Jahrhundert. Beides aber spricht für das konstante Fortbestehen solcher Nischen und wahrscheinlich noch die Ausdifferenzierung solcher und nichts davon wird so schnell verschwinden, wie es manche Apokalyptiker uns glauben machen wollen.

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Neulich im Bundestag…

Heute kam es in der Befragung des Außenministers und bei der Vorstellung eines Menschenrechtsberichtes des Auswärtigen Amtes  zu einer interessanten Situation. Der  Fragesteller Volker Beck von den Grünen wollte wissen, ob es denn Vorstellungen über den angemessenen Umgang mit den Sinti und Roma hier in Deutschland gäbe. Er hätte vor einigen Minuten die Bundeskanzlerin bei einer Festveranstaltung zur Einweihung eines Denkmals für die Sinti und Roma reden gehört und die Rede als sehr gut befunden, wogegen  er im Bericht Stellen vermisse, die die Absichtserklärungen der  Bundeskanzlerin mit Handlungen untermauern und vor allem die gelengentliche Ausweisungs- und Abschottungsrethorik des BMI zurückzunehmen wäre. Herr Westerwelle teilte dazu mit, die Auffassung zu teilen, dass die Bundeskanzlerin eine gute Rede gehalten habe. Das tue er sogar, ohne die Rede gehört zu haben, denn da gelte seine Zustimmung immer.  Er musste nun selbst erkennbar ein wenig lachen und seine Aussage über das Teilen der Auffassung, dass die  Rede eine schöne gewesen sei, wiederholen. Nebenbei auch etwas von Ironie nuscheln, was jedoch  sicher aus allen Protokollen gestrichen wird.

Was wollte er eigentlich damit sagen? Teilt er die Auffassung, Frau Merkel rede sehr schön deshalb, weil er eine Differenz von Reden und Handeln der Kanzlerin anzeigen will? Warum setzt er diese Betonung ausgerechnet an der Stelle, zu inhaltlichen Fragen ist er ja erst später gekommen. Er wollte also sehr deutlich machen, was er teilt (Frau Merkel redet schön) und dem was er nicht teilt. Außerdem wäre noch festzustellen, er teilt nur die „Auffassung“, also den Erkenntnisakt selbst, den Inhalt nicht. Er teilt also das Gefühl  mit anderen, oder auch den durch Begriffe vermittelten Eindruck der entsteht, eine Meinung. Ob Frau Merkel  nun wirklich schön redet  oder nicht, dass überlässt er ganz anspruchslos höheren Mächten. Er kommt eben nur zu Auffassungen, die er dann prima teilen kann. Auffassungen und Meinungen können falsch sein, sind aber leider das, was im Überfluss bei allen vorhanden ist und woran wirklich kein Mangel herrscht, den ein Minister beheben müsste. Um zu einem wahren Urteil über einen Sachverhalt zu gelangen wäre es  wichtig, den Raum der Auffassungen und Meinungen zu verlassen. Das tut er gerade nicht. Er bleibt im Beliebigen der Teilung irgendeiner Auffassung und Meinung. Er verbleibt nicht nur da, er betont es auch noch und genau dadurch entsteht jene Ironie als Doppelsinn, er könne ja deshalb so vage bleiben, weil die Kanzlerin eben nur die „schöne Rede“ anbiete. Darüber ist er selbst erstaunt,und scheint zu bemerken, dass aus der Verdopplung der Welt in belanglose Feststellungen eine Fehlerquelle entsteht, denn es kommt vor allem darauf an, die Kongruenz von Welt und Ideen oder Meinungen die darüber gehegt und geteilt werden, gelegentlich zu überprüfen. Es gehört ja zum politischen Tagesgeschäft, dass man anstatt auf die Probleme zu kommen, lieber die Redezeit mit Belanglosigkeiten und Floskeln füllt. Darin ist sicher auch die angesprochenen Kanzlerin eine Meisterin ihres Faches. Sie zeichnete sich schon immer aus darin, passiv Probleme sich entwickeln zu lassen und erst wenn der Handlungsdruck so hoch geworden scheint, dass es unvermeidlich ist, auf Probleme zu reagieren. Meist ohne Plan und Voraussicht, sondern rein reaktiv und getrieben, alternativlos.

Westerwelle ist hingegen eher jemand, der mit seinen falschen Vorstellungen und Lösungsansätzen auch noch hausieren geht, für kein Fettnäpfchen zu schade, stolpert er sich zum Ende seiner Legislatur, dabei immer bemüht sich von allem abzugrenzen, was er selbst für falsch hält, sich aber zu einem späteren Zeitpunkt zumeist eben doch als richtig erweist. Heute jedenfalls ist er mit seiner Abgrenzungssucht ein kleines Stück zu weit gegangen, im Bemühen darum, entstand jener Fall ins bodenlose des Doppelsinnes, der seine Wahrhaftigkeit und eigenen Standpunkt versteckt. Indem er sich in eine Floskel rettete, konnte man auch glauben, er distanziere sich vom eigenen Handeln, das zu verteidigen er angetreten war. Ironie ist ein schiefes Verhältnis zur Welt, eine Distanz zwischen Handeln und Denken und man mag glauben, sie gehöre zum politischen Alltag.  Allerdings gehört sie gerade dort nicht hin, denn sie kann, ja muss, immer ausgelegt werden. Damit ist sie eine offene Flanke für den politischen Gegner, der nur darauf wartet, sich an diese Stelle einzuschreiben. Ironie hätte deshalb schon im eigenverantwortlichen rhetorischenTagesgeschäft nichts verloren, auch wenn sie beim Zuschauer und Konsumenten hoch im Kurs steht: die Differenz von Denken und Handeln hat uns, in einer von sich selbst entfremdeten Gesellschaft, fest im Griff! Einen Politiker an der Ironie scheitern zu sehen, könnte etwas vergnügliches haben, ist allerdings auch ein Eingeständnis in die Handlungsunfähigkeit eines Politikers und damit eine Bedrohung, denn wer lebt schon gerne in einem System, welches sich blinden Mächten und Irrationalität (sei es auch persönlicher Unfähigkeit) anheimgibt und überlässt.

Dies angesichts eines Themas wie den Menschenrechten, das selbst Westerwelles eigenen Worten nach: „Zuständigkeiten übergreifendes Kernelement der Politik dieser Regierung“, ist.

Nun ist vom Sein zum Sollen ein weiter Weg und mir als als Kommentator fällt hierzu vor allem ein, dass es sich dabei auch wieder nur um einen Schein handelt, den zu erzeugen sich der amtierende Außenminister alle Mühe gibt, dabei aber kläglich scheitert. Ironie des Schicksals: allein dieses Thema eignet sich nicht für Ironie!

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Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie „zweite Hand“ in Verbindung mit der „Superstruktur“, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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