Salvador Novo- eine Wiederentdeckung!

Als ich vorgestern in der Zeitschrift Sinn und Form vom Monat Juli/August ein Interview von Jochen Rack mit Zygmunt Bauman las, der jetzt eine Soziologie der Konsumgemeinschaft betreibe und dabei die prometheische Scham von Günther Anders wieder ins Feld führte, fiel mir ein anderer Text wieder ein. Salvador Novo mit dem ich mich beschäftige, schreibt im Mexiko von 1938 den folgenden Essay, der viele Gedanken enthält, die heute wieder gedacht werden. Man könnte einiges zum kulturkritischen Ansatz sagen, den Novo darin verfolgt und der etwas verbittertes hat, was später die kritische Theorie für Deutschland übernahm. Auch der Ton, mit welchem er die Rolle der Frau darstellt, könnte befremdlich wirken. Wissen sollte man jedoch, dass er selbst unter den traditionellen Rollenvorstellungen in der mexikanischen Gesellschaft als Homosexueller zu leiden hatte und wie Carlos Monsiváis später darstellen wird, der Sarkasmus und die Ironie zu seinen wichtigsten Waffen zählten. Novo jedoch wurde bis heute nicht übersetzt und so sind seine Texte hinter dem Vorhang der fremden Sprache Spanisch für die meisten deutschen Leser verborgen geblieben. Deshalb möchte ich hier nur einen kleinen, aber symptomatischen Text zugänglicher machen. Novo scheint mir aktueller denn jeh und die Kulturwissenschaft in einigen Dingen vorweggedacht zu haben. Viele seiner Ansätze müßte man auch auf die philosophische Anthropologie eines Arnold Gehlen eventuell zurückführen, jedenfalls wirklich erstaunlich finde ich die Schärfe und Bedeutung der Kategorie “zweite Hand” in Verbindung mit der “Superstruktur”, die ich ansonsten nur aus den Texten von Gehlen kenne. Aber nun möchte ich den Text selbst zu Wort kommen lassen.

Salvador Novo-  Zur Verteidigung des Gebrauchten

Eine der bedauerlichsten Erscheinungen unserer Epoche ist es, dass wir uns nicht mehr erlauben uns einer Sache oder einer Person völlig hinzugeben. Gerade erst gekauft, verführt uns ein neues Modell mit noch mehr Vorteilen, das noch nicht erschöpfte Idyll unseres Behagens wieder zu verlassen. Ein neues Auto, eine Krawatte oder ein Haus reizt uns, es einzutauschen, gegen ein anderes, dessen hinterer Sitz in seiner Führungsschiene sanfter gleitet und sich mittels eines artritischen Klicks in ein Bett verwandeln lässt; für das Haus mit Klimaanlage, oder die Krawatte mit schönerem Muster. Die Serienproduktion entreißt uns plötzlich jenem Affekt, der gerade erst Früchte trug, in der warmen Gewöhnung an unsere Persönlichkeit. Es entreißt uns das Spielzeug aus den Händen und lässt uns vor dem Rätsel des kalt erscheinendem Neuen stehen, von dem wir noch nicht wissen, wo genau man das Licht einschaltet, dessen Kupplung nicht den Befehlen unserer vormalig mit uns verwachsenen Feinkoordination gehorcht – und zwingt uns einmal mehr eine Anpassungsleistung auf, die sich nur wenige Monate später wiederholt.

In diesem Sinne war die Epoche des Privateigentums seeliger als die unsere. Die Leute hatten ihr Klavier, ihre Möbel, ihre Frau und ihr Pferd – und es blieb ihnen alle Zeit erhalten, durch Gelegenheitsreparaturen noch verlängert. Wirkliche „Qualität“ (ein Wort welchem die moderne Werbung jegliche Bedeutung genommen hat) der Dinge, die ihr friedfertiges Leben umgaben, befreiten, ja erlösten unsere Vorfahren vom Eifer eines anfänglichen Aktes sich zu entscheiden. Es gab mit den langsamen Moden, die sich organisch entwickelten und in die Kleidung eingeschrieben waren nicht das Risiko, das eine kleine Änderung des Musters oder der Linienführung sie plötzlich gegenüber ihrer Ehefrau oder gar ihres Bettes in dem sie mit dieser schliefen, als antiquiert zu erscheinen. Es genügte zumeist, dass Buggy, Essgeschirr und das Anwesen, die Dinge und Gerätschaften gut und präsentabel, resistent und dekorativ waren.

Aber nun kommt es zu nicht weniger als der Erfindung der Maschinen. Jeder nächste politische Führer oder das nächstbeste Buch, was Ihnen zur Hand ist, kann sie über die tieferliegenden Implikationen der industriellen Revolution für jene produktive Klasse unterrichten, die im Feudalismus das Privileg einer privaten Werkstatt hatte, in der die Dinge noch mit der Hand hergestellt wurden und in denen man sie gut und schön machte. Jene Stätten in welchen man noch eine wertvolle Liebe zu seiner eigenen Tätigkeit entwickelte und Meister genannt wurde. Dies ging erst nieder durch die Ankunft der Maschinen unter der Fuchtel des Besitzers und einer fernen kollektiven Arbeitsstätte in die man nicht mehr aus Berufung, sondern aus Hunger, eintrat.Aber Bücher und Führer, die um die Rettung der Menschheit besorgt waren, beginnen mit ihren Erklärungen des Chaos von einem gnädigen Prinzip und verschließen die Augen vor den Wehmütigkeiten einer ausgebeuteten Masse, die bedeutend um jeden weiteren Tag wächst und meinen, komplett davon absehen zu können. Sie finden das Glück der Menschheit darin, dass alle sich nur noch rationell, wissenschaftlich und ausreichend ernähren; revolutionäre Anzüge tragen, welche praktisch und uniform sind, in standardisierten Wohneinheiten leben und monotone Formen der Befriedigung all ihrer Instinkte praktizieren.

Aber weder Bücher noch Führer, so aufgeklärt sie auch erscheinen mögen, nehmen keine Begierden wahr, die sie nicht ins Schema der Reichtumsverteilung eingliedern können. Was sie an den Maschinen verunsichert ist nicht dass sie existieren, sondern in den Händen ihrer Besitzer verbleiben; dass es nur ein paar wenige sind, deren Truhen vor Gold überquellen und von den Tausenden von Kameraden zu Füßen der Maschinen ausgeschwitzt wurde. Bekrönt werden ihre Schränke von Anzügen aus künstlicher Baumwolle, die von ausgerechnet den Arbeitern gewebt werden, welche selbst Jeans tragen. Sie machen sich ihre Übergewichtigkeit in Achtzylindern bequem, die von athletischen Kollegen gebaut werden, die sich mit altersschwachen Bussen zur Arbeit mühen. Und wenn man aufmerksam beobachtet, ist das was sie so verunsichert, nicht das Beunruhigendste an diesen Maschinen.

Auf der Hälfte des Weges von der Struktur zur Superstruktur; zwischen dem was nackter Hunger ist und dem was man geistige Steigerung nennt, haben sich die Maschinen gestellt um unerbittlich eine Brücke zwischen ihren erdrückenden Produkten aufzuspannen und das Ergebnis ist, dass wir sie alle überqueren müssen, niemand die Freiheit hat, auf der anderen Seite des Ufers zu bleiben. Oder etwa gar schwimmend die Distanz jener Begierde, Musik zu hören, bis zum Klavier selbst zurückzulegen, welches der hybride Wunsch London, Shanghai und Australien hören zu können, durch ein Philco-Radio mit 12 Röhren ersetzt hat.

Während uns noch die Biologie anweist, im reinen Sinn Energie in einen letzten und individuellen Zweck der Lust umzuwandeln, der nur sich selbst nützlich ist, strebt das Monster einer industriell verzahnten Doktrin nach dem ökonomisch-sozial Nützlichen – diese Absurdität materialistischer Logik – und vergisst dabei, dass jenes Universum der Identität von A mit A eine Abstraktion ist, welche auf jedem Schritt von den Tatsachen, Objekten und Dingen geleugnet wird; denn die nicht biologische Arbeit, zu welcher wir in unserer mechanisierten Gesellschaft gezwungen werden, ist auf gleiche Weise unangenehm, sinnlos und abstoßend wie auch die Fiktion von Glück und gemeinschaftlicher Lust, welche Bücher und Führer verkünden, die die Errungenschaften der 20 Stunden Woche, erhöhte Einkommen, Freizeit und Gewerkschaftskongreße verheißen – mit der Obligation auf Anzügen, Autos, Radios und Filmen sowie Gemeinschaftsversammlungen.

Das Irritierende an den Maschinen ist nicht, wie sie in den Fabriken verwaltet werden, die sie unterhalten. Unter der rücksichtslosen Hand einer kapitalistischen Körperschaft, als Kooperative, oder als Teil des revolutionären Räderwerks des GOSPLAN die ihre Aufgaben verteilt (und dabei alle welche biologisch dazu bestimmt wären als Gärtner effektiv ihr Auskommen zu geniessen, als Trotzkisten erschießt, weil sie an den Entkörnungsmaschinen, an denen sie eingesetzt werden nicht anders können, als diese zu beschädigen und zu „sabotieren“) ist das wirklich Traurige, dass sie uns mit ihren Produkten einer utilitaristischen Glücksvorstellung unterwerfen; die jedes Mal perfektere Objekte hervorbringt, welche noch entfernter von uns selbst sind und noch ein Stück mehr am Platz unserer Selbst. Abgesehen davon, dass sie immer mehr unsere Aktivitäten einschränken, verlangt es die Technik nun von unserem vormals beschränktem Körper mittels Baumwollsocken, technischer Massagegeräte und ultravioletter Strahlen im Schlafzimmer, unter direktem Einfluss der Kälte, der Sonne oder des Windes zu triumphieren; die neuen und exzellenten Dinge haben zu einer Beschädigung des Geistes beigetragen, der nun eingesponnen ist in die Feinmechanik einer wahrhaften Psychose der Unvernunft, in Besitz genommen und getrieben, von überflüssiger Individualität, verkappt als allgemeiner Nutzen. Und was immer auch das Ergebnis des Klassenkampfes sein mag, sowohl diejenigen, welche ihn heute zu besitzen meinen wie die, welche ihn führen; die ihn Morgen noch verwalten und weitertreiben, werden die Schuld daran tragen, jeden Sinn des Menschen für das Dauernde zerstört zu haben.

Was zufällig ein zweitrangig erscheinendes, jedoch grundsätzliches Problem zu Tage befördert: die Objekte „zweiter Hand“. Die geschiedenen Frauen, die Automobile, die Anzüge und die Schuhe bleiben in jenem guten Gebrauchszustand, in dem wir sie zurücklassen und durch das neueste Modell ersetzen, dass es töricht wäre, sie zu vernichten, nur weil sie ausgerechnet uns nicht mehr dienen. Es gab schon immer jemanden, der sich auch mit dem second best zufrieden gab. Aber genau jener nicht zu unterschätzende Teil der Menschheit, der sich selbst sehr überzeugende Gründe dafür liefert um einen Bauernumhang vom Flohmarkt, anstatt eines persischen Teppichs in seinem Wohnzimmer aufzuhängen, hatte abgesehen von heute noch niemals größere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Möglichkeit wächst damit, dass die reichsten oder vorwitzigsten unter den Opfern des Entweihungswahns die Dinge verschleudern, und die Nuss verschmähen, ohne ihre Schale geknackt zu haben.

Sammler und Antiquare fallen aus dieser Gruppe der Käufer aus zweiter Hand heraus, weil dass was sie suchen Bücher, Gemälde oder Kunstwerke sind, kurz gesagt: Dinge die zu nichts taugen. Was Beide jedoch vereint, obwohl es weder die einen noch die anderen wahrnehmen, ist etwas allen Objekten aus zweiter Hand inhärentes, seien sie so nützlich wie eine Inkunabel oder ein Goya, so zweckdienlich wie ein 34´er Chevrolet oder ein Paar Florsheim als Schnäppchen: die menschliche Wärme der Vorbesitzer, manifestiert in den Fingerabdrücken welche die Blätter aufweisen, das bequeme Vertiefung im Sofakissen, der angepasste Sitz des Schuhs oder des Anzugs, welcher den Besonderheiten einer dürftigen Anatomie gerecht wird, die jeder gut fühlen kann. Ohne es zu wissen oder zuzugeben, nähern sich Antiqitätenhändler und second-hand-Käufer jener menschlichen Spur an, welche in den Neuesten mechanischen Dingen abwesend ist, aber bereits präsent, warm, vertraut und befriedigend in den Gebrauchten. Als der Handwerker noch seine Erzeugnisse per Hand herstellte, arbeitete er im besten Sinne biologisch und nach seiner Berufung, getreu seiner Fähigkeiten. Er drückte sich damit selbst aus und gab seiner Kreation eine Ahnung von Dauer und Unsterblichkeit mit, die sie demjenigen angenehm, schön und in einem direkten Sinne unwiderlegbar nützlich machte, welcher sie erwarb und hortete, stolz darauf und unfähig es für ein neueres Ding zu ersetzen. Das ganze Gegenteil passiert nun mit den Dingen welche nicht mehr von Menschen, sondern durch Maschinen hergestellt werden. Darauf angelegt wer gewinnt, mit einem gleichgeschaltet beschleunigten Impuls, konkurrieren die Menschen und die Maschinen darum, wer schneller die eigene Produktion der überflüssigen Neuigkeiten obsolet macht, und welche Möglichkeit zu konsumieren auf den Markt geworfen wird.

Das schlechte dabei ist, dass die Unfälle auf den Landstrassen, die Schüsse und andere der vielen Mittel, über welche die moderne Technik verfügt um die Überproduktion der Autos und Eheleute zu absorbieren, in ihrer Effektivität durch einen parrallelen Fortschritt im Straßenbau, der neuen Bremstechnik für alle vier Räder und die Notfallchirurgie unterwandert werden. Die immanente Gerechtigkeit konspiriert gegen den zügellosen Drang der Defloristen und zeigt sich als treuer Verbündeter der Liebhaber des Gebrauchten. Sie sind es – vernünftig und konservativ – welche die vergängliche Blüte verschmähen und auf die gereifte Frucht warten. Sie wissen gut, dass ein gebrauchtes Auto genauso über alle Landstrassen fegen kann und dabei mindestens so viel Geschwindigkeit erreicht, für die es gebaut wurde, dass man die Einspritzung auch reduzieren kann, um nicht gar so viel Benzin zu verschwenden und dass es es auf eine Beule mehr bei den ganzen Steinschlägen an der Front auch nicht ankommt. Solche Überlegungen oder Taktiken lassen sich auch auf alle anderen Gebrauchsgegenstände anwenden.

Zusammenfassend lacht jener Teil der Menschheit am längsten, der zuletzt lacht. Derjenige der auf seinem Leib einen Anzug trägt, welcher nicht für ihn maßgeschneidert wurde, im Kopf eine Doktrin aus zweiter Hand, der ein Haus bewohnt, dessen anfängliche Feuchtigkeit bereits verschwunden ist und es erlaubt, erst in hohem Alter von Rheumatismen geplagt zu werden und dabei ein Radio von 1933 hört, genauso gut, aber um einiges billiger, wie das von 1938, deren monatliche Raten den Nachbarn zur Verzweiflung treiben: denn am Ende hören sie beide exakt die selben Dummheiten.

Dieser besonnene Teil der Menschheit, der die gebrauchten Dinge genießt, den jener andere Teil der Leute mit solch unangebrachter Geringschätzung betrachtet, welcher die Früchte schält, ist nicht notwendiger Weise voller Wesen, die unfähig sind etwas einzuweihen, sondern es sind Individuen, welche ihre Freiheit zu gebrauchen wissen, die Konventionen abschätzen, auf ihre Gelegenheit warten und von der Erfahrung anderer profitieren. Jene Personengruppe vereint eine größere Zahl von Leuten, als man allgemein annehmen möchte, König Edward VIII. zum Beispiel…

Die Übersetzung wurde von mir angefertigt und hält sich an den Wortlaut in: Novo, Salvador: Viajes y ensayos. Tomo I. Compilación de Sergio González Rodríguez. Fondo de Cultura Económica, Mexico, 1996. S. 90-94

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Logbucheintrag

Im beschwingten Tangosound von Carlos Libendinsky in den Morgen hinein. Ein kalter und sonniger Morgen, heute wird die Demonstration der wall street Okkupanten stattfinden. Internationale Solidarität, die Zeitungen haben bereits ihr Artikel vorgeschrieben, in der Welt und dem Freitag lassen sich bereits erste Texte dazu lesen, dann noch schnell ein youtube video angeschaut, was deren Lautsprecherfunktion zeigt. Da Megaphone verboten sind, verstärken sich die Leute mit einer Masse aus Leuten, welche alles wiederholt, was die Sprecher vorsagen. Auch ganz interressant sind die verschiedenene Handzeichen, die Zustimmung, Wiederholung oder gar Ablehnung anzeigen sollen. Sehr interessant diese Ausgeburten aus den Köpfen einiger Sozialpädagogen. Dies kann sicher innerhalb einer grösseren Gruppe die Entscheidungsfindung verbessern, allerdings habe ich doch meine vielleicht kleinbürgerlichen Zweifel, ob genau dies wirklich den Entscheidungsstrukturen einer globalisierten Welt etwas entgegensetzen kann. Ich nehme an, dass es dort wie bei anderen Besetzungen (Hochschulen der letzten Jahre) einen harten Kern von Leuten gibt, welche auch auf der Strasse dort übernachten, wohingegen ein großer Teil Abends oder jedenfalls später wieder nach Hause geht. Irgendwie kennt man die Geschichte. Und die kalten Tage kommen erst noch.
Zumindest hat sich der New Yorker Bürgermeister erst mal gegen eine Räumung entschieden, was ja schon mal wirklich viel ist. Ich glaube trotzdem nicht daran, dass die Berliner heute lange auf dem Pariser Platz verweilen wollen, dass man sich ernsthaft zu etwas größerem zusammenschliessen will. Schon die Sprache der Zeitungen deutet es an, es wird von „Demonstrationen“ geredet. Wahrscheinlich ist die Strategie dahinter, die Menschen die zu dieser Veranstaltung komen auf eine langweilige Latschdemo festzulegen, von denen es in Berlin ja nun gerade eine Menge gab (Freiheit statt Angst, Anti-Pabst Demo). Alle waren einfach nur ein Zug von Menschen, mit Plakaten, welche brav die Straßen abmarschierten. Unter den Linden entlang, ein kleiner Herbstspaziergang, das hat ja noch nie geschadet, ich glaube niemand fühlt sich davon gestört und alle die dabei waren, können nachher vom guten Gewissen zehren, doch etwas getan zu haben. Nicht dass ich denke, man solle lieber Autos anzünden oder Brandbeschleuniger an Bahngleise legen, allerdings ist ein Plakat zu basteln irgendwie eine hoffnungslos romantische oder verzweifelte Tat. Was generell fehlt sind Kanäle auf denen sich diese Bürger mit ihrem Unbehagen auch einbringen können, was dann über die bloß symbolische Unmutsbekundung hinausgeht. Zivilgesellschaft die wirklich miteinbezogen wird in die Enstscheidungsfindung. Aber wahrscheinlich werden die ganzen Politiker sie erst mal alle in die Konzertierungszange nehmen, alle werden vorgespielt bekommen, etwas sagen zu dürfen und dann hinterrücks doch wieder über den Tisch gezogen zu werden. Energie in verlorene Sachen zu stecken, diese Erfahrung wird politischen newbies auf jeglicher Demo noch zu Teil werden. Ich bin gespannt und werde es mir doch nicht nehmen lassen, der Ratlosigkeit aller in die Augen zu starren und Teil davon zu sein. Unsere Generation ist vor die große Herausforderung gestellt hier wirklich etwas Grundlegendes zu ändern. Wirtschaft muss ja sicher nicht schlecht sein, in ihrem angemessenem Rahmen. Der freie Wettbewerb muss wieder in seine Grenzen in der Gesellschaft, nicht die Gesellschaft in allen Lebensbereichen diesem untergeordnet. Aber diese Phrasen kann eigentlich schon niemand mehr hören, das lese ich doch lieber weiter etwas Karl Mannheim, der mich gerade in den Ausführungen über Denkstile sehr fesselt.

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Einladung…

http://www.euroethno.hu-berlin.de/einblicke/aktuelles/veranstaltungen_content/workshop_decolonial

[17:46:20] siegfried schuster: ja cool ne
[17:46:30] siegfried schuster: komm doch mit
[17:44:01] siegfried schuster: texte haste auch dazu
[17:44:04] siegfried schuster: die les ich grade, on the edge of revolutionary academic thinking today würd ich sagen, akademistenrevoluzzer

[17:50:44] siegfried schuster: was auch das problem von post/dekolonialismus is irgendwie

[17:51:44] siegfried schuster: hat praktisch keinerlei auswirkungen oder umsetzung…außer in kleinen und kleinsten antira-initiativen wie der unseren oder dem antidiskreminierungsbüro…

[17:52:15] siegfried schuster: aber ne soziale bewegung oder sowas damit seh ick nich am horizont
[17:54:01] siegfried schuster: was mich betrübt…nur die aufsteigenden pseudo verwalter, junge leute die später mal in irgendwelchen büros zur entwicklungszusammenarbeit enden beschäftigen sich damit und zermartern sich die birne…während niebel mit der landserkappe durch afrika pöbelt…

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Technoide Seifenblasen

Angesichts des Todes sucht man etwas Unvergängliches, Bleibendes. Gott selbst als sich offenbarender Gott ließ die Menschen noch daran teilhaben-wir allerdings suchen ihn nicht mehr. Wir glauben an die Kunst! Wenn man an die Kunst glaubt, dann kann das kein Spaß sein, also nichts was man so nebenbei betreibt, kein Hobby und keine Nebensache! Deshalb geht auch nicht der flapsige Ton von Oben herab bei Poetry Slams, Lesebühnen und sonstigen Veranstaltungen. Diese drohen immer mehr zu einem noch schwächerem Kabarett zu verkommen, es ist das kleine und billige Theater, die Komödie, welche das Volk bei Laune zu halten hatte, Jahrmarktsspektakel. Dessen sind sich vielleicht viele der Lesebühnentreibenden nicht bewußt? Manche versuchen gar noch politisch rüberzukommen, dabei haben sie nur systemergänzende und erhaltende Funktionen, wirklich zersetzend und subversiv wäre nur, die Verhältnisse, welche nicht mehr zum aushalten sind in ihrer Unterdrückung jeder wirklich freien Wahl bloßzustellen. Etwas zu tun um Still zu sein, nichts zu tun. Um zu schlafen…um Kunst zu treiben- nicht um zu verdienen, oder einen Markt zu erobern oder sich einen Namen zu machen – um Kunst zu machen. Ein Stück der Ewigkeit anzugraben, Selbstzweckhaft dahingestellt. Das Vorwort zum „Bildnis des Dorian Gray“ spricht davon, Carlos Monsiváis sprach davon in einem Interview mit einer unsäglich dummen Fernsehmoderatorin. Als ob es darum gehe, seinen Namen irgendwo in die geschichtsvergessenen Köpfe der Mitmenschen einzuritzen, nein ins Allerheiligste, in die Bibliothek soll nicht der Name, sondern das Werk! Literaturwissenschaft ist keine Namensshow, es geht um die Texte ganz allein. Deshalb ist es mir auch ein wenig schleierhaft, wenn man sich in der Wissenschaft mit dem Flüchtigen, dem Einfachen, vergänglich auseinandersetzt. Das einzige worum es gehen kann, ist das was bleibt. Nach dem Sturm der Zivilisationen, nach den Wirren der Alltäglichkeit, des sich selbst zu wichtig nehmenden Betriebes. Für mehr Unvergängliches, hohes, alleinstehendes, elitäres! Das Wahre ist einzig! Der Arielismus beflügelt uns aufs neue…es geht um die einzige Kunst, die Kunst die uns vom Dasein erlöst, Filme reden nur über das Dasein, es selbst auszudrücken vermag nur die Literatur, der Text. Sich selbst sein, ganz ich, dass ist man vor allem und nur im Text. Während des Schreibens in sich selbst, auf sich selbst zurückfallen, ohne Quellenangabe zitierend ohne aus dem Schreibfluss zu kommen und von sich selbst zu entfernen. Deshalb genügt ein Essay den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht- er ist der Versuch das Denken im Text zu sich kommen zu lassen. Die methodisch unmethodische Antwort auf eine Welt des Betriebes, in der es nicht darum geht, zu sich zu kommen, sondern nur darum sich in den Betrieb einzupassen. Die richtige Form zu wählen um anzukommen, um Reputation zu gewinnen. Der Essay ist nichts von alledem, er steht im Hier und Jetzt des Denkens, verankert in der Situation. Er ist eine Antwort auf die Uhr. Da im Zeitalter des Internets und des Films, des Modernen Romans, die Synchronizität aufgehoben ist und wir überall zu gleich immerfort sein können, könnte der Essay eine formale Antwort darstellen. Jedoch ist im Internet, die Lesefähigkeit auf Aphorismen zusammengekürzt, das „Fasse dich kurz!“ des Essayisten ist zum „Spuck auf den Leser!“ des billigsten Bild-Journalismus verkommen. Bewirf ihn mit Informationen, lass ihn nicht durchatmen, nicht etwa eigene Gedanken finden… das wäre die Katastrophe. Beschäftigtes hinterherrennen ist die Erscheinung heute. Man läuft im Kreis und in der Stadt dem Ort der rastlosen Bewegungslosigkeit, den Ereignissen auf der Spur, die nichts Bedeutendes mehr haben weil die Bedeutung mit dem Publikum abhanden gekommen ist. Nur die Spur selbst ist das Bedeutende. Das Publikum sind heute zwanzig Betrunkene auf einer Wiese im Stadtpark, die dem betrunkenem Bass zugrölen, der unter Ihnen tobt. Es ist der Rhythmus, jenes nie schweigende ruhelose Pulsieren, ein Herzschlag, die Lebenszeit die auf dem Spiel steht, die verschwendet wird. Verschwende deine Jugend wie dich selbst und hoffe nicht auf Morgen wenn du jetzt der Rhythmus sein kannst. All das sind nur Versuche hinter die Bedeutung eines elektrischen Basses zu kommen, Näherungen an die Präsenz eines Signals. Einen Klick weiter wartet schon ein anderes Störgeräusch, mit dem mobilen Rechner geht es zum nächsten Stadtpark auf die nächste Weide der Bedeutungslosigkeit. Was sind schon die Namen der dort auftretenden, die Gruppen welche das notwendigste Organisieren, alles Chiffren die nur die Theoretiker interessieren, das Flüchtige und wandelbare Fluide ist schon mindestens fünf Parks weitergezogen, bevor diese am Ort des Geschehens ankommen und immer schon weg. Die Kommunikationsmethode ist der Inhalt selbst, das Internet kristallisiert sich zu Farbtupfern und Menschentrauben, die sich auflösen und neu sammeln, kleine Blasen des Glücks, der Verderbnis all des menschlichen und allzu menschlichen. Der Seifenblasenmann im Mauerpark ist das auf Dauer stellen dieser Metapher eines fragilen Nichts mit Großbuchstaben.

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Sommerloch

Würde irgendeiner dieser Superschurken, die im Kino jedesmal die Welt zerstören wollen, tatsächlich einmal auf den roten Knopf drücken: wer rechnete damit, dass auf dem Display erst einmal eine Sanduhr oder ein grün schimmernder Balken erscheinen würde, der sich langsam, sehr langsam und immer viel zu langsam dem Ende nähert, aber die hundert Prozent doch nie vollmacht – bevor er dann mies irgendwo verreckt?

Und damit hätte Batman, Superman oder Captain America wieder mal Zeit uns noch ein bisschen weiterwursteln zu lassen. Er käme garantiert rechtzeitig, bevor das System des Superschurken neu gestartet ist!

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Oaxaca, zwei Tage vor der Wahl

Zu Gast bei OIDHO

Am Montag in Oaxaca angekommen – vom Mord am Kandidaten in Tamaulipas erfahren, die TAZ und der Freitag berichten – sieht alles nach einem Werk der Zetas aus.

Hier gibt es kein fließendes Wasser, aber Internet! Dafür ist das Regenwasser angenehm eisig, wenn man es sich mit einem Plastikbehälter über den Kopf gießt. Die Palmen auf dem Grundstück und die Bäume vermitteln eine angenehme Kühle. Die Leute hier sind extrem freundlich, ich bin beeindruckt von dem was man in Gemeinschaftsarbeit auf die Beine stellen kann.

Das Haus hier ist eine Art Schule aus Beton gebaut, das obere Stockwerk hat einen wundervollen Blick auf die Berge Oaxacas zu bieten, im unteren wird man von Stechmücken und Spinnen geplagt. Nachmittags spielen die Kinder des Viertels auf dem überdachtem Basketballplatz vor dem Haus. Auf die Klos und Duschen muß man einen Eimer Wasser mitnehmen, was eine Art Campinggefühl aufkommen lässt. Die Straßen des Viertels hier haben keinen Asphalt, sind furchtbare Huckelpisten, ein deutscher Feldweg ist eine Landebahn dagegen.

Über solche Wege quälen sich lila weiße Taxis, mit fünf Personen besetzt, die nur als “Kollektiv” den Taxifahrer bezahlen können, der gerade seine Stoßdämpfer in den Arsch reitet, aber nur so daß Nötigste auf den heimischen Esstisch zaubern kann, wenn er seinen Verdienst nicht vorher aus Frust irgendwo in einer Absteige versäuft.

Nachts geht man besser nicht auf die Suche nach einem Taccostand, die Gegend hier sieht alles andere als vertrauenserweckend aus. Überall lauern Straßenköter, es ist sehr dunkel, jeder sieht zu daß er so weit wie möglich in der Nähe seines Hauses abgesetzt wird. Der nächtliche Laufschritt und das Ausweichen vor jeglichem Passanten spricht für die nackte Angst aller Bewohner dieses Hügels, welche auch mich überkam als ich die wahnwitzige Idee hatte, Nachts ausserhalb zu essen. Aber man sagt, die zentrale Busstation, die Endstation der Kollektive, sei noch gefährlicher. Erst kürzlich wurden die Schwester meiner Führerin und eine Tochter einer hier wohnenden Frau an der Busstation überfallen und ausgeraubt. Die mit „Königlicher Weg“ bezeichnete „Straße“ auf dem Weg zur idyllisch friedlichen OIDHO-Raumstation am Ende der Zeit ist nur ein Beispiel mehr, jenes blanken Sarkasmus von Fortschritt und Glücksversprechen der PRI, angesichts dessen jeder Taxifahrer in Mexiko flucht, dessen Unterboden gerade über Schlaglöcher Steine schrammt.

Ursprung der “Jungfrau der Barrikaden”

Das Zentrum der Stadt war bis heute noch ein einziger Planton, das heißt überall wurden Plastikplanen aufgespannt, unter denen die Lehrer der Gewerkschaftssektion 22 schlafen. Diese befindet sich seit 2006 im Dauerstreik.

Eingang zur Gewerkschaftszentrale

Sie ist Teil der APPO (Freie Versammlung der Völker Oaxacas) und fordert den Rücktritt des Gouverneurs Ulises Ruiz, der das Vorgehen der Bundespolizei am 17. November des selben Jahres zu verantworten hat, bei dem 26 Tote auf Seiten der Protestler zu beklagen waren. Neben diesen Forderungen kam es aber gerade auch im Vorfeld zu den Gouverneurswahlen, die am Sonntag stattfinden sollen zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wie der Überfall auf eine Friedenskarawane vor drei Wochen, welche Lebensmittel und Lehrer in ein entlegenes Dorf (San Juan Copala) bringen wollte, welches von Paramilitärs bis heute besetzt gehalten wird und bei der zwei der Menschenrechtsaktivisten ums Leben kamen. Weitere Vorfälle wie die durch Schüsse verletzte Journalistin an der Universität vor zwei Wochen sind ein Teil davon.

Am Mittwoch dann die Erfolgsmeldung: alle Gefangenen von Atenco wurden im Wiederrufungsverfahren vom obersten Bundesgericht freigesprochen. Alle, auch der zu 146 Jahren Haft verurteilte Ignacio del Valle sind seit heute auf freiem Fuß und wurden von Komites vor dem Gefängniß im Empfang genommen. Das Raunen der Aktivisten und der seit nunmehr vier Jahren andauernde Kampf der Menschenrechtsorganisationen und Familien auf dem Zocalo, als die SMS die Runde machte, war also nicht umsont! Feststimmung!

Rückschläge

Heute dann die Hiobsbotschaft vor der Wahl am Sonntag: die Sektion 22 zieht sich zurück! Der Zocalo wird geräumt, die Lage ist angespannt. Die ambulanten Händler packen ihre Stände zusammen, man erwartet, dass sie sonst von der Polizei geräumt werden. Es gab einen Marsch der Gewerkschaft, an dem sich viele der hier in Oaxaca vertretenen Organisationen die Teil der APPO sind, nicht beteiligten. Die Abschlußreden waren reißerisch.

Als der Chef der Gewerkschaft auftrat und seinen strategischen Rückzug verkündete kam es zu Buhrufen und pfiffen. Seine Sicherheitskomites sperrten den Kiosk, Fotografen und Presse wurden jedoch heraufgelassen, vereinzelte Flaschenwürfe. Seine Anhänger auf dem Kiosk erhoben die Faust und stimmten die Hymne der Marxisten an, Flaschen wurden geworfen. Als er vom Kiosk herabstieg und in Richtung des Gewerkschaftsgebäudes geleitet wurde, kam Bewegung in die Menge und er mußte gemeinsam mit seinen Beschützern rennend den Zocalo verlassen.

Der Kampf geht weiter

Es sieht also alles danach aus, als wolle die PRI den Weg ebnen, um bei den Wahlen am Sonntag doch wieder einen Gewinn “herbeizuzaubern” (Proceso berichtet in der Ausgabe von voriger Woche über die Methoden des Wahlbetruges und man kann bereits jetzt sagen, dass beträchtliche Mittel aus dem Haushalt des Bundeslandes in den Wahlkampf des PRI Nachfolgers von Ulizes Ruiz geflossen sind, mit dem er am Sonntag Stimmen “kaufen” wird). Da die APPO als horizontale basisdemokratisch orientierte Bewegung jedoch nicht nur von der vertikal strukturierten Gewerkschaft der LehrerInnen, mit nach außen demonstriertem marxistisch leninistischem Einschlag, abhängig ist, sieht wohl alles nach einem länger andauerndem Kampf um Beteiligung und Teilhabe bis jetzt marginalisierter Bevölkerungsteile aus, der auch und gerade nach dem zu erwartendem Wahlsieg der PRI hier andauern wird.

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Kleiner Lagebericht aus dem Krimiwunderland- von verschwundenen Politikern, Knastansprachen und wieder zurück zur Bibliothek, in der ich sitze.

Die Tagespresse hier ist voll vom Falle Diego Fernández de Cevallo. Jeden Tag neue Artikel. Proceso, das wohl am stärksten vertretene Politmagazin auf dem mexikanischen Print-Sektor hat gleich mehrere Seiten jener Persönlichkeit gewidmet, die genau am Tage meiner Ankunft hier als verschwunden galt. Fast pittoresk, was in der mexikanischen Politik so alles vor sich geht, ging und gehen darf.
Jener illustre Herr Cevallo ist aus deutscher Sicht ein Musterbeispiel für den mexikanischen Korruptionsfilz. Ich warte noch auf den(!) Gangsterfilm mit ihm im Mittelpunkt. Nicht nur dass er seine Hände als Sprecher für eine Klinik im Spiel hatte, in der Narcobosse Gesichtsoperationen bekamen, nein hauptsächlich verdiente er sein Geld als Anwalt und machte es sich zur Aufgabe, den Staat, im Auftrag von ehemals enteigneten reichen Großgrundbesitzerfamilien um größere Millionenbeträge zu erleichtern. An diesen Beträgen verdiente er als Anwalt soviel mit, dass er sich gleich mehrere Ranches im ganzen Staatsgebiet von Mexiko kaufen konnte. Einen Interessenkonflikt zwischen seiner Tätigkeit als Anwalt und gleichzeitiger Staatsdiener sah er dabei nicht. Diese Einstellung teilt er übrigens mit den Vertretern des alten PRI-Apparates.
Solch eine Ranch darf man sich ungefähr so vorstellen, dass dazu neben ausgedehntem Grundbesitz auch eines oder mehrere Dörfer gehören, in welchem er die Straßen reparierte und für welches er als „Patron“ galt. Die Menschen dort bewunderten ihn, beten jetzt auch für ihn Rosenkränze, denn damals baten sie ihn ja auch um Arbeit und alles was sonst noch dazugehörte. Proceso beschreibt diesen Habitus des Politikers zu Recht als Neofeudal. Auf einer von diesen Latifundien wurde er denn nun auch entführt. Das Entführerfoto wurde über Twitter und Facebook verbreitet, mehrere mexikanische Behörden haben mittlerweile auch die Echtheit zertifiziert.
Was man allerdings nicht zugeben möchte ist, dass es sich um ein organisiertes Kartell oder Profis handelt. Das Hauptproblem für die mexikanischen Behörden ist, das jener Diego de Cevallo einer der wichtigsten Vertrauten des amtierenden Präsidenten ist. Man munkelt sogar, das Kabinett gehorchte bis dahin mehr ihm, als Calderón selbst. Dies ist zumindest ein Zeichen, ein Zeichen für Calderón und den „Krieg gegen die Drogen“, der jetzt schon mehr als zwei Jahre andauert. Das Zeichen jedenfalls sagt: „Es kann jedem passieren, wir kriegen euch alle!“
Deshalb wird es auch halboffiziell als Versuch eines erzwungenen Friedens der Narcomafia interpretiert. Hoch im Kurs stehen jedenfalls das Juarez-Kartell, dessen Anführer „El Chapo“ Gúzman seit seiner spektakulären Flucht aus einem Gefängnis in Jalisco nationale Berühmtheit erlangte und auch erst kürzlich seine Frau befreite. Aber auch die „Zetas“, eine übergelaufene Spezialeinheit der Polizei, die durch Enthauptungen ihrer Gegner vor laufender Kamera und Gewalt gegen Migranten auf sich aufmerksam machte, werden gehandelt.
Nichts genaues weiß man nicht, nur dass die Familie von Diego jetzt um Ruhe bittet. Hat sich natürlich keiner dran gehalten, die PGR (Generalstaatsanwaltschaft Mexikos, Ironie der Geschichte: den Generalstaatsanwalt hat Diego noch selbst ernannt…) fuhr erst mal vor den Pressefotografen alles auf, was sie so zu bieten hatten. Viele Hunde, schwerbewaffnete Polizisten und sogar Aufklärungsdrohnen wie im Irak erkundeten die weitläufigen Gebiete der Ranch von Cevallo.
Unterdessen wird der PRD Kandidat von Quintana Roo wegen Drogenhandels ins Gefängnis geworfen und hält dort lustige Ansprachen, die mich vom Pathos her ein bisschen an die legendäre Rede von Allende im Präsidentenpalast erinnerten, nur mit einer viel hässlicheren bösen Narcostimme, die man nun wirklich keineswegs ernst nehmen kann. Auch möchte ich mich hier ausdrücklich davon distanzieren, Allende und diesen Typen gleichzusetzen.
In Jalisco diskutiert man derweil, als gäbe es sonst nichts zu tun über die „Pille danach“ für Frauen die vergewaltigt worden sind (Aus meiner Sicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber ich bin ja auch kein Katholik!). Derweil wurde ein Gefängnis gleich hier um die Ecke vom Militär gestürmt und dabei wurden nicht nur Gefängnisse in den Gefängnissen aufgedeckt, sondern Waffen, Drogen und weitere offen zu Tage liegenden dunkle Geheimnisse des mexikanischen Strafvollzuges sichtbar. Der PRD Mann dürfte jedenfalls keine großen Probleme im Knast haben, gehört er doch zu den einflussreichen Herren, die in solchen Anstalten einsitzen werden.
Die Wahlallianzen in den einzelnen Bundesländern zwischen PAN und PRD dürften durch all diese Enthüllungen und Anschuldigungen noch weiter in ihrer substanzlosen Wackligkeit entlarvt werden. Unterdessen gewinnt bei alldem Chaos die PRI wieder an Fahrt und wird sich wohl Staat um Staat zurückholen. Dann ist alles wieder beim alten, der Drogenkrieg wird wohl beigelegt werden und der nächste Präsident wird wieder ein Vertreter der alten PRI-Doppelzüngigkeit sein. Das wird für alle Politikwissenschaftler ein historisch einzigartiges Beispiel für eine Transition des Staates von der Scheindemokratie in eine Scheindemokratie mit fast-Bürgerkrieg zurück zum alten Autoritarismus des PRI Systems.
Für eine Äußerung zum erst kürzlich geschehenem Doppelmord an den Menschenrechtsaktivisten aus Mexiko und Finnland, die in Oaxaca von einer bewaffneten Organisation mit PRI Verbindungen verübt worden (MULT), hat Calderón dann doch endlich ein paar Worte gefunden, es hat auch nur 21 Tage gedauert! Er versicherte der Botschafterin Finnlands jedenfalls gerechte Strafen und Ermittlungen. Wie er diese Versprechen umsetzen will ist ihm wahrscheinlich selbst noch ein Rätsel.
Der US- Kongress und darunter besonders die Republikaner, straften ihn mit Missachtung und applaudierten auch nicht, als er bei seinem Besuch neulich die Forderung vortrug, die großen Brüder sollten doch mal über ihre Waffenexporte nachdenken und vielleicht auch doch noch ein zweites Mal über die Verschärfung des Migrationsgesetzes von Arizona. Obama kündigt derweil ganz gewitzt an, er könne den armen Calderón durchaus verstehen und sei an seiner Seite, schickt aber im selben Atemzug 1200 Nationalgardisten an die Grenze.
Unterdessen gefällt mir 2666 immer mehr und irgendwie werde ich den alten Dichterfürst Octavio Paz und seinen mit einem Seufzen verbundenen Ausspruch nicht los: „El problema de México no es el PRI, el problema de México es, si el méxicano se deja gobernar sin el PRI.“
Der CIA hat es schon lange gewusst und war deshalb auch schon vor reichlich sechs Wochen durch seinen Chef, der zu Einzelgesprächen einlud vor Ort. Der Weg für die Transition zum PRI- System der Friedhofsruhe ist also bereitet…wenn, ja wenn da nicht auch noch ein anderes, schmutziges und von der Sonne gegerbtes, lederhäutiges Mexiko der Habenichtse irgendwo am Boden der Geschichte schlafen würde. Ob dies aber aus seinem Jahrhundertschlaf erwacht, erwachen kann und worauf sich seine Wut dann richtet, wird sich zeigen, wenn die erste große Revolution des vorigen Jahrhunderts ihr Hundertstes feiert.

Guadalajara, Jalisco, Mexiko

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Bienvenido a Mexico…

Zwei Stunden bei der Migration angestanden, Anschlußflug verpasst und jetzt im Hotel.

Im Hotel angekommen, diese kleine Entdeckung gemacht, beim Hinterhofblick…

In einer Stunde geht`s dann endlich nach Guadalajara weiter .

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Nachtrag zum Axolotl

Gleich vorweg, ich habe das Buch von Hegemann nicht gelesen und will es auch nicht tun.

Eines fällt mir aber auf, in den Rezensionen die ich gelesen habe, wird an keiner Stelle Roger Bartra erwähnt (welcher in meiner blogroll auch verlinkt ist). Dieser benutzt in seinem Buch „La jaula de la melancolía“ (Der Käfig der Melancholie) das Axolotl als Chiffre für die mexikanische Identität. Sein ganzer Essay bezieht sich durch Beschreibungen und Skizzen immer wieder auf jenen Schwanzlurch mit dem für uns so merkwürdigen Namen, dessen Besonderheit darin besteht, dass er sich vermehrt, noch bevor er die eigentliche Geschlechtsreife entwickelt. Er bleibt dadurch in einer morphologischen Übergangsform zum fertig entwickelten Frosch (oder was auch immer das werden sollte) stecken.
Zum selben Thema gibt’s vom Altmeister Cortázar auch noch eine Kurzgeschichte, in welcher der Erzähler ein regloses Axolotl im Schlamm betrachtet. In der Literaturwissenschaft wurde dies bisher als Chiffre der Umgang mit der indigenen Bevölkerung gelesen.
Ein tiefsinniges Starren und ein Verharren angesichts der Unmöglichkeit verschiedener Rationalitäten. Ein Unverständnis und eine merkwürdige Passivität, welche indigenen Gemeinschaften und Individuen bis heute immer wieder vorgeworfen wurde. Und so liest man dann auch noch bei Samuel Ramos und seinem kulturpolitischem Programmwerk der zwanziger Jahre zum mexikanischen Nationalismus den oder die „Indigene“ als ein „Hindernis“ zur nationalen Einheit und dem fortschrittlichen Himmelsreich heraus, welches im Sinne des Fortschritts überwunden werden muss, so zumindest Ramos.
An ein solch negatives Bild knüpfte denn auch der Umgang der mexikanischen Anthropologie mit den indigenen Gemeinschaften in Mexiko an, wenn es Bildungsprogramme und Entwicklungshilfe durch Studenten formulierte, die in die marginalisierten Gemeinden geschickt wurden um dort den Segen der Moderne überzeugend zu verbreiten, zumeist aber nichts taten, oder auch angesichts der mangelnden Mittel tun konnten, außer selbst zutiefst fasziniert Drogenberichte oder ähnliche Beobachtungen und Untersuchungen zu schreiben (dies ist vielleicht eine etwas holzschnittartige Zuspitzung des Problems, das aber im Sinne der Verdeutlichung verstanden werden soll).
Dies wurde dann erst in den frühen Achtzigern durch die linguistische Wende anders, als man entdeckte, dass Zweisprachigkeit und bilinguale Programme ein wesentliches Merkmal wirklich fortschrittlicher Bildungspolitik ausmachen müssten. Die Umsetzung jedoch scheiterte kläglich, es standen nicht genug Lehrer zur Verfügung um solch hehre Ziele auch in der pädagogischen Praxis umzusetzen. Dabei ist es bis heute geblieben und bei Roger Bartra wird das Axolotl zur Chiffre für die mexikanische Identität. Eine erzwungene Identität, die keine Zeit hat sich zu Ende zu entwickeln und auf einer Schwundstufe verharrt, müsste man sagen. Diese Schwundstufe ist der revolutionäre Pathos der mexikanischen PRI und ihr nationaler Befreiungsdiskurs:

„Pero no se trata solamente de una necesidad deol desarollo económico por salir de la crisis y del estanciamento; una gran parte de los mexicanos comienza a rechazar esa vieja cultura política que ha sido durante más de sesenta anos la fiel companera del autoritarismo, de la corupción, de la ineficiencia y del atraso. Esa cultura política es el nacionalismo revolucionario, y uno de sus componentes esenciales es lo que he denominado el canon del axolote.“

Was dies alles mit Hegemann und Airen zu tun hat weiss ich jetzt auch nicht, mir fällt aber, wenn immer mein Blick über eine Rezension stolpert nur eben auf, dass über das Axolotl und seine zumindest zwei literarisch/wissenschaftlichen Spuren und seine Wichtigkeit nicht weiter reflektiert wird. Das Axolotl jedenfalls ist keineswegs „nur“ ein mexikanischer Schwanzlurch, sondern eine ganze Menge mehr…

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Unmittelbarkeit und Vermitteltheit

Um den Posting Durchsatz meines Blogs zu erhöhen, hier eine kurze Statusmeldung ganz Twitter like. Auch weil die Klickstatistik bei Videoeinträgen ganz erstaunliche Sprünge veranstaltet, wie ich seit kurzem sehen kann.

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